Nigerias schwieriger Kampf gegen Boko Haram | Afrika | DW | 23.10.2013
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Afrika

Nigerias schwieriger Kampf gegen Boko Haram

Angst und Schrecken in der Bevölkerung: Nigerias Terrorgruppe Boko Haram soll endlich wirkungsvoll bekämpft werden. Doch trotz massivem Armeeaufgebot sind die Islamisten wieder präsenter denn je.

Bilder des Grauens flackern über einen Computer-Bildschirm. Die Qualität ist schlecht, manche Szenen sind kaum zu erkennen. Doch die Botschaft ist eindeutig. Das 45-minütige Video zeigt Folter und Mord an zwei Polizisten, die offenbar in die Hände der Terrorgruppe Boko Haram gefallen sind. Um sie herum stehen mit Tüchern vermummte Kämpfer, die ihre Opfer im Laufe des Filmes umbringen. Woher das Video stammt, wie alt es ist und wie es an die Öffentlichkeit gelangte, darüber kann nur spekuliert werden.

Eins zeigt es aber deutlich: Die Islamistentruppe, deren Name übersetzt "Westliche Bildung ist Sünde" bedeutet, terrorisiert weiter die Menschen in Nordnigeria. Und das, obwohl die Regierung im Mai den Ausnahmezustand über den Nordosten des Landes verhängt hat und die Sicherheitskräfte seitdem in dieser Kernregion der Terroristen das Sagen haben. "Sie mögen aus ihren Camps und Rückzugsgebieten vertrieben worden sein. Aber deshalb sind sie ganz sicher nicht besiegt", erklärt Nnamdi Obasi, Nigeria-Analyst der nicht-staatlichen Organisation International Crisis Group. Aus seiner Sicht gibt es wenig Hoffnung auf baldigen Frieden. Die Gruppe sei weder weniger radikal geworden noch habe sie ihre Ideologie aufgegeben.

Nnamdi Obasi, Nigeria-Analyst der nicht-staatlichen Organisation International Crisis Group (Foto: Katrin Gänsler, DW)

Nnamdi Obasi von der International Crisis Group beobachtet die Lage mit Skepsis

Traditionelle Kriegsführung funktioniert nicht

Dabei gilt der Kampf gegen die Islamisten, die Nigeria in einen islamistischen Staat ohne westliche Strukturen umwandeln wollen, seit Verhängung des Ausnahmezustands wohl als wichtigstes Ziel der Regierung. Doch von den anfänglichen Erfolgen in den drei Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa ist nicht mehr viel zu spüren. Zwar gilt in den jeweiligen Hauptstädten die Situation als sicherer. Doch Boko Haram verübt regelmäßig neue Anschläge mit vielen Toten. Alleine am vergangenen Wochenende (19./20. Oktober) haben die Islamisten in einem Dorf im Bundesstaat Borno wieder 20 Menschen getötet.

Ein Grund für die fehlenden Erfolge der Armee in der Bekämpfung von Boko Haram liegt laut Nnamdi Obasi bei der Armee selbst: "Sie ist überwiegend in traditioneller Kriegsführung ausgebildet." Das Militär hat zudem nach eigenen Angaben nicht damit gerechnet, dass Terrorismus einmal eine solche Herausforderung werden würde. Damit einher geht auch die Kritik, dass die Gruppe, die vermutlich bereits seit 2001 besteht, lange unterschätzt wurde. "Ich gehe davon aus, dass sie mehr Mitglieder hat als man ahnt", schätzt deshalb Hildegard Behrendt-Kigozi, Leiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung in Abuja, "außerdem denke ich, dass es viel Rückhalt gibt, in Moscheen und islamischen Einrichtungen".

Karte: die nigrianischen Bundesstaaten Yobe, Borno, Adamawa

In diesen drei Bundesstaaten gibt es die meisten Terroranschläge von Boko Haram

Die mobilen Terroristen

Die Streitkräfte hören diese Kritik allerdings gar nicht gerne. Stattdessen wird in Militärkreisen seit ein paar Wochen regelmäßig von großen Erfolgen berichtet. Laut lokalen Medienberichten vom 23. Oktober sollen bei einem Einsatz in Borno gerade wieder 37 Islamisten getötet worden sein. Doch die Überprüfung der Armee-Informationen ist schwierig. Die Soldaten brauchen positive Schlagzeilen, denn im Kampf gegen Boko Haram stehen sie nicht erst seit einem neuen Bericht von Amnesty International wieder mächtig unter Druck. Mehrfach warfen Menschenrechtsorganisationen der Armee eine brutale Vorgehensweise vor und prangerten vor allem den unmenschlichen Umgang mit Zivilisten an.

Für die Armee ist die hohe Flexibilität von Boko Haram ein großes Problem, so Armeesprecher General Ibrahim Attahiru: "Sie sind mobil, können sich nach Kamerun absetzen und dann wieder kommen. Man muss verstehen, wie diese Aufständischen operieren." Genau davor hatten verschiedene Beobachter in den vergangenen Monaten immer wieder gewarnt, dass sich durch die Verhängung des Ausnahmezustands das Problem nun verlagern würde.

Zusammenarbeit mit anderen Armeen

Zumindest, so betont General Attahiru, soll es nun bessere Kontakte in die Nachbarländer Niger und Kamerun geben. "Eine Kooperation mit anderen Streitkräften ist wichtig. Wir können ja nicht einfach auf Jagd gehen und auf der anderen Seite der Grenze einen Militäreinsatz ausführen."

General Ibrahim Attahiru, Sprecher der nigerianischen Armee (Foto: Katrin Gänsler, DW)

General Ibrahim Attahiru will Zusammenarbeit mit Nachbarstaaten vertiefen

Doch nur mithilfe des Militärs wird sich der Terrorismus der radikalen Islamisten nicht lösen lassen. Denn Boko Haram verfügt laut Hildegard Behrendt-Kigozi weiterhin über viel Anziehungskraft: "Es gibt eine große Enttäuschung über die bisherigen Politiker und die nigerianische Elite." Die Attraktivität der Islamisten würde darin bestehen, dass sich Befürworter der Gruppe tatsächlich ein besseres Leben erwarten, falls sie an der Macht wären. "Man glaubt daran, dass die Leute, die einen extremen Islam vertreten, auch die soziale Verpflichtung des Islams wahrnehmen würden."

Andererseits haben die anti-christliche Propaganda der Terroristen und ihre Angriffe auf Kirchen bisher nicht dazu geführt, dass größere Teile der Bevölkerung Boko Haram in ihrem Kampf gegen die Christen folgen. Im Norden Nigerias sind teilweise weit über 90 Prozent der Menschen Muslime. Viele unter ihnen sind angewidert von den Attacken auf Gotteshäuser, immer wieder stellen sie sich schützend vor ihre christlichen Nachbarn.

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