Namibia: Wem gehört das Land? | Aktuell Afrika | DW | 06.10.2018
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Afrika

Namibia: Wem gehört das Land?

In Namibia tagt eine Konferenz zur Landreform. Sie soll Lösungen bringen, um die ungerechte Verteilung des Landes zwischen Schwarzen und Weißen zu beheben. Doch nicht alle Betroffenen sind dabei.

"Im aktuellen Tempo kommt die Landreform nicht voran", sagte Namibias Präsident Hage Geingob zu Beginn der Konferenz am Montag. "Wir sollten Enteignungen vorsichtig in Betracht ziehen." Das könnte bedeuten, dass weiße Großgrundbesitzer ihr Land gegen eine Entschädigung abgeben müssten, damit es schwarzen Farmern zugeteilt würde.

Schon vor Beginn der einwöchigen Tagung hatte der Präsident betont, die brennende Landfrage mit mehr Eile voranzutreiben. Wie die Enteignungen konkret ablaufen könnten, sagte er aber nicht. Gewaltsame Vertreibungen weißer Farmer wie in Simbabwe vor gut 20 Jahren lehnt er in einer Rede ab. Im Nachbarland Südafrika sorgt die Land-Debatte gerade ebenfalls für Zündstoff: Dort wird über den radikalen Schritt von Enteignungen weißer Landbesitzer ohne Entschädigung diskutiert.

Wenig Land für Schwarze

Namibia war von 1884 bis 1914 deutsche Kolonie, danach wurde es lange vom weißen Apartheidregime in Südafrika verwaltet. In dieser Zeit wurden tausende schwarzer Namibier von ihrem Land vertrieben. Bis heute ist ein Großteil des Grundbesitzes in der Hand von Deutsch- und Südafrika-Stämmigen oder Ausländern: Etwa 70 Prozent des Farmlandes ist im Besitz weißer Landwirte. Sozial benachteiligte schwarze und farbige Einwohner besitzen laut der Namibischen Statistik-Agentur nur 16 Prozent.

Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1990 versucht die Regierung Namibias, die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und das Unrecht aus der Kolonialzeit zu berichtigen. Weiße Farmer können dem Staat bislang auf freiwilliger Basis Land verkaufen. Doch dieses Prinzip funktioniert nicht. Das südwestafrikanische Land will 43 Prozent oder 15 Millionen Hektar seines Farmlandes bis 2020 an schwarze Einwohner geben. Ende 2015 waren nur 27 Prozent umverteilt, sagte die Landwirtschaftsunion Namibias in Medienberichten. 

Namibia Windhoek -Präsident Hage Geingob bei Rede (picture-alliance/Xinhua/W. Changwei)

Namibias Präsident Hage Geingob diskutiert auf einer Land-Konferenz über Enteignung von weißen Farmern

Elite profitiert bei Landbesitz

"Es gibt ein Gerangel bei den sozial Schwachen über den geringen Anteil an Land, das die Regierung für sie bereitgestellt hat. Eine neue Elite, oft mit engen Verbindungen zur Regierung und internationalen Investoren, profitiert mehr als die Armen", schreibt die Anthropologin Romie Vonkie Ngheitevelekwa von der Universität Namibia in einem Fachartikel. Die Politik der nationalen Versöhnung werde von der Regierung genutzt, um den Status Quo zu rechtfertigen. "Mit dieser Strategie wird vermieden, die strukturellen Probleme Namibias anzugehen."

Die Konferenz zur Landfrage werde nichts ändern - so sieht es Bernadus Swartbooi, Anführer der "Bewegung der Landlosen in Namibia". Im staatlichen Fernsehsender NBC sagte er bereits vor der Konferenz: "Die Landlosen werden landlos bleiben, die Obdachlosen werden obdachlos bleiben. Nichts wird sich ändern, was die Rückgabe von Land unserer Vorfahren angeht." Seine Organisation nimmt nicht an der Konferenz teil. Sie sei gar nicht eingeladen gewesen, ihre Besorgnisse vorzutragen. 

Vertreter der Zivilgesellschaft nehmen nicht an der Konferenz teil

"Die traditionellen Gruppierungen werden in diesem Prozess unterwandert. Unsere Vorschläge passen nicht zur Ideologie der Regierungspartei", sagt er. Die Rückgabe von Höfen hätte längst geschehen können. Die Menschen der geringen Einkommensgruppen in den Städten, die nie ein Stück Land besitzen werden, sollten von der Regierung ohne Zahlung ein Stück Land erhalten. "Wir wollen die Gesellschaft fundamental umstrukturieren und die Würde der Menschen wiederherzustellen."

Namibia - Personentransport im ländlichen Namibia (picture-alliance/ZB/M. Tödt)

In Namibia sollen 43 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen an Schwarze verteilt werden

Auch andere traditionelle Gruppen und Vertreter der Zivilgesellschaft  bleiben der Debatte in der Hauptstadt Windhoek fern. Sie fürchten, die Regierung ziele gar nicht darauf ab, ihre Belange und Vorschläge zu berücksichtigen. Es finde kein offener Dialog mit allen Interessensgruppen statt, heißt es. 

Naita Hishoono, Direktorin des Institutes für Demokratie in Namibia, sieht die Veranstaltung ebenfalls kritisch: "Die Zivilgesellschaft, Akademiker und wichtige Vertreter der Landverbände boykottieren alle diese Konferenz, weil dort nur Regierungsinstitutionen agieren und es sich lediglich um einem PR-Akt handelt", sagt sie in einem Interview mit der DW. Schließlich stünden im nächsten Jahr Präsidentenwahlen an und der Präsident sei entsprechend unter Druck.

Gibt die Regierung den Diskurs vor?

"Auch die von dem Genozid durch die Kolonialherren am meisten Betroffenen, die Angehörigen der Volksgruppen der Herero und Nama, nehmen nicht teil. Sie fordern einen offenen Dialog", sagt Hishoono weiter. Die Regierung wolle Frieden im Land, eine gerechte Umverteilung - und sie wolle Investoren nicht verschrecken. Das sei bereits die vorgegebene Linie der Debatte, fügt sie hinzu. "Die Regierung will nicht den produktiven Farmern im Weg stehen, die dann abwandern könnten. Landwirtschaft ist eine der Haupteinnahme-Quellen in Namibia."

Allerdings sei die Frage, wem das Land gehöre, schwer zu beantworten: "Die Ureinwohner Namibias haben Land nicht als ihren eigenen Besitz gesehen, sondern als etwas, das allen gehört", erklärt sie. 

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