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PolitikAsien

Nepal: Rebellischer Außenseiter wird Premierminister

Swechhya Raut aus Kathmandu
13. März 2026

Der Sprung Balendra Shahs von den Straßen Kathmandus ins Premierministerbüro markiert einen dramatischen Wandel in der nepalesischen Politik und eine große Bewährungsprobe für die nächste Regierung.

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Nepal Jhapa 2026 | Rapper Balendra Shah gewinnt Parlamentswahl gegen KP Sharma Oli
Balendra Shah, designierter Premier von NepalBild: Prakash Mathema/AFP/Getty Images

Tausende Menschen strömten am Abend des 7. März in die Straßen von Damak im ostnepalesischen Distrikt Jhapa. Sie liefen neben einem sich langsam bewegenden Fahrzeug her - eine Szene voller Aufregung, Feiern und Hoffnung.

Ihre Jubelrufe nach den Parlamentswahlen wurden jedes Mal lauter, wenn der Mann, der im Schiebedach stand, seine Hand hob und dann die Menge mit gefalteten Händen grüßte. "Balen! Balen! Balen!", riefen sie.

Der 35-jährige Balendra Shah, genannt Balen, ist für viele vollkommen überraschend ins Zentrum der Politik gerückt. Der ehemaligen Bürgermeister von Kathmandu, Nepals Hauptstadt, gewann mit seiner Partei RSP die Wahlen, kündigte die Wahlleitung am Freitag  an.

Nepal: Rapper wird nächster Premierminister

"Balen‑Effekt"

Der Aufstieg von Balendra Shah verlief alles andere als konventionell. Von Beruf Bauingenieur, aus Leidenschaft Dichter und Rapper, trat Balen erst kurz vor der Wahl der reformistischen Rastriya Swatantra Party (RSP) bei und wurde dann aber schnell zu ihrem Spitzenkandidaten.

Fast immer in seinem typischen schwarzen Outfit und mit dunkler Sonnenbrille reiste Balen durch die Wahlkreise. Manchmal fuhr er selbst zu Wahlkampfterminen, manchmal ging er zu Fuß durch die Menge. Er winkte, schüttelte Hände, hörte zu und probierte lokale Spezialitäten. Doch er vermied konsequent lange Reden oder groß angelegte Versprechen. Wenn er zu den Menschenmengen sprach, nutzte er lokale Dialekte oder machte kurze Bemerkungen, um eine Verbindung zu schaffen.

Ansonsten tritt er selten öffentlich auf und vermeidet längere Medieninterviews. Wenn er spricht, wählt er seine Worte gezielt. Diese Zurückhaltung sehen viele Analysten als bewusstes Wahlkampfmittel. .

Die Gen Z hat genug - Was vereint die weltweiten Proteste?

Hoffnungsträger der GenZ

Die Wahlergebnisse zeigen, dass sein minimalistischer Ansatz wirkt. Balen und seine Rastriya Swatantra Party (RSP) errangen einen klaren Sieg. Im 275-köpfigen nepalesischen Parlament gewann die RSP 182 Sitze, fast eine Zwei-Drittel-Mehrheit.

Für viele Wähler war ausschlaggebend, dass Balen nicht Teil des politischen Establishments ist, das viele als korrupt und eigennützig ansehen. "Balen hat den Jugendlichen Hoffnung gegeben, sie vertrauen ihm. Er ist in keine der Korruptionen in Nepal verwickelt", sagte ein Wähler der DW.

Selbst im Moment des Triumphs blieb Balen zurückhaltend: Aus dem Schiebedach seines Fahrzeugs heraus bedankte er sich mit gefalteten Händen. Dann hob er still ein Plakat hoch, auf dem stand: "Ihr verdient die Glückwünsche. Dieser Sieg gehört euch."

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"Der Erdrutschsieg der RSP hing weitgehend mit Balen zusammen", sagt der politische Analyst Krishna Khanal der DW. "Als die Partei ihn als Premierministerkandidaten präsentierte, hatte das starken Einfluss auf die Wähler."

Im September vergangenen Jahres war eine landesweite "Gen‑Z‑Bewegung" auf die Straße gegangen und machte ihrer Empörung über die Korruption und schlechte Regierungsführung Luft. Die Proteste führten zum Rücktritt des damaligen sozialistischen Premierministers KP Sharma Oli. Präsident Ram Chandra Paudel setzte anschließend eine Übergangsregierung ein.

Damals hatten viele Aktivisten zunächst darauf gedrängt, dass Balen die Leitung dieser Übergangsregierung übernimmt. "Aber als er stattdessen die ehemalige Oberste Richterin Sushila Karki unterstützte, stieg seine Popularität weiter", sagt Khanal. Viele sahen dies als strategische Entscheidung: Balen verzichtete auf eine sofortige Führungsrolle, um sich voll auf die Wahlen zu konzentrieren.

Kampf gegen alte Garde

Viele Beobachter hatten erwartet, dass Balen in Kathmandu für das Parlament kandidiert, wo er während seiner Amtszeit als Bürgermeister breite Unterstützung aufgebaut hatte. Stattdessen kündigte er an, im Wahlkreis Jhapa‑5 zu kandidieren, rund 330 Kilometer östlich der Hauptstadt. 

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Balendra Shah setzte sich im Wahlkreis des langjährigen sozialistischen Premiers KP Sharma Oli (Bild) klar durchBild: Sabrina Dangol/REUTERS

Der Distrikt Jhapa galt jahrzehntelang als politisches Machtzentrum von Ex‑Premierminister KP Sharma Oli. Vor dieser Wahl hatte Oli sieben Wahlen in Jhapa bestritten und sechs davon gewonnen. Er war zudem viermal Premierminister Nepals.

Doch nach den Gen‑Z‑Protesten hatte sich die politische Stimmung stark verändert.
Als die Stimmen ausgezählt waren, errang Balen einen klaren Sieg. Er bekam 68.348 Stimmen. Oli, der sich ebenfalls aufstellen ließ, erhielt 18.734 Stimmen. "Die Menschen hatten genug von den alten Parteien wegen ihrer schlechten Performance und ihres korrupten Images", sagt Khanal.

Verglichen mit etablierten Politikern ist Balens politischer Weg bemerkenswert kurz. Er trat erst 2022 als parteiloser Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Kathmandu an. Er setzte sich gegen Kandidaten großer Parteien durch und wurde Kathmandus erster unabhängiger Bürgermeister.

Während seiner Amtszeit kamen mehrere Initiativen gut an, darunter Reformen an öffentlichen Schulen, Stipendienprogramme, Parkraummanagement und Maßnahmen zum Schutz archäologischer Stätten. 2025 wechselte Balen in die nationale Politik, obwohl ihm als Bürgermeister noch mehr als ein Jahr Amtszeit geblieben wäre.

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Politische Stimme eines rebellischen Poeten

Balen wurde 1990 in Nardevi, Kathmandu, als Sohn von Dhruva Devi und Dr. Ram Narayan Shah geboren. Sein Vater war ein angesehener ayurvedischer Arzt, der im vergangenen September verstarb. Seine Frau, Sabina Kafle, ist eine Schriftstellerin. Das Paar hat eine Tochter.

Vor seiner politischen Karriere war Balen als Bauingenieur tätig. Er arbeitete an Straßen, Brücken, Industrieanlagen, Stadien und Wissenschaftsparks "in 65 Distrikten Nepals", sagt der frühere Parlamentarier und Filmregisseur Asim Shah. Diese Erfahrung habe Balens Blick für "vernachlässigte Situationen und Entwicklungsprobleme" geschärft.

Balen war auch in der Musikszene für seinen rebellischen Ton bekannt. Als Dichter und Rapper kritisierte er Korruption, Machtmissbrauch und soziale Ungleichheit. Laut Asim Shah habe dieser künstlerische Hintergrund auch sein politisches Bewusstsein geprägt: "Seine Songs und Gedichte sind so direkt wie seine Reden."

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Balens Anhänger wiesen darauf hin, dass er Themen wie gute Regierungsführung, Transparenz und sozialer Wandel zu seiner Politik machte. Kritiker bemängeln jedoch seinen Umgang mit Straßenhändlern oder provokante Posts in sozialen Netzwerken.

Mit der parlamentarischen Mehrheit der RSP gilt Balens Weg ins Büro des Premierministers als sicher. Doch Analysten warnen, dass die größten Herausforderungen noch bevorstehen. "Eine Mehrheitsregierung lässt keine Ausreden zu. Balen und sein Kabinett müssen liefern", sagt Analyst Khanal. Der Berufspolitiker Asim Shah sagt: "Die Stimme, die einst durch die Straßen Kathmandus hallte, wird nun im Parlament widerhallen. Balen wurde dafür bekannt, Fragen zu stellen. Jetzt muss er Antworten liefern."

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand