Mit interreligiösem Dialog gegen Antisemitismus | Deutschland | DW | 20.03.2020
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Deutschland

Mit interreligiösem Dialog gegen Antisemitismus

Wer Vorurteile gegen Juden hat, weiß vielleicht manchmal zu wenig über sie. Gespräche zwischen Juden, Christen und Muslimen können weiterhelfen.

Hassbotschaften im Internet, Beleidigungen in der U-Bahn, physische Attacken auf offener Straße: Juden sind immer wieder antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 1.839 Hassdelikte gegen Juden - so viele wie nie zuvor. "Ein Großteil dieser Straftaten findet im Internet statt und ist rechtsradikal motiviert", sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Doch die Bedrohungen gegen Juden kommen auch von Links und von Muslimen. Hier stellt sich die Frage, ob der interreligiöse Dialog hilfreich sein kann, um gegenzusteuern. Im Interview äußerte sich Klein auch hierzu sowie zu jüdischem Leben heute in Deutschland:

Witte:  Herr Klein, antisemitische Taten beziehungsweise Bedrohungen kommen von Rechts, Links und von Muslimen. Welche Rolle spielt in letzterem Fall der interreligiöse Dialog?

Klein: Er ist in jedem Fall wichtig, weil er dazu beiträgt, Vorurteile abzubauen. Und er richtet sich ja auch an Multiplikatoren wie Imame, Rabbiner, Priester und Pfarrer, die in ihre Gemeinden wirken. Wir brauchen darüber hinaus Gesprächsformate außerhalb des theologischen Feldes. Da gibt es sehr gute Ansätze. Zum Beispiel das von der Integrationsbeauftragten geförderte Projekt "Schalom Aleikum" des Zentralrats der Juden, in dem sich Juden und Muslime mit gleichen Erfahrungen austauschen können, zum Beispiel Existenzgründer. Neulich gab es ein sehr interessantes Forum, in dem sich in Deutschland lebende Juden und Muslime austauschten, die einen homo-, transsexuellen oder etwa einen queeren Hintergrund haben. Sie sprachen über ihre Erfahrungen in der jeweiligen Community: Welcher familiäre Druck da vielleicht war und wie sie voneinander lernen können. Ich finde, das ist ein ganz hervorragendes Dialogformat. Davon brauchen wir mehr - nicht nur zwischen Muslimen und Juden. Auch den christlich-jüdischen, den trilateralen Dialog oder Organisationen wie das Abrahamische Forum halte ich für ganz wichtig.

Witte: Sie sind auch der Bundesbeauftragte für jüdisches Leben.

Klein: Es gibt in Deutschland noch immer ein blühendes, im Aufschwung befindliches jüdisches Leben. Ich finde, dass die Gesellschaft das heutige jüdische Leben noch viel stärker in den Blick nehmen sollte. Wir haben vor kurzem eine neue Synagoge in Konstanz eröffnet; die Wiedereröffnung der Synagoge in Lübeck steht kurz bevor. Juden kommen gerne, um in Deutschland zu leben, vor allem aus Israel.

Witte: Wie bewerten Sie das?

Klein: Das ist eine großartige Entwicklung. Dass Juden Vertrauen in unser Land haben, ist nach dem Horror der Schoah etwas ganz Besonderes. Wir sollten diese Vielfalt noch erfahrbarer machen durch jüdische Kulturtage, Ausstellungen und gemeinsame Feste. Im kommenden Jahr haben wir Gelegenheit dazu: Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Dazu wird es auch eine Sonderbriefmarke geben; wir planen das weltgrößte Laubhüttenfest und zum Beispiel einen Gastronomieführer.

Witte: Jüdische Gemeinden sind natürlich auf Nachwuchs angewiesen.

Klein: Sie bemühen sich mit attraktiven Angeboten auch um die Jüngeren. Die demografische Entwicklung wirkt sich hier genauso aus wie in den Kirchen. Es gibt in Deutschland etwa 100.000 Juden, die in Gemeinden aktiv sind. Es gibt aber sicher noch einmal genauso viele Juden, die dort nicht registriert sind. Und um die bemühen sich die Gemeinden. Oftmals kommen solche Menschen wie bei den Christen auch nur an hohen Feiertagen ins Gotteshaus.

Zur Bedeutung des interreligiösen Dialogs hatten Ende Januar auch zwei hochrangige Vertreter von Judentum und Islam Stellung bezogen. Der Generalsekretär der Islamischen Weltliga, Scheich Mohammed Bin Abdul Karim Al-Issa, sagte, Antisemitismus sei nicht mit dem Islam vereinbar. Dieser gebe niemandem das Recht, gegen Juden vorzugehen.

Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, bewertete es als "äußerst wichtig", dass diese Worte vom religiösen "Establishment" aus Saudi-Arabien kämen. "Ja, wir sind gegen diesen Extremismus, wir sind gegen diesen Hass."


Angaben zur Autorin: Leticia Witte ist seit 2015 Redakteurin am Inlandsdesk der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn. Einer ihrer Schwerpunkte ist das Judentum.

Kirchliche Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Senderbeauftragter