Neue Wörter im Duden sorgen für Sprach-Kontroverse | Kultur | DW | 12.08.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Deutsche Sprache

Neue Wörter im Duden sorgen für Sprach-Kontroverse

"Lockdown" und "Gendersternchen" stehen nun im Duden. Das Standardwerk für deutsche Rechtschreibung fasst 3000 neue Wörter - und eine Menge Sprengstoff.

Wortwolke mit neuen Wörtern für den Duden - u.a. Elektroscooter und Dislike (Bild: Infografik DW)

Neue Wörter für den Duden: Manche Kritiker vergeben ein "Dislike"

Wie alle modernen Sprachen entwickelt sich auch die deutsche Sprache ständig weiter. Niemand weiß genau, wie viele Wörter der deutsche Wortschatz insgesamt umfasst. Zu den etwa 300.000 bis 500.000 Wörtern der deutschen Gegenwartssprache kommen immer wieder neue hinzu, andere verschwinden mit der Zeit aus dem täglichen Gebrauch.

Der Duden-Verlag hat es sich mit seinem Nachschlagewerk "Die deutsche Rechtschreibung" zur Aufgabe gemacht, "die verlässliche Instanz für alle Themen rund um die deutsche Sprache und Rechtschreibung" und dabei "immer auf der Höhe der Zeit" zu sein. Diese Verlässlichkeit macht sich mehr als bezahlt.

Seit der Erstveröffentlichung des "Vollständigen Orthographischen Wörterbuchs der deutschen Sprache" von Konrad Duden im Jahre 1880 wurde der "Rechtschreibduden" zum Standardwerk. Es gibt in Deutschland kaum ein Lehrerzimmer, eine Redaktion oder ein Großraumbüro, in dem das dicke, gelbe Buch nicht im Regal steht. Trotz digitaler Version wurden allein von der letzten Buchausgabe 650.000 Stück verkauft.

Duden als Spiegel der deutschen Gesellschaft

Jetzt ist die 28. Ausgabe des Duden mit 148.000 Stichwörtern zum Nachschlagen erschienen. 300 aus Sicht der Redaktion veraltete Begriffe wurden entfernt - so zum Beispiel der "Bäckerjunge" und der "Jägersmann". 3000 Wörter sind neu dabei - darunter "bienenfreundlich", "Flugscham", "Hatespeech", "Geisterspiel", "Lockdown", "Herdenimmunität", "Cisgender" und "Gendersternchen". Die neuen Begriffe im Duden sind ein auch ein Spiegel der aktuellen gesellschaftlichen Debatten um Klimawandel, Corona-Pandemie, soziale Medien, Rassismus und Gleichstellung in Deutschland.

Kathrin Kunkel-Razum vor einem Duden-Aufsteller mit neuem Duden in der Hand (Bild: picture-alliance/dpa/W. Kumm)

Kathrin Kunkel-Razum, Redaktionsleiterin des Duden, liest in der neuen Ausgabe

Unter den neuen Einträgen finden sich zahlreiche Anglizismen und auch Ausdrücke aus der Genderforschung, die für Sprachpuristen Reizwörter darstellen. Der Verein Deutsche Sprache (VDS), der sich unter anderem gegen den aus seiner Sicht übermäßigen Gebrauch von Anglizismen und den Einzug von gendergerechter Sprache mit der Petition "Schluss mit dem Gender-Unfug!" einsetzt, greift den Duden für seine aktuelle Ausgabe scharf an.

Sprachbewahrer gegen Erneuerer

Der VDS-Vorsitzende Walter Krämer sagte am Dienstag, es müsse "endlich Schluss sein, dass Einzelne von oben herab entscheiden wollen, wie sich Sprache zu entwickeln hat". Und er ergänzte: "Viele Menschen nehmen das, was im Duden steht, für bare Münze und werden glauben, dass Gendersternchen und ähnliche Konstrukte echte Bestandteile der deutschen Sprache seien". Die Angriffe des VDS gegen die Duden-Redaktion haben fast schon Tradition. So hatte der VDS den Duden 2013 zum "Sprachpanscher des Jahres" gekürt, angeblich enthielt schon die damalige Ausgabe zu viele Anglizismen.

 Es wundert nicht, dass die rechtspopulistische Partei "Alternative für Deutschland" reflexhaft ihre Gewehre in Anschlag bringt und aus allen Rohren auf die Redaktion der Duden-Neuauflage schießt, wenn sie ihr vorwirft, ein manipulatives Organ im Interesse der linksliberalen Gesellschaft zu sein. Begriffe wie "Alltagsrassismus", "rechtsterroristisch" oder "Klimanotstand" seien "ideologisch", so der Vorwurf.

Wer hat das Sagen?

Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert. Die Globalisierung, das Internet, soziale Medien und der Populismus sorgen für immer feinere Aufsplitterungen in der täglichen Kommunikation. Was gestern landläufig noch als "der richtige Ton" galt, kann heute völlig anders interpretiert und gewertet werden. Das fängt nicht erst bei so pejorativen und ideologisch besetzten Begriffen wie dem N-Wort an.

Durch wen oder was sollte sich Sprache verändern? Die große Mehrheit der Sprachwissenschaftler jedenfalls ist sich schon seit Jahrzehnten darin einig, dass eine Sprache lebt und sich dynamisch weiterentwickelt. Aktualität ist für den Duden deshalb kein "Nice-to-have", sondern eine Notwendigkeit. Dieser Anglizismus steht übrigens nicht im Duden - noch nicht.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Anzeige