Misstrauen zwischen Ankara und Peking | Asien | DW | 28.07.2015
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Asien

Misstrauen zwischen Ankara und Peking

Der türkische Präsident Erdogan reist nach Peking. Der Umgang Chinas mit der uigurischen Minderheit belastet die Beziehungen zwischen beiden Ländern. Doch wirtschaftlich ist die Türkei auf China angewiesen.

Für zwei Tage (bis 30.07.2015) reist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Peking. Und es gibt einiges zu besprechen mit seinen chinesischen Gastgebern. Zuletzt trübten Spannungen das türkisch-chinesische Verhältnis. Vor kurzem demonstrierten mehrere tausend türkische Nationalisten gegen die Behandlung der Uiguren, einer muslimischen Minderheit in China. Grund waren Berichte in türkischen Medien, wonach die Uiguren in China den Fastenmonat Ramadan vermeintlich nur beschränkt begehen durften und sogar zum Alkoholkonsum gezwungen worden sein sollen. Die Proteste eskalierten. Die Polizei setzte Tränengas ein. Demonstranten griffen eine Gruppe koreanische Touristen an, die sie für Chinesen hielten. Die chinesische Botschaft in Ankara gab schließlich eine Reisewarnung für die Türkei heraus.

Solidarität mit den uigurischen "Brüdern"

Die turksprachige Volksgruppe der Uiguren lebt in der Region Xinjiang im Nordwesten Chinas. Dort kommt es immer wieder zu Unruhen. Die Uiguren sehen sich kulturell, sozial und wirtschaftlich benachteiligt und durch die systematische Ansiedlung von ethnischen Han-Chinesen zunehmend an den Rand gedrängt. Die Regierung in Peking dagegen nimmt für sich in Anspruch, den Uiguren viele Freiheiten einzuräumen und den Lebensstandard in Xinjiang zu heben. Gleichzeitig wirft die Führung uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor.

Türkei Demonstranten stürmen Konsulat von Thailand

Ein türkischer Demonstrant attackiert die chinesische Botschaft in Ankara

Die Türkei fühlt sich mit den Uiguren kulturell und religiös eng verbunden. Spitzenpolitiker in Ankara kritisieren immer wieder Pekings Umgang mit der muslimischen Minderheit. Im Jahr 2009 sorgte Erdogan, damals Ministerpräsident, für einen Affront. Die blutigen Unruhen in Xinjiang mit über 180 Toten bezeichnete er als "eine Art Völkermord". Nach einer kurzen Eiszeit normalisierten sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern zwar wieder, doch die Uigurenfrage sorgt weiter für Spannungen in den Beziehungen. Seit letztem Jahr sind tausende Uiguren in die Türkei geflohen. Als Ankara im März einer Gruppe von 17 Uiguren, die in Thailand in Haft saßen und nach China ausgeliefert werden sollten, türkische Pässe ausstellte, reagierte die chinesische Führung verärgert. Die Regierung in Peking kritisiert zudem den Umgang der türkischen Regierung mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Mehrere hundert chinesische Staatsbürger, vorwiegend Uiguren, sollen über die Türkei nach Syrien und in den Irak gereist sein, um sich dem IS anzuschließen. Peking befürchtet, dass der Vormarsch der Dschihadisten letztendlich Auswirkungen auf die Region Xinjiang haben könnte.

Nach den anti-chinesischen Protesten versuchte der türkische Präsident die Wogen zumindest etwas zu glätten: "Wir sprechen das Leid unserer Brüder in der Uigurischen Autonomen Region an, und wir werden das auch in Zukunft tun", sagte er. "Aber die Provokationen in Istanbul passen weder zu uns, noch helfen sie unseren uigurischen Brüdern."

Höhen und Tiefen

"Die Beziehungen zwischen beiden Ländern haben Höhen und Tiefen", sagt Umut Ergunsü, Poltikwissenschaftler an der Peking Universität, gegenüber der DW. Besonders bei national gesinnten Türken ist die Solidarität mit den Uiguren groß - die Debatte beruhe allerdings stärker auf Emotionen als auf Kenntnissen über die Region Xinjiang, sagt Ergunsü.

Symbolbild China Handel Containerschiff

Die Türkei ist auf Importe aus China angewiesen

Auf der anderen Seite braucht die Türkei China als Wirtschaftspartner. China ist nach Russland der zweitgrößte Importeur. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern lag im vergangenen Jahr bei rund 28 Milliarden US-Dollar. Allerdings ist der Handel sehr unausgeglichen: Die Importe aus China in die Türkei übersteigen die Exporte nach China etwa um das achtfache. Gut ein Viertel des gesamten türkischen Handelsdefizits geht auf den Handel mit China zurück. "Die Importe aus China sind für die türkische Industrie nicht zu ersetzen", sagt Ergunsü. Auf der anderen Seite könne China Produkte, die es aus der Türkei bekommt, auch woanders kaufen. "Auch wenn immer wieder aggressive Rhetorik auf der türkischen Seite aufflammt. Die Realität ist: Die Türkei muss mit China kooperieren."

Türkei als Teil der neuen Seidenstraße

Ein wichtiger Bereich für die zukünftige Zusammenarbeit, so Ergunsü, seien Chinas Pläne für eine neue Seidenstraße. Die chinesische Regierung will in den Ländern entlang der alten Handelsrouten in großem Stil Häfen, Flughäfen und Eisenbahnlinien bauen. Wegen der geopolitischen Lage komme der Türkei eine besondere Rolle in Chinas Seidenstraßenplänen zu, sagt Umut Ergunsü. "Die Türkei wird mit Sicherheit ein Verteilzentrum werden. Es werden nicht nur Produkte, die aus China kommen, über die Türkei in ganz Europa verteilt, auch die Handelsbeziehungen der Türkei zu den zentralasiatischen Staaten werden gestärkt. Und die chinesischen Investitionen in der Türkei werden steigen." So könnte auch das Handelsdefizit verringert werden.

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