Nigerias ungeklärte Zwillingsmorde | Afrika | DW | 05.11.2013
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Afrika

Nigerias ungeklärte Zwillingsmorde

Es ist ein archaischer Brauch: In einigen nigerianischen Dörfern töten Eltern neugeborene Zwillinge, weil die Kinder als verhext gelten. Nigerias Regierung verspricht Aufklärung und juristische Konsequenzen.

Eigentlich hätte Micah Elijah zwei ältere Geschwister. Doch weil sie Zwillinge waren, durften sie nicht leben. "Die Leute hier glauben, dass Zwillinge verhext sind, dass sie böse sind", sagt der junge Mann. Dieser Glaube habe ihn selbst fast das Leben gekostet. "Mein Vater wollte auch mich umbringen. Jemand hatte ihm erzählt, dass das Kind, das nach den Zwillingen geboren wird, ebenfalls böse ist, und dass ich noch gefährlicher werden würde als die Zwillinge. Der Mann sagte zu meinem Vater: 'Er wird dich umbringen, wenn du ihn aufwachsen lässt.' "

Was an archaische Bräuche aus längst vergangenen Zeiten erinnert, ist in einigen Dörfern nahe der nigerianischen Hauptstadt Abuja offenbar auch heute noch Realität: In mehreren Dutzend Gemeinden sollen in jüngster Zeit Zwillinge getötet worden sein. Doch die meisten Bewohner schweigen beharrlich, wenn man sie auf das Thema anspricht.

Archaischer Brauch

In vorkolonialer Zeit galten Zwillinge in einigen Gegenden Nigerias als "entartet", als böses Omen. Es war ein verbreiteter Brauch, sie direkt nach der Geburt zu töten. Vor allem westliche Missionare brachten die Dorfgemeinschaften dazu, diese Bräuche aufzugeben. Laut einem offiziellen Bericht nigerianischer Behörden halten einige abgeschiedene Gemeinden jedoch nach wie vor daran fest. Offenbar fallen auch Kinder, deren Mutter kurz nach der Geburt stirbt, diesem Brauch zum Opfer. Zusammen mit der Leiche ihrer Mutter würden sie bei lebendigem Leibe begraben, heißt es. Auch behinderte Kinder hätten in den betroffenen Dörfern - genau wie die Zwillinge - kaum Überlebenschancen.

Blick auf die Stadt Abuja in Nigeria (Foto: Jeff Attaway , März 2004) Lizenz creative commons: Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) Quelle: http://www.flickr.com/photos/attawayjl/3328278835/sizes/o/in/photostream/

Die betroffenen Dörfer sind nicht weit von der nigerianischen Hauptstadt Abuja entfernt

Dabei gilt Nigeria als das "Land der Zwillinge": Zwischen 1972 und 1982 waren von 1000 Geburten etwa 50 Zwillingsgeburten - fast vier Mal so viele wie in Europa oder den USA. Aufgrund der Zunahme von Hormonbehandlungen gibt es inzwischen aber auch in den Industriestaaten verstärkt Mehrlingsgeburten. Viele führen die häufigen Zwillingsgeburten in Nigeria und anderen westafrikanischen Ländern auf die Ernährung zurück: auf ein bestimmtes Hormon, das in der Yamswurzel enthalten ist. Doch eine wissenschaftlich gesicherte Erklärung haben Mediziner noch nicht gefunden.

Kinder vor den Eltern schützen

In der Hauptstadt Abuja hat die Regionalregierung nun eine Kommission aus Menschenrechtsaktivisten, Polizisten, traditionellen Führern und Frauen einberufen. Sie sollen herausfinden, welches Ausmaß die Tötungen tatsächlich haben. "Das Gremium wird Empfehlungen aussprechen, wie man in der Angelegenheit weiter verfahren soll", sagt Olajumoke Akinjide, Staatsministerin für das Hauptstadtterritorium. Für sie steht fest, dass die Täter vor Gericht gestellt werden müssen: "Das ist schlicht und ergreifend Mord. Wir haben ein Gesetz zum Schutz von Kindern. Die Rechtslage ist eindeutig - es geht nur noch darum, das Gesetz anzuwenden."

Pfarrer Olusola Stevens geht es darüber hinaus um Prävention: Er versucht die Kinder zu retten, bevor es zu spät ist. In Gwagwalada, einem Ort am Rande von Abuja, betreibt der Pastor ein Kinderheim. "Was ich hier mache, ist die Zukunft von Nigeria zu retten", sagt Stevens. "Kein Land der Welt kommt ohne Kinder aus. Wenn man die Kinder nicht rettet, raubt man einem Land seine Zukunft."

Wandel in den Köpfen

Schulkinder in Nigeria (Foto: LEHTIKUVA / Antti Aimo-Koivisto)

Bildung und Aufklärung sollen dem Töten von Kindern ein Ende setzen

Seit Jahren kämpft Olusola Stevens dafür, dass die Regierung eingreift. Er ist froh, dass sie nun endlich eine Untersuchungskommission eingerichtet hat. Doch die Sache müsse vorsichtig angegangen werden: "Wenn wir nur das Gesetz durchsetzen, dann werden wir die Betroffenen nicht erreichen können", sagt er. "Diese Menschen sind nicht so ortsverbunden wie wir. Wenn wir ihnen drohen, dann könnte das gesamte Dorf umsiedeln, und wir hätten keine Chance, sie wieder ausfindig zu machen." Obwohl die betroffenen Dörfer nicht weit von der Hauptstadt entfernt lägen, seien sie schon jetzt schwer zu erreichen, weil das Gebiet von Flüssen durchzogen sei.

Es reiche außerdem nicht aus, bereits geschehene Morde zu ahnden, sagt Pastor Stevens. Es gehe auch darum, weitere Morde künftig zu verhindern: "Der Staat muss mehr Entwicklung in die Dörfer bringen und Anreize dafür schaffen, dass die Bewohner aufhören mit dem Töten von Kindern", sagt er. Eine bessere Schulbildung etwa sei wichtig, um die Menschen aufzuklären. Wenn es mehr Krankenhäuser gäbe, müssten weniger Frauen bei der Geburt sterben und Familien würden die Neugeborenen nicht mehr aus diesem Grund töten. Neue Straßen und Brücken würden die Dörfer aus ihrer Isolation holen und stärker an die Außenwelt binden. So könnte es langfristig zu einem Wandel in den Köpfen der Menschen kommen, hofft der Pfarrer.

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