Musiker und Volksheld: Mikis Theodorakis zum 95. | Musik | DW | 28.07.2020
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Geburtstag

Musiker und Volksheld: Mikis Theodorakis zum 95.

Seine Stimme ist aus Griechenland nicht wegzudenken, weder musikalisch noch politisch. Auch mit 95 Jahren mischt sich Mikis Theodorakis noch ein.

Viele verbinden den Namen Mikis Theodorakis mit der Musik aus dem dreifach Oscar-prämierten Kultfilm "Alexis Sorbas", die ihn 1964 weltweit berühmt machte und mittlerweile längst zum Klassiker avanciert ist. Der dazugehörige Tanz Sirtaki gilt vielen Nichtgriechen als Inbegriff des griechischen Volkstanzes, dabei wurde die Schrittfolge eigens für den Film erfunden.

Doch Mikis Theodorakis hat weit mehr als traditionelle Musik komponiert: Über 1000 Lieder hat er geschrieben, die meisten von ihnen beruhen auf den Arbeiten griechischer Dichter und zählen heute zum Volksgut seines Heimatlandes. Außerdem komponierte er zahlreiche Symphonien, Opern sowie Kammer-, Ballett- und Filmmusik. Und doch: Zur Symbolfigur des linken Kampfes machten ihn seine einfachen, emotionalen Volkslieder, die in der griechischen Tradition wurzeln und in deren Texten er die großen Dichter seines Landes zum Klingen bringt.

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So tanzt Europa: Sirtaki

Widerstandskämpfer und Kulturrevolutionär

Mikis Theodorakis erblickte am 29. Juli 1925 auf der Insel Chios im Ägäischen Meer das Licht der Welt. Schon mit 13 Jahren verfasste er seine ersten Kompositionen, mit 17 gab er sein erstes Konzert. Vor allem die Klassik hatte es ihm angetan. Der junge Mikis träumte von einer Musikerkarriere und schrieb sich als Student am Athener Konservatorium ein, doch die Geschichte hatte zunächst andere Pläne mit ihm. Während der Besatzung Griechenlands durch deutsche Truppen kämpfte er im Widerstand gegen die Nazis, im griechischen Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 schloss er sich der linken Volksfront an. Mehrfach wurde Theodorakis als kommunistischer Regimegegner verhaftet und grausam gefoltert, sogar lebendig begraben.

Nach seiner Entlassung aus dem Arbeits- und Straflager auf der Gefängnisinsel Makronissos war er physisch am Ende, seine Liebe zur Musik aber ungebrochen. Er beendete seine Studien in Athen und später in Paris mit Auszeichnung. Schon früh konnte Mikis Theodorakis als Komponist klassischer Werke Erfolge feiern und Preise einheimsen, doch zunehmend widmete er sich auch der Folklore seiner Heimat. Dort stieß Theodorakis mit seiner Musik eine Kulturrevolution an. Er vertonte die sozialkritischen Texte des Dichters Yiannis Ritsos zu den Klängen eines damals verpönten Volksinstruments, der Bouzouki.

International erfolgreich, zuhause verboten

Der Soundtrack zum Film-Epos "Alexis Sorbas" und die Ballade "Mauthausen", 1965 gesungen von der damals 16-jährigen Maria Farantouri, verschafften Mikis Theodorakis endgültig Weltruhm. Während seine Musik in Griechenland die Suche des Volkes nach einer eigenen modernen kulturellen Identität befeuerte, setzte der Komponist im Parlament als Abgeordneter den politischen Kampf fort. Als der von ihm verehrte linke Abgeordnete Grigoris Lambrakis 1963 ermordet wurde, schrieb Theodorakis die Filmmusik für den Politthriller "Z" über die Errichtung der griechischen Militärdiktatur und setzte seinem Idol damit ein musikalisches Denkmal - wiederum eindeutig von griechischer Folklore inspiriert.

Zwei Darsteller tanzen im Film Alexis Sorbas (1964) Sirtaki. (picture-alliance/United Archives/IFTN)

Sirtaki-Szene aus dem Film "Alexis Sorbas": Die Filmmusik machte Mikis Theodorakis weltberühmt

Am 21. April 1967 putschte sich in Griechenland die Militärjunta an die Macht, und wieder tauchte Theodorakis in den Untergrund ab. Als Gründer der Patriotischen Front wurde er erneut verhaftet, gefoltert und in ein Lager verbannt. Erst eine internationale Solidaritätsbewegung von so illustren Künstlern wie Dmitri Schostakowitsch, Leonard Bernstein, Arthur Miller und Harry Belafonte konnte seine Freilassung erwirken: Theodorakis wurde 1970 ins Exil abgeschoben.

Seine Musik war bereits im Juni 1967 verboten worden. Wer sie anhörte, musste mit harten Strafen rechnen. Der rebellische Grieche jedoch reiste um die ganze Welt und gab über 1000 Konzerte, in denen er Diktaturen jeglicher Couleur anprangerte und für den Widerstand gegen die Militärdiktatur in seiner Heimat warb. Während seiner Konzertreisen empfingen ihn Politiker wie Ägyptens Gamal Abdel Nasser oder Palästinenserchef Jassir Arafat; François Mitterrand und Willy Brandt wurden zu Freunden. Als Komponist schuf er in dieser Zeit zahlreiche großformatige Liederzyklen; im Exil entstand auch seine berühmte Vertonung des revolutionären "Canto General" aus der Feder des chilenischen Dichters Pablo Neruda.

Volksheld oder Volksverräter?

Nach dem Sturz der Militärdiktatur 1974 kehrte Mikis Theodorakis in seine Heimat zurück und wurde als Ikone der Freiheit wie ein Volksheld gefeiert. Mit seinen Liedern spricht er Unzähligen seiner Landsleute aus dem Herzen, und so sangen die Griechen begeistert sein "Imaste dio" mit: "Wir sind zwei, wir sind drei, wir sind 1013, und wenn wir zusammenhalten, bewegen wir die Welt.". Doch schon bald kam es in der griechischen Politik wieder zu Intrigenspielen. Der Komponist schwankte zwischen Resignation und immer neuem Engagement - zwischen Einsatz im Parlament und freiwilligem Rückzug.

Mikis Theodorakis und der Widerstandskämpfer Manolis Glezos sitzten nebeneinander im griechischen Parlament und unterhalten sich. (picture-alliance/ANE)

Mikis Theodorakis (r.) 2015 mit dem ehemaligen Widerstandskämpfer Manolis Glezos (l.) im griechischen Parlament

Theodorakis immenses Schaffen und Wirken war immer dem Kampf gegen Barbarei und Unterdrückung gewidmet. 1986 gründete er gemeinsam mit dem türkischen Komponisten Zülfü Livaneli das Komitee für türkisch-griechische Freundschaft, um die Jahrhunderte alte Feindschaft der Nachbarländer zu beenden. Beiden brachte das massive Anfeindungen ein, ebenso wie den Vorwurf, Volksverräter zu sein.

Von 1990 bis 1992 saß Theodorakis als Staatsminister ohne Geschäftsbereich im Parlament einer großen Koalition aus Konservativen, Sozialisten und Linken. Auch hier setzte er sich für die Aussöhnung von Griechen und Türken ein und machte sich vor allem eine Bildungs- und Kulturreform zur Aufgabe.

Ein Mann der deutlichen Worte 

Nach seinem Rückzug aus der Staatspolitik übernahm Theodorakis 1993 das Amt des Generalmusikdirektors des Symphonie-Orchesters und Chores des griechischen Rundfunks und Fernsehens und war auch als Dirigent seiner eigenen Werke gefragt. Wieder schrieb er eine lyrische Tragödie nach antikem Vorbild: Medea, Elektra, Antigone. 1999 trat er von der Konzertbühne ab, komponierte jedoch weiter.

Sein musikalisches Engagement hinderte ihn nicht daran, sich weiterhin mit deutlichen Worten zur aktuellen Politik zu melden. So polterte er laut gegen die Sparpolitik der griechischen Regierung auf Druck der Europäischen Union. "Wir erleben eine nationale Tragödie", rief er seinen Landsleuten 2012 zu. Ohne Grund seien die Griechen an "den Rand des Abgrunds manövriert worden". Immer wieder schimpfte er auch vernehmlich gegen die US-Regierung und Israels Umgang mit den Palästinensern.

Antisemitismus-Vorwürfe

2003 gipfelte das während einer Pressekonferenz in der Aussage: " Heute können wir sagen, dass dieser kleine Staat die Wurzel des Bösen ist, nicht des Guten, was heißt, dass zu viel Selbstherrlichkeit und zu viel Starrsinn böse sind." 2011 titulierte er sich in einem Fernsehinterview selbst als "Antisemit und Antizonist" und sagte, die "amerikanischen Juden" stünden hinter der Weltwirtschaftskrise, die auch Griechenland getroffen habe.

Diese Äußerungen sorgten nicht nur in Israel für Entsetzen. Theodorakis entschuldigte sich und nahm in einem Brief an den Jüdischen Zentralrat Griechenlands Stellung. Was er mit "Wurzel des Bösen" gemeint habe, sei die "unglückliche Politik" des Staates Israel und dessen Bündnispartner USA. Dass er sich selbst einmal als "antisemitisch" bezeichnet habe, sei ein Fehler gewesen, der ihm aufgrund eines sehr langen und ermüdenden Interviews unterlaufen sei. "Ich liebe das jüdische Volk, ich liebe die Juden!", so Theodorakis. 

Auch mit 95 ist er nicht still

2013 gab Theodorakis in einem offenen Brief seine "vollständige Abdankung als kämpfender Bürger" bekannt: "Nach Kämpfen von 70 Jahren, zumal meine Ansichten schließlich weder dem Volk bekannt noch von den nächstverwandten politischen Führungen akzeptiert wurden." 

Luftaufnahme der Akropolis in Athen. (picture-alliance/ANE)

Theodorakis Heimat Athen: Dort lebt er zurückgezogen in seinem Haus, mit Blick auf die Akropolis

So ganz kann er es aber auch mit 95 Jahren nicht lassen, sich einzumischen. Zwar absolviert er keine öffentlichen Auftritte mehr - aber auf seiner Homepage kommentiert Theodorakis das Geschehen immer wieder. So zum Beispiel im Zuge der Corona-Krise, als die Regierung in Athen den arbeitslos gewordenen Musikern zunächst keine Zuschüsse gewährte. 

Wenn in Griechenland etwas passiert, dann wollen alle auch seine Meinung hören. Er ist eben der "Mikis" aller Griechen.

Dies ist die aktualisierte Fassung eines früheren Artikels.

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