Nachgefragt: Warum tun sich Zugvögel das an? | Wissen & Umwelt | DW | 07.03.2019
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Ornithologie

Nachgefragt: Warum tun sich Zugvögel das an?

Im Herbst nehmen wir wehleidig Abschied von den Zugvögeln (und dem Sommer), zu Jahresbeginn freuen wir uns über die lautstarken Frühlingsboten – und stellen uns immer wieder die gleichen Fragen.

Vielleicht haben Sie das fliegende V schon am Himmel entdeckt? Obwohl, manchmal ist es auch eine "1", oder eine gerade Linie. Die Rede ist von der Formation vieler Zugvögel – dazu später mehr. Denn allmählich kehren sie aus ihren Winterquartieren zurück.

Vor allem die Kraniche können es kaum abwarten und sind schon in Scharen unterwegs. Besonders gut sind sie am lauten Trompeten erkennbar. Manche von ihnen nutzen Deutschland nur als Überflugstation nach Skandinavien oder nach Osteuropa, andere kommen und bleiben, um zu brüten.

Lesen Sie mehr: Mit den Vögeln fliegen

Fliegende Graukraniche bei Morgenröte

Nicht zu übersehen, nicht zu überhören: Die Kraniche verdanken ihr gewaltiges Stimmvolumen dem besonderen Bau und der außergewöhnlichen Länge ihrer Luftröhre

Dabei hatte der kalendarische Winter gerade einmal Halbzeit, als die ersten Vögel eintrudelten. "Nicht ungewöhnlich", schreibt der Naturschutzbund Deutschland (NABU) zu den aktuellen Flugbewegungen. Im letzten Jahr waren um diese Zeit ebenfalls schon Tausende Vögel auf dem Rückweg von ihrer zum Teil tausende Kilometer langen Reise. 

Fürs Grundverständnis: Warum tun sich Zugvögel die Strapazen eigentlich an?

Ganz einfach: Primär bestimmt das Nahrungsangebot und nicht die Temperatur den Zug der Vögel. Wer piekt schon gern bei Eis und Schnee wenig erfolgsversprechend nach ein paar Insekten und Samen?

Deshalb suchen viele Vögel im Winter wärmere Regionen auf. Es gibt Langstreckenzieher, Mittelstreckenzieher, Kurzstreckenzieher – die unterschiedlich lange Distanzen zurücklegen, je nach Nahrungsangebot. Der richtige Zeitpunkt des Zuges ist zudem abgestimmt auf die Habitate in den Durchzugs- und Brutgebieten. Auch für Zugvögel gilt es, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Grafik zu den Flugrouten der Zugvögel

Einzig die sogenannten "Standvögel" bleiben, wo sie sind, auch im Winter. Denn sie gehören zu den Körner- und Fleischfressern, und sind in der kalten Jahreszeit nicht unbedingt auf Insekten angewiesen. Typische Arten in Deutschland sind die Blaumeise, die Amsel, die Kohlmeise und der Haussperling. 

Zu den rund 80 Arten von "Langstreckenzieher" gehört der Weißstorch, der sein Winterquartier in Zentralafrika hat. Denn dort findet er weiterhin Insekten, die es in Deutschland im Winter nicht gibt. Seine Abflug- und Ankunftszeiten unterscheidet sich jährlich oft nur um wenige Tage.

Doch wieso bleiben sie nicht einfach im warmen Süden?

Der warme Süden bedeutet mitunter auch einen heißen, trockenen Sommer. Was – hinsichtlich des Nahrungsangebots – auch nicht unbedingt förderlich ist. Deshalb kehren die Vögel im Frühjahr nach Norden zurück, um das üppige Nahrungsangebot zur Aufzucht ihrer Jungen zu nutzen.

Zudem müssen sich die Zugvögel in ihren Winterquartieren den Lebensraum mit den einheimischen Vogelarten teilen, also auch das Nahrungsangebot. Der Wintersitz ist da nur eine Notlösung. Zuhause ist es doch am schönsten... 

Können sich Zugvögel verfliegen?

Nein. Eigentlich nicht. Denn sie haben einen phänomenalen Orientierungssinn.

Und doch "gehen manchmal Zugvögel verloren", schreibt William Young, Vogelkundler und Autor von "The Fascination of Birds: From the Albatross to the Yellowthroat". Niemand sei bislang sicher, warum genau das passiert. Vielleicht liegt es an den Wetterbedingungen, vielleicht sind die Jungvögel nicht geübt genug, vielleicht stimmt etwas mit ihrem inneren Kompass nicht…

Und doch können wir uns vom inneren Navigationssystem der Zugvögel nur träumen, denn sie besitzen quasi drei Kompasse: den Sonnenkompass, den Sternenkompass und den Magnetkompass.

Vögel, die am Tag ziehen, orientieren sich am Sonnenstand. Dabei beachten sie die Sonne im Tagesverlauf, um so die Himmelsrichtung korrekt zuordnen zu können. Anders als wir können sie die Schwingungsrichtung des Sonnenlichts sehen. Deshalb wissen sie auch an bewölkten Tagen, wo sich die Sonne gerade befindet. 

Nachts wandernde Vogelarten orientieren sich dagegen am Stand der Sterne.

Zudem sind Zugvögel in der Lage, die Magnetfeldlinien der Erde wahrzunehmen. Die Tiere erkennen dadurch, ob sie "polwärts" oder "äquatorwärts" fliegen. 

Lesen Sie mehr: Wohin wandert das Erdmagnetfeld?

Damit wird die Orientierung und Navigation der Zugvögel zu einem komplexen Zusammenspiel vieler Faktoren. Einerseits spielen angeborene Mechanismen eine Rolle, aber auch die jahrelange Erfahrung der Vögel.

Zum Beispiel wird der erste Zug bei Jungvögeln noch ausschließlich durch das genetische Programm gesteuert, später kommen im Laufe der Jahre und Zugbewegungen immer mehr Erfahrungen dazu. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, das Winterquartier oder den Brutplatz sicher und schneller zu erreichen, so die Deutsche Wildtier Stiftung

Zugvögel in Tanguar Haor, einem Feuchtgebiet in Bangladesch

3,2,1.... Abflug! Doch nicht alle Zugvögel reisen im Schwarm oder in Formation.

Warum der Formationsflug?

Nicht alle Vögel fliegen in Formation oder im Schwarm. Der Kuckuck zum Beispiel bewältigt seine Reise als Einzelkämpfer. Chapeau! Andere machen sich lieber in großen Scharen auf den Weg, zum Beispiel die Stare und Rauchschwalben. Gänsevögel, Ruderfüßer, Schreitvögel und andere größere Zugvögel fliegen in einer geraden Linie bzw. Kette oder der sogenannten V-Formation, auch Winkelflug oder Keilformation genannt.

Der Grund hierfür ist einfach: die Aerodynamik. Die Vögel möchten Kräfte sparen. Der Leitvogel an der Spitze hat zuweilen den anstrengendsten Job, während der Rest der Gruppe vom Windschatten seines Vordermanns profitiert. Doch diese Poleposition wäre auf Dauer zu anstrengend. Deshalb wird an der Spitze regelmäßig gewechselt. 

Kranich-Geschrei im Hula-Tal

Und warum nur der viele Krach, liebe Zugvögel? 

Nun ja. Da die Zugvogel-Reisegruppe nicht gemeinsam im Auto sitzt, wird tunlichst darauf geachtet, dass alle beisammen bleiben. Und da Körperkontakt während des Flugs eben schwierig ist, wird geschnattert und gekrächzt. Doch nicht alle Zugvögel machen solch einen Radau. Insbesondere die Kraniche und Gänse koordinieren so jedoch ihre Reise, damit der Schwarm seine Form behält und kein Familienmitglied verloren geht.

Zu guter Letzt: Warum kehren manche Zugvögel schon so früh zurück?

Und nun müssen wir Sie leider enttäuschen: Die Rückkehr heißt nicht, dass der Frühling unmittelbar vor der Tür steht. Denn die Kraniche gehören zu den "Frühziehern" und dazu kommt, dass sie relativ kälteunempfindlich sind. Der Grund für die sehr zeitige Rückkehr aus dem Winterquartier: Es ist auch immer ein Wettlauf um den Brutplatz. Die besten Plätze sind zuerst belegt. Da möchte natürlich keiner zu spät kommen. 

Und sollte es doch noch mal einen Wintereinbruch geben, können die Kraniche in wenigen Tagen in wärmere Gefilde ausweichen.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie haben aber auch herausgefunden, dass Fernreisen unter Zugvögeln zuweilen "out" sind und sie - einhergehend mit den Klimaveränderungen -  bequemer werden, also ihre Reisedistanz verkürzen und ihr Ziel den klimatischen Bedingungen anpassen.

Die Forscher hatten über Jahre hinweg ein Großexperiment mit mehr als 3000 Mönchsgrasmücken durchgeführt. Da diese Vogelart zum einen weit verbreitet ist und sowohl sogenannte Nichtzieher, Kurz- und Langstreckenzieher unter ihnen vorkommen.

Die Untersuchung der Wissenschaftler hat gezeigt, dass der genetisch festgelegte Zugdrang der Vögel bzw. die Zugunruhe sich verändern. Die Zugvögel legen erst innerhalb weniger Generationen immer kürzere Strecken zurück und ziehen später sogar gar nicht mehr.

Eine männliche Mönchsgrasmücke sitzt auf einem Ast

Die Mönchsgrasmücke ist besonders gut geeignet, wenn es um die Erforschung des Vogelzugs geht

Trotzdem sind Himmel und Flugrouten der Zugvögel noch immer gut frequentiert. Allein in Deutschland sind je nach Reisezeit rund 280 verschiedene Zugvögelarten unterwegs. Jährlich sind es weltweit schätzungsweise 50 Milliarden Tiere, davon etwa fünf Milliarden zwischen Europa und Afrika.

Auf ihrem Weg aus den Brutgebieten in die nahrungsreichen Winterquartiere überqueren die Vielflieger oft ganze Kontinente. Und nicht nur das: Auch Meere, Ozeane, Gebirge: Kein Problem! Streifengänse zum Beispiel verlassen im Frühjahr ihr Winterquartier in Indien und fliegen Richtung Norden, um in Zentralasien zu brüten. Auf ihrer Reise müssen sie das Himalaya-Gebirge mit mehr als 7000 Höhenmetern überwinden. Und der Alpensegler vollbringt außergewöhnliche Ausdauerleistungen. Bis zu sieben Monate kann der Zugvogel fast pausenlos fliegen – selbst im Schlaf. Ein Rat zum Schluss: Bitte nicht nachmachen. 

Stare sammeln sich dicht an dicht auf einer Hochspannungsleitung zum Abflug

Alle Fragen geklärt? Na dann gute Reise!

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