Medikamente: Forschung nach Antibiotika kommt schleppend voran | Wissen & Umwelt | DW | 21.01.2020
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Resistenzen

Medikamente: Forschung nach Antibiotika kommt schleppend voran

Antibiotika-resistente Bakterien bedrohen unsere Gesundheit. Nur noch wenige forschende Pharmaunternehmen versuchen, neue Medikamente auf den Markt zu bringen. Und sie versuchen, Verschreibungen einzuschränken.

MRSA - Keim unter dem Elektronenmikroskop (picture-alliance/BSIP/NIAID)

Ein multiresistenter Staphylococcus Aureus Krankenhauskeim

Im letzten Jahr häuften sich Berichte, dass sich große forschende Pharmaunternehmen immer stärker aus der Antibiotika-Entwicklung zurückziehen. Dies liege daran, dass die Investitionskosten für Forschung und Entwicklung (R&D) hoch sind, die Produkte aber wenig Profit abwerfen.

Aber es gibt auch wieder gute Nachrichten: Einige hartnäckige Forschungsunternehmen bleiben am Ball. Am 21. Februar 2020 veröffentlichte die Access to Medicine Foundation ihren Bericht "Antimicrobial Resistance Benchmark" (AMRB 2020). 

Darin zieht die Organisation, die sich dafür einsetzt, dass passende Medikamente für betroffene Patienten weltweit verfügbar sind, eine gemischte Bilanz. Die Bedrohung durch Arzneimittelresistenzen erfordere deutlich stärkere Anstrengungen. Gleichzeitig hätten einige Unternehmen ihre Bemühungen ausgeweitet. Derzeit sind bei den im Bericht aufgeführten Unternehmen 138 Medikamente und Wirkstoffe in der Entwicklungspipeline. 

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Infografik Für welche Medikament-Art wird geforscht DE

Es könnte mehr getan werden

Antibiotikaresistenzen werden noch immer nicht im erforderlichen Maß bekämpft. Etwa 700.000 Menschen sterben weltweit daran. 

Einige Unternehmen weiten dabei glücklicherweise ihre Bemühungen aus. Sich aber nur auf diese zu verlassen, birgt auch Risiken. "Antibiotika sind weiterhin unverzichtbar für die Gesundheit der Menschen", sagt Jayasree K. Iyer, Direktorin der Access to Medicine Foundation im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Wir brauchen neue Antibiotika und Impfungen. Und wir brauchen sie so schnell wie möglich."

Die großen Pharmaunternehmen, die noch neuartige Antibiotika entwickeln, sind dem AMRB 2020 zufolge GSK , Pfizer, Shionogi, Otsuka und Merck&Co.

Johnson&Johnson hat gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk bestätigt, dass die Firma nicht mehr an klassischen Antibiotika forsche. Sie arbeitet dafür aber weiterhin an antibakteriellen Impfungen.

"Wenn nun Firmen viel in Forschung und Entwicklung investiert haben und dann plötzlich damit aufhören, kommt es dazu, dass wir keine Ersatzwirkstoffe mehr bekommen, die Antibiotika ersetzen könnten, die nicht mehr funktionieren," sagt Stiftungsdirektorin Iyer.

Derzeit haben diese und einige kleinere Pharmaunternehmen insgesamt 54 Medikamente gegen Pilz- oder bakterielle Infektionen in der klinischen Entwicklung. 51 davon sind soweit fortgeschritten, dass sie bereits als sicher angesehen werden und in Phase II am Menschen getestet werden oder wurden. Das sei allerdings vergleichsweise wenig, so der Bericht. 

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Infografik Anteil neu entdeckte Wirkstoffe in Medikamenten Entwicklung DE

Herstellung in wenigen Händen.

Ähnlich wie bei der Forschung und Entwicklung sieht es auch bei der Produktion von Antibiotika aus. Sind auch hier nur wenige Firmen beteiligt, kann die gesamte Medikamentenentwicklung und –versorgung gerade in ärmeren Weltregionen in Gefahr geraten.

"Die Mehrheit der Firmen sind extrem große Hersteller", sagt Iyer. "Einige sind verantwortlich für mehr als 200 Produkte. Und sie liefern sie weltweit aus. Falls diese Firmen ihre Strategie ändern und keine Antibiotika mehr herstellen, haben plötzlich die Menschen, etwa in Ländern mit mittlerem und geringem Einkommen, keinen Zugriff mehr darauf." Die Gefahr bestehe übrigens auch, wenn eine Firma pleite gehe.

Größtes Problem: Kein Zugang zu Antibiotika

Zwar gilt die Sorge der Mediziner den Antibiotika-resistenten Keimen, doch ist ein viel größeres Problem, dass die meisten Menschen überhaupt keinen Zugang zu existierenden Antibiotika haben, die sie brauchen. So sterben weltweit mehr Menschen, weil sie nicht an das passende Medikament herankommen, als an resistenten Keimen selbst.

Insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind viele Wirkstoffe gar nicht registriert. 102 Länder der Welt hat die Access to Medicine Foundation als problematisch identifiziert. Dort sei ein besserer Zugang zu Medikamenten dringend nötig.

Nur drei der 13 patentierten neuartigen Antibiotika, die der Bericht AMRB 2020 berücksichtigt, sind in mehr als zehn dieser Länder überhaupt verfügbar. "Selbst bereits etablierte Antibiotika sind in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen oft nicht verfügbar. Daher gibt es auch kaum Chancen, dass neue Antibiotika die Menschen erreichen, die sie dort brauchen," sagt Stiftungspräsidentin Iyer.

So liefern die Hersteller nur 14 von 30 etablierten Antibiotika in einkommensschwache Länder.

Selbstbeschränkung bei der Vermarktung

Mindestens genauso wichtig wie die Entwicklung neuer Antibiotika ist es, Ärzte vom übermäßigen Gebrauch herkömmlicher Antibiotika abzubringen. Denn es gilt, die Bildung von Resistenzen von Anfang an zu vermeiden.

"Wir haben versucht auf die Firmen einzuwirken, dass sie ihrer Verantwortung bei Vermarktung und Vertrieb gerecht werden, und ihre Antibiotika nicht übermäßig verkaufen bzw. Ärzte nicht dazu verleiten, übermäßig zu verschreiben," sagt Iyer.

Und das hat offenbar gewirkt. Immer mehr von ihnen sensibilisieren Ärzte und Mitarbeiter im Gesundheitssystem für dieses Problem. Auch zahlen zehn Unternehmen keine Prämien mehr für höhere Absatzzahlen an ihre Verkaufsagenten oder sie beschäftigen überhaupt keine Vertreter mehr im Vertrieb. Noch 2018 hatten sich nur fünf Pharmaunternehmen an dieses Prinzip gehalten. Die Selbstbeschränkungen führten auch dazu, dass Ärzte bei der Verschreibung zurückhaltender geworden sind.

Infografik Anteil der Marktreife von neu entwickelten Mediakmenten DE

Mehr Transparenz über Resistenzbildung und besserer Marktzugang

Einige Unternehmen sind dazu übergegangen, Erkenntnisse über Resistenzen mit Kliniken und Wissenschaftlern zu teilen. Pfizer hat etwa die Rohdaten aus seinem firmeninternen Kontrollprogramm in einem frei zugänglichen Register veröffentlicht.

Auch die Einführung neuer Wirkstoffe in den Markt hat sich in den letzten Jahren leicht verbessert. So hätten die forschenden und produzierenden Pharmaunternehmen nun für immerhin 55 Prozent der 51 neu entwickelten und in Phase II erprobten Medikamente schon Pläne zur Markteinführung erarbeitet.

Trotz dieser Fortschritte bleibt Jayasree K. Iyer skeptisch: "Es muss uns klar sein, dass Antibiotika-Resistenzen sich sehr schnell entwickeln. Die Firmen haben aber kein Interesse an der Antibiotika-Entwicklung, wenn sich damit keine Gewinne erwirtschaften lassen und kein Marktpotential vorhanden ist. Dann besteht die Gefahr, dass wir auch das wenige verlieren, was wir jetzt noch haben."

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