Moskaus abgehängte Randbezirke | Europa | DW | 15.09.2019
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Soziale Ungleichheit

Moskaus abgehängte Randbezirke

Der Moskauer Stadtteil Tschertanowo ist ein sozialer Brennpunkt. Die Menschen sind arm, das Viertel heruntergekommen, die reichen Viertel der Innenstadt weit weg. Stadtentwickler warnen vor immer stärkerer Ungleichheit.

Russland Moskau Tschertanowo | Die alleinerziehende Julia in Tschertanowo (DW/A. Kauschanski)

Die 29-jährige Julia lebt mit ihren drei Kindern im Moskauer Stadtteil Tschertanowo

"Mein ganzes Leben habe ich hier gelebt, aber es ändert sich nur wenig", sagt Julia. Die alleinerziehende Mutter wohnt in Tschertanowo, einem Moskauer Außenbezirk. Mit ihren drei Kindern sitzt die 29-jährige in einem Park - zwischen einem Denkmal zu Ehren der sowjetischen Raumfahrt und einem in die Jahre gekommenen Plattenbau. Nicht weit entfernt liegen zwei Obdachlose auf einer Parkbank.

"Viele Moskauer meinen, Tschertanowo bestehe nur aus Drogenabhängigen und Banditen. Es sei ziemlich gefährlich hier", erzählt Julia. "Das alles hat sicherlich einen wahren Kern. Trotzdem wünschen sich die meisten Einwohner ein besseres Leben. Die Stadt tut aber recht wenig dafür, unsere Lebensverhältnisse zu verbessern."

Tschertanowo wurde in den 1930er Jahren aus dem Boden gestampft - als Arbeitersiedlung für die damals neuen Industriekomplexe im Süden der russischen Hauptstadt. Viele Fabriken machten nach dem Zerfall der Sowjetunion herbe Verluste und schlossen. Tausende Arbeitsplätze gingen verloren. Der junge russische Staat war überfordert, fehlende Sozialprogramme trugen zur Verwahrlosung bei. Kriminelle Banden machten sich breit und brachten dem Viertel einen besonders schlechten Ruf ein.

Russland Moskau Tschertanowo | (DW/A. Kauschanski)

Tschertanowo - nach dem Zerfall der UdSSR zunehmend verwahrlost

Julia lebt mit ihren Kindern in einer Sozialwohnung am Rande der Gegend. Aufgrund einer leichten Behinderung bekommt sie staatliche Sozialhilfe. "Es ist nur wenig Geld. Damit es bis zum Ende für mich und meine drei Kinder reicht, muss ich mir ab und zu etwas unter der Hand dazuverdienen." Vor Julias Wohnhaus steht ein alter Spielplatz. Der Asphalt vor dem Platz ist voller Schlaglöcher. Sie spricht von vielen kleinen Problemen: "Mein Kleinster ist dort gestolpert und hat sich die Nase blutig geschlagen. An der Abfalltonne vor unserem Haus fehlt der Boden – der Müll fällt einfach durch." Sie habe die Mängel fotografiert und eine Nachricht an die Stadtverwaltung geschrieben. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Die Beschwerde sei nicht formgerecht eingereicht worden. Deshalb könne die Anfrage nicht beantwortet werden.

"Dabei gäbe es in Tschertanowo so viel zu tun", sagt Julia. Sie berichtet von Jugendlichen, die regelmäßig vor ihrem Hauseingang herumlungern und von Jugendlichen, die nachts auf dem Hof lautstark ihre Streitereien austragen.

Das Ende des futuristischen Traums

Zwei Metrohaltestellen weiter experimentierten in den 1970er Jahren sowjetische Stadtplaner. Auf dem Gelände entstand eine modernistische Stadt in der Stadt. Der Wohnkomplex im nördlichen Tschertanowo sollte das städtische Zusammenleben im kommunistischen Idealzustand demonstrieren.

Russland Moskau Tschertanowo | Modernistische Bauten (DW/A. Kauschanski)

Modernistische Bauten: Die Planstadt sollte eine kommunistische Utopie zeigen

Der Komplex steht auf einem Plateau über einem künstlich angelegten See. Zwischen brutalistisch anmutenden Betonbauten schlängeln sich Fußwege um Grünanlagen. Autos sind zwischen den Gebäuden nicht erlaubt. Für die Fahrzeuge der Anwohner wurden unterirdische Parkanlagen gebaut, von denen aus man direkt in die Wohnhäuser gelangt. Im Mikrokosmos des Viertels sollte alles miteinander verbunden sein. Wohnungen, ein Kino, das Bürgeramt, die Schule, Restaurants, ein Schwimmbad und eine Bibliothek fanden alle fußläufig auf dem Gelände Platz. Die Anwohner mussten die futuristische Planstadt nicht verlassen, um all ihren Verpflichtungen und Bedürfnissen nachzugehen.

Heute hat der futuristische Traum ein Ende gefunden. Weil es kaum noch Arbeit gibt, müssen die Anwohner mit der U-Bahn zur Arbeit in andere Stadtteile fahren. Neue Gebäude entstehen. Tschertanowo wird vom immer weiter wachsenden Moskau verschluckt.

"Mein Auftraggeber weigerte sich, das Gehalt zu zahlen"

An einem Hauseingang im Mikroviertel repariert eine Gruppe junger Männer eine Hausfassade. Sie sind sogenannte "Gastarbejtery" – ein Lehnwort aus dem Deutschen. Nawruz kommt aus Usbekistan. "Wir alle kommen aus Zentralasien – Kirgistan, Aserbaidschan, Tadschikistan…", zählt er auf. "Wir haben uns auf dem Bau kennengelernt. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft sind wir alle nach Russland gekommen."

Russland Moskau Tschertanowo | Arbeitsmigranten in Tschertanowo (DW/A. Kauschanski)

Arbeitsmigranten in Tschertanowo: "Wir wollen eine bessere Zukunft"

Die meisten Arbeitsmigranten kommen aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion. Sie finden Anstellung im Bausektor, als Taxifahrer und im Dienstleistungsgewerbe. Sie wandern ein, weil die Löhne in Russland höher sind und es in ihren Herkunftsländern an gut bezahlter Arbeit mangelt.

"Die Arbeitsbedingungen hier sind trotzdem ziemlich schlecht", berichtet Nawruz. "Eine Arbeitsgenehmigung kostet sehr viel Geld. Ständig werden wir von der Polizei kontrolliert und nach unseren Dokumenten gefragt. Häufig drohen sie uns mit Abschiebungen."

Eine Reform im russischen Migrationsrecht sollte 2015 die Situation für Arbeitsmigranten verbessern. Mit einer gebührenpflichtigen Arbeitserlaubnis sollten die Einwanderer aus der rechtlichen Grauzone befreit werden. Das komplizierte Verfahren und die hohen Kosten lassen jedoch am Erfolg der Maßnahme zweifeln. Nicht alle Einwanderer können sich eine Registrierung leisten; so landen sie auf schwarzen Listen der Migrationsbehörde. Doch das sind nicht die einzigen Schwierigkeiten: "Nachdem ich einige Reparaturarbeiten an einer Wohnung durchgeführt habe, weigerte sich mein Auftraggeber, mir den vereinbarten Lohn auszuzahlen", erzählt Nawruz. "Er drohte mir stattdessen mit einer Anzeige bei der Polizei."

Aufgrund der niedrigen Löhne sei auch die Wohnsituation extrem schwierig. Nawruz erzählt, dass er sich seine Wohnung mit über 40 anderen Arbeitern teile. "Wir schlafen zusammengepfercht auf sehr engem Raum. Es ist sehr dreckig. Überall sind Kakerlaken."

Größtes Problem Segregation 

"Moskau ist eine Stadt, in der so gut wie alle einst Migranten waren", sagt Olga Wendina. Die Expertin für Stadtentwicklung forscht im geografischen Institut der russischen Wissenschaftsakademie. Noch 1900 lebten in Moskau etwas mehr als eine Million Menschen. Heute sind es mehr als 12 Millionen. Wendina stellt fest: "Mit der wachsenden Ungleichheit ist die gesellschaftliche Segregation eine der größten Herausforderungen in Moskau."

Russland Moskau Tschertanowo | Wohnhäuser am künstlich angelegten See (DW/A. Kauschanski)

Wohnhäuser am künstlich angelegten See: "Segregation gab es schon in der Sowjetunion"

Segregation bezeichne die soziale, wirtschaftliche oder ethnische Fragmentierung einer Gesellschaft. "Räumliche Segregation gab es schon zu Zeiten der Sowjetunion", erzählt Wendina. Arbeiter siedelten wie in Tschertanowo in direkter Nachbarschaft zu den Fabriken. Das Bildungsbürgertum - die Intelligenzija - lebte im Umkreis von Universitäten und Forschungseinrichtungen.

"Heutzutage ist es anders", sagt Stadtforscherin Wendina. "Die Menschen ziehen nicht zu ihrer Arbeit, sondern die Arbeit kommt zu den Menschen." Aufgrund des höheren Bildungsstands der Einwohner, so Wendina, siedelten sich immer mehr Unternehmen im Zentrum und den bürgerlichen Stadtteilen an.

Dies wirke als selbstverstärkender Effekt. Die wohlhabenden Nachbarschaften profitierten durch die neuen Arbeitsplätze, der Wohlstand konzentriere sich dort immer mehr. Umgekehrt verkommt in den ärmeren Stadtteilen wie Tschertanowo die soziale Infrastruktur. Die Ungleichheiten verstärkten sich. Ein Problem, mit dem beileibe nicht nur Moskau zu kämpfen hat.

"Segregation ist gefährlich, weil sie das Zusammenleben innerhalb einer Stadt behindert", erklärt Wendina. Moderne urbane Herausforderungen ließen sich nicht individuell lösen, sondern erforderten gemeinschaftliches Handeln und gesellschaftliche Solidarität. "Postsowjetische Bürger sind es gewohnt, gesellschaftliche Verantwortung an den Staat zu delegieren. Damit zementieren sie aber das bestehende System", erklärt die Forscherin. "Wir müssen die Stadt im Sinne unserer gemeinsamen Vorstellungen prägen. Nur wenn wir aktiv an der Stadtentwicklung teilnehmen, dann können wir uns auch selber ändern."

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