Nach der Flut: Wie nah kann man noch an einem Fluss leben? | Deutschland | DW | 08.09.2021
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Deutschland

Nach der Flut: Wie nah kann man noch an einem Fluss leben?

Acht Wochen nach der Flutkatastrophe werden im Ahrtal erste Pläne für den Wiederaufbau gemacht. Wegen des Klimawandels kann nichts mehr sein, wie es war. Sabine Kinkartz berichtet.

Deutschland | Aufräumarbeiten nach der Flut im Ahrtal

Aufräumarbeiten nach der Flut in Dernau

Über dem Ahrtal liegt eine gewaltige Staubwolke. Man sieht sie, wenn man in den Hängen zwischen den Weinreben steht und hinunterblickt: auf Ahrweiler, auf Dernau, auf Altenahr. Schwere Lastwagen bahnen sich ihren Weg über provisorisch mit Schotter geflickte Straßen und fahren Schutt ab, Bagger und Traktoren räumen Trümmer weg und wirbeln dabei Staub und Steinchen auf, die durch die Luft spritzen.

Deutschland | Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal. Blick von einem Hang auf den kleinen Ort Dernau

Blick ins Ahrtal: über Dernau liegt noch eine Staubwolke

Fast acht Wochen nach der Flutkatastrophe sind die Aufräumarbeiten so weit fortgeschritten, dass das ganze Ausmaß der Schäden offen liegt. Das Ahrtal ist auf einer Länge von 40 Kilometern zerstört. Fast die gesamte Infrastruktur ist betroffen. Straßen sind aufgerissen und unterspült, Bahntrassen, Wasser- und Stromleitungen, die Telekommunikation sind kaputt gegangen. Nur 35 der 112 Brücken im Flutgebiet haben den Wassermassen standgehalten.

18 Milliarden Euro Schaden - allein im Ahrtal

Im Ahrtal sind 134 Menschen ums Leben gekommen. Rund 40.000 Menschen - ein Drittel der Bewohner – vom Hochwasser direkt betroffen. Mehr als 500 Gebäude wurden von den Fluten weggerissen, weitere 3.000 sind zum Teil schwer beschädigt. Wo die Bausubstanz nicht mehr trägt, müssen sie abgerissen werden. Neben Privathäusern wurden Unternehmen, Geschäfte, Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser zerstört. Nicole Steingaß, die Beauftragte des Bundeslandes Rheinland-Pfalz für den Wiederaufbau, beziffert den finanziellen Schaden im Flutgebiet auf rund 18 Milliarden Euro.

Deutschland | Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal. Blick auf eine Straße im Ort Altenburg, an der eine Häuserzeile stand. Sechs Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Sechs Häuser sind an dieser Straße in Altenburg abgerissen worden

Auf einer ersten von mehreren geplanten Zukunftskonferenzen zum Wiederaufbau des Ahrtals nannte Steingaß noch weitere Zahlen, die die Dimension der Katastrophe deutlich machen. Die Flut ließ allein 240.000 Tonnen zerstörten Hausrat zurück,also das, was Menschen besaßen. Das ist das 30-fache des Mülls, der im Ahrtal normalerweise in einem Jahr anfällt. Nicht eingerechnet sind hier Schutt und Trümmer der Gebäude.

Nicht eins zu eins wiederaufbauen

"Wir bauen das Ahrtal wieder auf", verspricht der stellvertretende Landrat des Kreises Ahrweiler, Horst Gies (CDU). Das sei allerdings eine Jahrhundertaufgabe, welche die Region für fünf bis zehn Jahre fordern werde. "Jetzt ist es erforderlich, kluge Ideen und klare Vorstellungen für die Zukunft gemeinsam zu entwickeln", sagt Gies. Gemeinsam müsse man herausfinden, was im Ahrtal mit Blick auf den Klimawandel und den Hochwasserschutz überhaupt wieder möglich sein wird.

Deutschland | Aufräumarbeiten nach der Flut im Ahrtal. Ein Bagger steht auf einem Müllberg.

So viel Müll wie sonst in 30 Jahren ist in der Flutnacht im Ahrtal angefallen

"Vieles wird nicht eins zu eins entstehen können wie früher", mahnt auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), die als Vertreterin der Bundesregierung an der Konferenz teilnahm. Der Bund und alle Bundesländer hätten dafür gesorgt, dass es am Geld nicht scheitern werde. Der Bundestag hat einen Fluthilfefondsauf den Weg gebracht, der 30 Milliarden Euro umfasst. Mehr als die Hälfte davon wird nach Rheinland-Pfalz und dort ins Ahrtal fließen. Das restliche Geld ist für die Überflutungsgebiete in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen vorgesehen. 

Auch vom Ausland lernen

Auf der ersten Zukunftskonferenz wurden vor allem Ideen gesammelt. Vorschläge sollen nicht nur von Experten kommen, sondern auch von den Bürgern. Auf einer eigens eingerichteten Plattform gingen am ersten Abend bereits mehr als 200 Vorschläge ein. Konsens ist, dass dem Wasser in Zukunft mehr Raum gegeben werden muss. Doch wie lässt sich das in dem schmalen Tal einrichten, durch das die Ahr fließt? Könnten vielleicht Abflüsse in die Berge und Hügel geschlagen, oder zwischen den Häusern Grachten und Kanäle gebaut werden?

Deutschland Unwetter Dernau nachher. Blick auf Dernau am 15. Juli 2021. Die Ortschaft steht komplett unter Wasser

Das Tal ist schmal und die Häuser liegen nah am Fluss

Visionäre Vorstellungen sind ausdrücklich erwünscht, denn das Ahrtal soll zu einer Modellregion werden, um zu zeigen, wie Menschen in Zukunft mit den Folgen des Klimawandels leben können. Sechs Arbeitsgruppen sind eingerichtet, die sich in den nächsten Wochen und Monaten mit den Themen Hochwasserschutz und Bauen, Infrastruktur, Wirtschaft, Tourismus und Weinbau, aber auch Gesundheit, Arbeit und sozialen Fragen beschäftigen werden. Dabei sollen sie auch über den nationalen Tellerrand hinausschauen und berücksichtigen, wie beispielsweise die Niederlande und Teile Österreichs mit der Hochwassergefahr umgehen.

Neueste Technologie für das Ahrtal

Die Zerstörung als Chance nutzen - unter diesem Motto soll vieles neu überdacht und ganz anders gemacht werden. Zum Beispiel, indem zukünftig Versorgungsleitungen für Wasser, Abwasser, Strom, Internet und Telekommunikation gebündelt in einem gemeinsamen Trog verlegt werden könnten, der hochwassersicher ausgebaut wird. Auf diesem Trog könnte dann ein breiter Fahrradweg entstehen, um die touristisch beliebte Region noch attraktiver zu machen.

Deutschland | Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal

Die Ahrtal-Bahn ist komplett zerstört, nirgendwo liegen die Gleise noch in ihrem Bett

Einige Bürger schlagen vor, die Orte autofrei, also nur für Fußgänger und Radfahrer zugänglich wieder aufzubauen. Die völlig zerstörte Bahnstrecke neben dem Fluss könnte durch eine Schwebebahn ersetzt werden. Geheizt werden soll in Zukunft nur mit umweltverträglichen Energien, beispielsweise Holzpellets. Heizöltanks werde es an der Ahr nicht wieder geben, betont der stellvertretende Landrat Horst Gies mit Verweis auf die immensen Umweltschäden, die dadurch entstanden sind, weil die Flut Heizungsanlagen mitgerissen hat und das Heizöl nun in den Böden steckt.

Kann man noch am Fluss wohnen?

Das Ahrtal neu denken, dazu gehört auch die Idee, im Zuge des Wiederaufbaus Kindergärten, Altenheime und Büroflächen in gemeinschaftlich genutzten Gebäudekomplexen unterzubringen. Doch wo können diese Gebäude noch stehen? "Wir dürfen nicht mehr so aufbauen wie bisher, sondern wir müssen dem Wasser Platz geben", hieß es in der Arbeitsgruppe Bauen.

Was aber bedeutet das für die vielen Menschen, deren Häuser am Fluss standen? Die alles verloren haben, deren Häuser weggeschwemmt wurden oder so kaputt sind, dass sie abgerissen werden müssen. Viele wollen genau dort bleiben und ihre Häuser wiederaufbauen. Genau das aber wird vielfach verhindert werden müssen.

Experten sind dabei, Überschwemmungsgebiete im Ahrtal neu zu definieren und auszuweisen. In Gebieten, in denen die Gefahr einer erneuten Flut zu groß sei, will das Land Rheinland-Pfalz den Kommunen helfen, Ersatzflächen zu finden, wohin Betroffene umgesiedelt werden könnten. Doch genau davor haben viele Menschen im Ahrtal Angst.

Winterquartiere – dringend gesucht

Die Verbandsbürgermeisterin von Altenahr, Cornelia Weigand, setzt sich dafür ein, dass möglichst viele Menschen in ihrer Heimat bleiben können. "Es mag Bauverbotszonen geben, aber es braucht auch neue Bauformen, sodass man Häuser hat, in denen man unten ‑ ich sage es einmal so salopp ‑ mit den Füßen im Wasser stehen darf, aber oben weiterhin sicher wohnen kann", sagte sie kürzlich nach einem Besuch der Bundeskanzlerin im zu 95 Prozent zerstörten Ort Altenburg.

Nach Flutkatastrophe im Ahrtal | Besuch Kanzlerin Merkel | Bürgermeisterin Altenahr Cornelia Weigand

Cornelia Weigand, Bürgermeisterin von Altenahr

Auf die erste Zukunftskonferenz zum Wiederaufbau soll noch in diesem Monat eine zweite folgen. Angesichts des anbrechenden Herbstes und des bevorstehenden Winters soll es kurzfristig auch darum gehen, wie die Energieversorgung so schnell wie möglich wieder in Gang kommen kann. In vielen Häusern, die zwar beschädigt, aber bewohnbar sind, werden die Heizungen nicht rechtzeitig repariert werden können. Für diese Menschen müssen jetzt schleunigst Winterquartiere gefunden werden.

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