Neonazi-Aussteiger: ″Salafismus wär auch mein Ding gewesen″ | Deutschland | DW | 19.09.2015
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Deutschland

Neonazi-Aussteiger: "Salafismus wär auch mein Ding gewesen"

Karl kennt Rechtsextremismus von innen: Der NSU-Terror hat ihn nicht überrascht. Er weiß, wie deutsche Neonazis im Ausland ankommen, was am islamistischen Terror reizt und dass ein Ausstieg das Leben kosten kann.

"Du bist dran", diese drohende SMS bekam Karl nach seiner Ansage, er werde nicht mehr mitmachen bei der paramilitärischen Gruppe, um die sich sein Leben gedreht hatte: "Ihr könnt mich mit Eurem Nazi-Scheiss in Ruhe lassen, ich habe jetzt eine Familie." Erst als seine Frau schwanger wurde, sagt er, "habe ich angefangen zu denken". Bis dahin lebte er "in einem anderen Universum".

Karl war Führungskader im "Kosmos Rechtsextremismus". Sein Tag war ausgefüllt: Morgens politische Schulungen, später Kampfsport, manchmal Wehrsportübungen mit scharfen Waffen und Sprengsätzen. Die Gruppe lebte von Geschäften in der rechten Szene - Kneipe, Textildruck, CD-Vertrieb und Waffenschmuggel. Gewalt prägte Karls Leben - gegen Polizisten, Minderheiten, Andersdenkende. Jetzt also die Drohung auf dem Handy: "Du bist dran". Er habe die Reaktion seiner Kameraden unterschätzt, sagt Karl. Dabei hätte er wissen müssen, wie die Szene mit Aussteigern umgeht: "Ich habe solche Leute selbst verfolgt."

Archiv: Rechtsextremisten greifen Polizisten an (Foto: Marius Becker/dpa)

Gewalt gegen Polizisten und andere: Was dieses Archivbild von 2013 zeigt, prägte auch Karls Neonazi-Jahre

"Da haben sie versucht, mich zu erschießen"

Karl ist nicht sein richtiger Name und sein Gesicht will er nicht auf Fotos zeigen. Wir treffen uns in einem Restaurant - nicht dort, wo er heute lebt, und weit weg von seiner alten Heimat. Wir setzen uns in die Nähe des Eingangs. Karl wechselt den Stuhl. Mit dem Rücken zur Tür fühlt er sich nicht sicher. Vor sechs Jahren hatte er versucht, durch einen Umzug abzutauchen, da lauerten ihm seine Kameraden beim Einkaufen auf, stachen ihn mit dem Messer nieder, berichtet er. Zwei Wochen lag er im Krankenhaus: "Da war mir erst bewusst, dass ich da nicht so einfach rauskomme."

Karl zog wieder um. Kurze Zeit später hatten die Kameraden ihn wieder aufgespürt. Diesmal standen sie vor seiner Tür, erinnert er sich: "Da haben sie versucht, mich zu erschießen". Eine Waffe zielte auf seinen Kopf: "Ich habe nur Glück gehabt, weil der Schütze mit dem Rücken zur Treppe stand und ich ihn da runter gestoßen habe. Dadurch ist das Loch in der Tür gelandet und nicht in meinem Kopf". Er schluckt. "Jetzt muss ich was trinken."

"Als Mensch gesehen, nicht als Neonazi"

Karl hätte sich wehren können: "Ich war selbst schwer bewaffnet". Doch er wollte keine Gewalt mehr ausüben. Um seine Familie zu schützen, ging er zur Polizei, bis dahin sein erklärter Feind. Er geriet an einen Polizisten kurz vor der Pension, "der - warum auch immer - Verständnis hatte". Doch ein staatliches Aussteiger-Programm habe sich geweigert, ihn anzunehmen. Man glaubte nicht, "dass ich aus der Szene aussteige", sagt er. Doch es kam zum Kontakt mit Nina NRW, einem nicht-staatlichen Projekt in einem anderen Bundesland.

In weniger als 24 Stunden zog Karl hunderte Kilometer weit weg: "Ich habe nur meinen Rucksack, meine Frau und mein Kind dabei gehabt und bin irgendwo angekommen - als niemand, als nichts." Sehr geholfen habe ihm, dass die Mitarbeiter vom Aussteiger-Projekt "mich als Mensch gesehen haben und nicht als Neonazi". Mit ihrer Hilfe konnte Karl darauf schauen, was er selbst anderen Menschen angetan hatte und wie es dazu gekommen war. Bilder von Menschen, die er verletzt hat, Alpträume, Scham und Schuldgefühle quälen ihn bis heute, sagt er.

Ein Mann in einer Jeanshose legt die Hand aufs Bein (Foto: DW/Andrea Grunau)

Quälende Erinnerungen: Karl - früher stets im Military-Look - hat Menschen brutal verletzt

Immer mehr Gewalt - "nicht mehr unten sein"

Karl hat viel darüber nachgedacht, wie er so gewalttätig wurde: "Das erste Mal, als ich gesehen habe, wie jemand mit einem Gegenstand ins Gesicht geschlagen wurde, dass der aus allen Löchern geblutet hat - das war schlimm!" Je öfter er das sah, desto leichter fiel es ihm: "Irgendwann habe ich es selber gemacht und bin dafür auf Händen getragen worden. Der ist nicht mehr aufgestanden, das fanden die anderen gut." Da funktioniere das einfache Prinzip, "dass Menschen Anerkennung brauchen. Da habe ich Lob gekriegt ohne Ende, ich bin gefeiert worden. Für mich war klar, dass es besser ist, wenn er unten ist und ich oben. Ich wollte nicht mehr unten sein."

Was Karl als Kind erlebte, "habe ich anderen Menschen zurück gegeben, die nichts dafür konnten." Schon mit 10 Jahren kam er ins Kinderheim, musste Machtkämpfe überstehen. Er lernte, Gewalt auszuüben, wurde Außenseiter, erinnert er sich. In der Schule sei er gut gewesen und habe auch in der Ausbildung sehr gut abgeschnitten. Doch als er danach nicht vom Betrieb übernommen wurde, stürzte er ab. Er wurde obdachlos.

Das "ganze Nazi-Alphabet"

Ein Bekannter nahm ihn bei sich auf, gab ihm Essen und Geld. Sein Helfer war in der rechten Szene, was für Karl keine Rolle spielte: "Da war jemand da für mich." Genauso wirkte die rechtsextreme Gruppe, zu der ihn sein Bekannter mitnahm: "Da hat keiner gefragt: Warum hast Du diese Frisur, warum keine Nike-Hose? Die haben mich akzeptiert, wie ich war, und mir ihre Freundschaft und Kameradschaft angeboten."

Die rechte Ideologie half ihm, Schuldige zu finden für seine eigenen Probleme. Das beste Beispiel: "Ich habe meinen Job verloren - die Ausländer in der Firma nicht". Fortan galt für ihn "das ganze Nazi-Alphabet rauf und runter", sagt Karl, vom Rassismus, Holocaust-Leugnen und Antisemitismus, bis hin zum "völligen Hass". Was war das Ziel der Gruppe? "Ganz nach dem Vorbild der NSDAP", sagt Karl und kann es heute kaum fassen: "Ein Staatsputsch mit Gewalt - alles was Demokratie ist, zerstören."

NSU-Terror - viele spielen mit Gedanken

Als 2011 der Terror des sogenannten "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) bekannt wurde - zehn Morde und auch der Sprengstoffanschlag in der belebten Kölner Keupstraße - da war Karl nicht überrascht. In der rechten Szene habe er "viele Leute kennengelernt, die mit dem Gedanken gespielt haben, Massen von Menschen umzubringen, Terroranschläge zu machen. Ich habe selbst mit dem Gedanken gespielt." Empathie für mögliche Opfer habe er nicht gehabt. "Menschen, die unter mir gelitten haben, habe ich nicht als Menschen angesehen", Karl macht eine lange Pause, "für mich war das Abschaum, Kakerlaken, Dreck".

Schusswaffen mit Etiketten liegen auf einem Tisch (dpa)

Hochgerüstete rechte Szene: Sichergestellte Waffen aus Ermittlungen gegen NSU-Unterstützer

Karl warnt davor, die Militanz der rechtsextremen Szene zu unterschätzen. Er berichtet über die starke internationale Vernetzung: "Russland, Polen, Bulgarien, Niederlande, Frankreich, Schweden, Dänemark - da gibt's keine Grenzen." Überall würden deutsche Neonazis "mit offenen Armen empfangen und hoch gelobt", erinnert sich Karl: "Das Gefühl war einfach unglaublich." Verbrüderung mit verhassten Ausländern? Das sei die "Verlogenheit der Szene", sagt Karl. Auf deutschen Straßen rufe man "Deutschland den Deutschen". Wenn man in Russland sei, rede man vom "Kampfesbruder an der Ostfront" oder "wir kämpfen für das Europa der Vaterländer". Auf dem Rückweg habe man über die anderen gelästert.

Salafistenszene: sehr attraktiv

Die Rechten waren zuerst da, darum wurde er Rechtsextremist, so sieht es Karl heute. Aber er kann auch nachvollziehen, dass sich Jugendliche für den militanten Salafismus anwerben lassen: "Eigentlich wär das damals auch genau mein Ding gewesen. Hätte es schon die Salafisten-Szene gegeben, wäre ich wahrscheinlich in den Glaubenskrieg gezogen."

Für Menschen, die für Extremismus anfällig seien, sagt der Aussteiger, sei es "völlig egal, welche Ideologie dahinter steht: Ob man für Allah kämpft oder für ein Großdeutsches Reich." Die Salafisten-Szene wäre "für mich auch sehr attraktiv gewesen: actionorientiert, völlig abseits von allem, was Gut und Böse ist, und sehr elitär. Man tut Sachen, die kein anderer tut, weil man für etwas Höheres kämpft. Das hätte gut gepasst, dann hätte ich wahrscheinlich einen Bart und wäre in Syrien."

Deutschland Karl Neonazi-Aussteiger EINSCHRÄNKUNG

Einsatz gegen Rechts: Karl warnt davor, Rassismus und Rechtsextremismus zu verharmlosen

Endlich etwas Gutes tun

"Wie stehe ich vor meinem Kind da?", diese Frage brachte Karl zur Umkehr. "Familie oder Knast", das seien die häufigsten Motive für einen Ausstieg. Karl hat es geschafft, ein neues Leben aufzubauen und sogar wieder Kontakt zu seinen Eltern. Weil er "Adrenalin-Junkie“ sei, ersetzt er den Kitzel, den ihm Waffen und Gewalt gaben, durch schnelle Autos und Motorräder. Mit staatlicher Hilfe wurden seine Daten auch bei Behörden geschützt. Nur bei Polizeikontrollen passiere es, "dass ich ganz schnell auf dem Boden liege und durchsucht werde". Das sei unangenehm, "wenn man Bekannte im Auto hat, die nichts davon wissen".

"Du bist dran", heute könnte das für den Auftrag stehen, den Karl sich selbst gegeben hat - nicht mehr zerstören, sondern endlich etwas Gutes tun: Anderen die Augen öffnen für die Gefahren des Rechtsextremismus, "weil so ein Desinteresse besteht, ein Weggucken: 'so was gibt's in meinem Ort nicht'".

Darum erzählt er Schülern von seinen Erfahrungen, informiert angehende Polizisten und spricht mit der Deutschen Welle. Auf jede Form von Rassismus reagiert er allergisch, er will Menschen nie mehr nach Merkmalen sortieren. Sein Kind soll nie "emotional unterversorgt" sein, sagt der junge Vater. Leidenschaftlich fordert er mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft. Als wir uns trennen, sagt er, er denke manchmal an seine Schulkameraden zurück: "Wenn die gewusst hätten, was aus mir wird, hätten sie mich vielleicht nicht in die Mülltonne gesteckt."

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