Mit ″Flugscham″ für die Umwelt | Wirtschaft | DW | 12.04.2019
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Flugverkehr

Mit "Flugscham" für die Umwelt

Nicht so ganz neue Probleme, aber ein neues Bewusstsein - das macht neue Wörter: Das Wort "Flugscham" ist so eins. Dahinter steckt eine Menge CO2 und das Bewusstsein, dass Fliegen für die Umwelt Gift sein kann.

Fliegen, das hat die Europäischen Umweltagentur vorgerechnet, ist die für die Umwelt schädlichste Art zu reisen, jedenfalls bezogen auf den CO2-Ausstoß pro zurückgelegtem Kilometer je Passagier:  Dabei werden nach Berechnungen der Agentur 285 Gramm Kohlendioxid freigesetzt, beim Autofahren sind es 158 Gramm und beim Zug fahren 14 Gramm.

Zwar ist der Flugverkehr nach US-Angaben nur für etwa zwei Prozent des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich - jenes Gases, das hauptsächlich zur Erderwärmung beiträgt.  Aber das entspricht immerhin den CO2-Emissionen Deutschlands, wie die Beratungsfirma Sia Partners berechnet hat. Und die Zahl der Flugpassagiere steigt und steigt. Der Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr lag 2018 bei gut sechs Prozent auf 4,3 Milliarden. Weltweit wurden 2018 mehr als 1,4 Milliarden internationale Touristen gezählt. In den kommenden 15 bis 20 Jahren wird sich der Flugverkehr voraussichtlich verdoppeln.

Möglicherweise wird der Anstieg aber langsamer ausfallen, wenn etwas um sich greift, für das die Schweden ein neues Wort geprägt haben: Flygskam - Flugscham auf Deutsch. Gemeint ist der Verzicht aufs Fliegen der Umwelt zuliebe.

Deutschland Flughafen Frankfurt am Main (picture-alliance/dpa/B. Roessler)

Fast eineinhalb Milliarden internationale Touristen - Flughafen Frankfurt/Main

4000 Kilometer bis zur Côte d'Azur

Das kann in Schweden einige Probleme bereiten, allein schon wegen der Lage des Landes im hohen Nordens Europas: Vom nordschwedischen Kiruna bis zur südfranzösischen Côte d'Azur sind es 4000 Kilometer. Kaum verwunderlich, dass die Schweden bislang zu den Vielfliegern gehörten. Auch der Wohlstand des Landes mag eine Rolle spielen und das breite Angebot an Billigflügen. Man kann ja für ein Taschengeld quer durch Europa etwa nach Mallorca fliegen kann.

Jedenfalls waren Emissionen durch Flüge pro Kopf durch die Schweden zwischen 1990 und 2017 fünfmal so hoch wie im weltweiten Durchschnitt, so Berechnungen der Technischen Hochschule Chalmers. Der Ausstoß klimaschädlicher Abgase durch Auslandsflüge ab Schweden stieg seither um 61 Prozent. Die andere Seite der Medaille: Schweden bekommt die Folgen des Klimawandels offenbar besonders deutlich zu spüren. Das Meteorologische Institut des Landes erklärte vergangene Woche, dass die Temperatur in Schweden doppelt so schnell ansteige wie im globalen Schnitt.

Wie es anders gehen soll, hat die Erfinderin der Schulstreiks fürs Klima vorgemacht: Greta Thunberg fuhr mit dem Zug von Stockholm zum Weltwirtschaftsforum nach Davos und zum Klimagipfel nach Kattowitz.  Ein anderer prominenter Vertreter der Bewegung ist der ehemalige Biathlet und Olympiasieger Björn Ferry. Er kündigte im vergangenen Jahr an, nur noch im Zug als Kommentator zu Sportveranstaltungen zu fahren.

Einmal um die Welt

Das hält ein anderer Star der Sportwelt anders. Der Fußballer Neymar, brasilianischer Superstar von Paris St. Germain, hat mit 14 Flügen in nicht mal zwei Monaten exakt 39.498 Flugkilometer zurückgelegt, also sozusagen einmal um die Welt. Mitgezählt hat die Sport-Tageszeitung "L'Equipe".

In Schweden gibt es unterdessen einen Instagram-Account, der seit Dezember Prominente an den Online-Pranger stellt, die für Fernreisen werben. Der Account hat inzwischen mehr als 60.000 Follower. Im März veröffentlichte die World Wildlife Foundation eine Umfrage, in der fast 20 Prozent der befragten Schweden angaben, der Umwelt zuliebe schon einmal den Zug statt das Flugzeug genommen zu haben. Vor allem Frauen und junge Menschen reisen demnach umweltbewusst.

Russland WM 2018 Nachtzug Reportage (DW/P. Jochem)

Umweltbewusst reisen - mit dem Nachtzug

Nachtzüge gegen Umweltgase

Um den Trend zu unterstützen, will die Regierung bis Ende 2022 wieder Nachtzüge in die wichtigsten europäischen Städte einsetzen. Im Winter verzeichnete die Schwedische Bahn SJ einen Anstieg der Geschäftsreisen um 21 Prozent. Die Zahl der Inlandsflüge ging im vergangenen Jahr laut Daten der Verkehrsbehörde vom September um 3,2 Prozent zurück. Das ist also offenbar noch Luft nach oben.

Zumal - etwa in der Schweiz - 90 Prozent aller Flüge private Gründe haben. Übrigens hat das Schweizer Bundesamt für Statistik herausgefunden, dass jede Schweizerin und jeder Schweizer derzeit 9.000 Kilometer im Jahr mit dem Flugzeug unterwegs sind. Vor zehn Jahren war es nicht mal halb so viel.  

Auch die Flugbranche hat das Problem erkannt. Sie will durch Emissionshandel dafür sorgen, dass die Kohlendioxidbelastung nicht über das Niveau der Jahre 2019/2020 steigt. Unter dem Dach der UN-Luftfahrtorganisation wurde ein CO2-Kompensations-System (CORSIA) beschlossen. Das ist aber zunächst freiwillig.

Um den Flugverkehr umweltfreundlicher zu machen, setzt die Branche vor allem auf bessere Flugzeuge. Die Hersteller Airbus und Boeing haben spritsparendere Flugzeuge entwickelt. Modernere Motoren, leichtere Materialien und geringerer Luftwiderstand verringern den Verbrauch. Auch Flugzeuge mit Elektroantrieb sind in der Entwicklung. 

"Auch wirtschaftlich richtig"

In Schweden mag in Sachen "Flugscham" aber auch noch anderes mitspielen: Die neue Flugsteuer, die vor einem Jahr eingeführt wurde, könnte ein Grund sein. Oder die Pleite der regionalen Fluggesellschaft Nextjet - deswegen viele Routen im Land monatelang nicht mehr angeboten.

Deutschland Friday for Future Demo Berlin (Reuters/F. Bensch)

Fridays for Future - Schülerdemo für die Umwelt in Berlin

In Berlin präsentierten unlängst Schüler der "Fridays for Future"-Bewegung einen Katalog konkreter Forderungen für mehr Klimaschutz an die Politik. Bis 2035 soll beim Ausstoß von Treibhausgasen die "Nettonull" erreicht sein - Deutschland dürfe also nicht mehr CO2 produzieren, als etwa durch die Natur oder Speichersysteme kompensiert werden kann.

Ein Weg dahin: eine CO2-Steuer auf klimaschädliche Treibhausgase. "Der Preis für den Ausstoß muss schnell genauso hoch sein wie die Kosten, die der heutigen und zukünftigen Generationen entstehen." Die Zahlen dafür hatte das deutsche Umweltbundesamt Ende letzten Jahres geliefert. Demnach verursacht die Emission einer Tonne CO2 Schäden von rund 180 Euro. Umgerechnet auf den Ausstoß Deutschlands 2016 entspreche dies Gesamtkosten von rund 164 Milliarden Euro.

Vielleicht dachte Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven an solche Zahlen, als er Anfang des Monats das  Engagement der Klima-Aktivistin Greta Thunberg lobte: "Wir sind stolz auf die Demonstrationen, zu denen sie inspiriert hat, die mehr als eine Million junger Leute überall auf der Welt zusammengebracht haben", sagte der Sozialdemokrat. Man dürfe ja nicht vergessen: Es sei nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich richtig, den Ausstoß von klimaschädlichem CO2 zu reduzieren.

ar/hb (afp, dpa – Archiv)

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