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Mosambik: Journalisten zwischen den Fronten

Antonio Cascais
9. November 2022

Immer öfter geraten mosambikanische Journalisten, die über den Terrorismus im Norden des Landes berichten, zwischen die Fronten. Sie werden schikaniert und bedroht - von Terroristen, aber auch von Sicherheitskräften.

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Die Stiefel eines Soldaten auf sandigem Untergrund
Die Provinz Cabo Delgado ist gefährliches Terrain für Journalisten - freie Berichterstattung ist dort nicht möglichBild: DW

Es kommt nicht oft vor, dass sich Fremde nach Balama in der nordmosambikanischen Unruheprovinz Cabo Delgado verirren. Die Gegend ist eines der Epizentren eines seit 2017 von bewaffneten Dschihadisten geführten Aufstandes, den mosambikanische und internationale Truppen aus der Region mit Waffengewalt niederzuschlagen versuchen.

Am Abend des 26. Oktober 2022 checkt der Journalist Arlindo Chissale, ein ehemaliger DW-Korrespondent, der für die mosambikanische Internet-Nachrichtenplattform Pinnacle News arbeitet, in einer Pension in der kleinen Stadt ein. Kurz nachdem sich der Journalist im Zimmer mit der Nummer 3 eingerichtet hat, klopfen drei Polizisten an seine Tür. Was dann folgt, bezeichnet Chissale später im DW-Interview als "Horrortrip." 

"Sie fesselten mich und zwängten mich in ein Polizeiauto und dann warfen sie mich in ein Verlies - ein Loch voller Moskitos, Ameisen und anderem Ungeziefer. Sie nahmen mir meine Mobiltelefone ab, ich durfte niemanden kontaktieren. Essen oder Trinkwasser gab es so gut wie gar nicht", erzählt Chissale sieben Tage später, nach seiner Freilassung am 2. November 2022.

"Sieben Tage und Nächte hockte ich im Gefängnis von Balama, so lange hat es gedauert, bis ein Richter feststellte, dass meine Verhaftung illegal war", sagt Chissale und fügt hinzu: "Diese und ähnliche Schikanen sollen uns Journalisten daran hindern, über den Krieg in Cabo Delgado zu berichten."

Chissale sagt, er lasse sich aber nicht einschüchtern: Er habe immer über die Ereignisse in Cabo Delgado geschrieben und werde das weiterhin tun, auch wenn die Regierung in Maputo unabhängige Berichterstattung über den Kampf gegen die Dschihadisten im Norden Mosambiks nicht sehen will - angeblich aus Sicherheitsgründen. 

Staatsanwaltschaft rechtfertigt Verhaftung

Fast eine Woche lang galt der Journalist als verschwunden. Kollegen und Familienangehörige rätselten über sein Schicksal. Erst sechs Tage nach seiner Festnahme meldete sich Gilroy Fazenda, Sprecher der Staatsanwaltschaft in Cabo Delgado, auf Druck der mosambikanischen Journalistengewerkschaft, zu Wort.

"Der Journalist wurde nicht verhaftet, weil er Journalist ist. Er wurde als normaler Bürger im Zusammenhang mit terroristischen Aktivitäten verhaftet. Ihm wird zu Last gelegt, Informationen gesammelt zu haben, die Terrorakte begünstigen könnten. Unter anderem soll er sich über Truppenbewegungen und Positionen der Regierungssoldaten in der Region erkundigt haben", so der Staatsanwalt. Es ergebe sich der Verdacht, dass Chissale vorgehabt habe, diese Informationen an den Feind, also an die islamistischen Terroristen, weiterzugeben. "Dafür werde ihm jetzt der Prozess gemacht", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Karte, die die Unruheprovinz Cabo Delgado in Mosambiks Norden zeigt, mit Referenz zur Hauptstadt Maputo

Fazenda fügte hinzu, dass der Journalist - wenn sich die Vorwürfe vor Gericht erhärten sollten - mit einer Haftstrafe von acht bis 20 Jahren rechnen müsse. Das sei das Strafmaß, das für Leute vorgesehen sei, die Informationen verbreiten, die Terroristen bei ihren Taten helfen.

Einschüchterung kein Einzelfall

Der aktuelle Einschüchterungsversuch des Journalisten Chissale ist bei Weitem kein Einzelfall, sagt Jonas Wazir, Repräsentant des Media Instituts for Southern Africa (MISA Mosambik) - einer NGO, die sich für Pressefreiheit im südlichen Afrika einsetzt -, im DW-Interview. Der Fall erinnere frappierend an einen anderen, noch dramatischeren Angriff auf die Pressefreiheit, der sich bereits vor über zwei Jahren, ebenfalls in der Unruheprovinz Cabo Delgado ereignete: Die Entführung des Journalisten Ibraimo Mbaruco, der beim Community-Radio in der Ortschaft Palma, im äußersten Nordosten Mosambiks, ganz in der Nähe des riesigen Gas-Projekts des französischen Energieunternehmens Total, arbeitete.

"Mbaruco wurde verschleppt, als er über dschihadistische Anschläge berichtete. Das letzte Lebenszeichen vor seinem Verschwinden war eine Textnachricht, die er an seinen Sender schrieb und in der er angab, von einer Gruppe von Soldaten eingekreist worden zu sein. Seitdem gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm", erinnert Jonas Wazir.

"Das Ganze geschah vor über zweieinhalb Jahren am 7. April 2020", erinnert Fernando Gonçalves, ebenfalls Vorstandsmitglied von MISA Mosambik. "Wir haben keine konkreten Informationen darüber, was genau passiert ist. Wir wissen auch immer noch nicht, ob und welche Ermittlungen zu dem Fall angestellt wurden. Auf keine unserer vielen Anfragen, die wir an diverse Regierungsstellen, an die Kriminalpolizei und an die Staatsanwaltschaft gerichtet haben, erhielten wir eine Antwort."

Es bleibe festzuhalten: Die Regierung unterdrückt jegliche unabhängige Berichterstattung über den Krieg in Cabo Delgado, so Gonçalves. "Sie möchte jegliche Information kontrollieren. Sie ist der Meinung, dass sich Journalisten nicht in militärische Angelegenheiten einmischen sollten."

Ein Sicherheitsbeamter vor einem Gebäude mit Einschusslöchern
Seit 2017 zittert Mosambiks Cabo Delgado Provinz im Norden vor den Angriffen der TerroristenBild: Roberto Paquete/DW

Neben der Hauptgefahr - nämlich von den islamistischen Gotteskriegern angegriffen oder gar enthauptet zu werden, wenn sie sich ihnen mit ihrer Arbeit entgegenstellen - würden Journalisten, die über den Konflikt in Cabo Delgado berichten, zusätzlich von den Sicherheitstruppen unter Druck gesetzt, was ihre Arbeit in den meisten Fällen praktisch unmöglich mache, so Fernando Gonçalves.

"Nur die Spitze des Eisbergs"

"Die in den Medien bekannt gewordenen Fälle von Entführungen, Verhaftungen und Einschüchterung von Journalisten stellen nur die Spitze des Eisbergs dar", sagt Hermínia Francisco, Sekretärin der mosambikanischen Journalistengewerkschaft SNJ in der an Cabo Delgado angrenzenden Provinz Nampula, im DW-Interview. Viele, vor allem junge Journalisten und Reporter im ganzen Land fühlten sich verängstigt und drohten damit, den Beruf aufzugeben. Das bereite ihr Sorgen, so die Gewerkschafterin.

Dschihadistische Gewalt in Mosambik eskaliert

Der 24-jährige Emerson Joaquim, der erst vor zwei Jahren seine Arbeit beim Sender AfroTV in Nampula aufnahm, ist einer dieser jungen Journalisten, die darüber nachdenken, den Job an den Nagel zu hängen. "Wir verlieren die Lust an diesem Beruf, da wir jeden Tag mit Berichten über Verhaftungen und Übergriffen gegen unsere Kollegen konfrontiert werden", sagt er der DW.

Und Faizal Abudo, der für den lokalen TV-Sender "Muniga" mit Sitz in der nordmosambikanischen Stadt Nampula arbeitet, fügt hinzu: "Wir Journalisten leben in ständiger Bedrohung, vor allem wenn wir uns auf brisante Themen wie den Krieg in Cabo Delgado einlassen."

Die Verhaftung von Arlindo Chissale sei bei weitem kein Einzelfall, fügt Abudo hinzu. "Erst letzte Woche wurden Journalisten unseres Senders von Sicherheitskräften an ihrer Arbeit gehindert, indem man ihnen den Zugang zu bestimmten Konfliktgebieten versperrte. Die Regierung sollte endlich einschreiten, um die von der Verfassung garantierte Pressefreiheit in unserem Land zu gewährleisten", fordert Abudo.

Mitarbeit: Delfim Anacleto (Pemba), Sitoi Lutxeque (Nampula)