Rassismus-Debatte in den USA: Neue Flagge für Mississippi | Kultur | DW | 30.06.2020
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Interview

Rassismus-Debatte in den USA: Neue Flagge für Mississippi

Inmitten der Rassismus-Debatte beschließt der amerikanische Bundesstaat Mississippi, sich eine neue Flagge zu geben. Ein ungewöhnlicher Schritt für die USA, sagt die Deutsche Gesellschaft für Flaggenkunde.

Fahnenschwenkende Menschen am US-amerikanischen Confederate Flag Day in Beauvoir (DW/R. Walker)

Mississippis bisherige Flagge (unser Artikelbild) soll geändert werden

Deutsche Welle: Herr Majewski, Sie sind Vorstandsmitglied des Vereins "Deutsche Gesellschaft für Flaggenkunde". Der US-Bundesstaat Mississippi hat beschlossen, seine Flagge zu ändern und die darin enthaltene Konföderierten-Flagge, die an die einstigen Sklavenhalter in den Südstaaten der USA erinnert, zu entfernen. Ist das ein normaler Vorgang?

Jörg Majewski: Das hängt stark vom Ort ab. Manche Länder haben seit Jahrhunderten die gleiche Flagge, unabhängig von der jeweiligen politischen Ausrichtung. Die erste Abbildung der dänischen Flagge ist über 800 Jahre alt. In anderen Ländern ändert sich die Flagge häufig mit einem neuen Regierungschef, zum Beispiel in Afghanistan.

Die Maßnahme in Mississippi ist also für westliche Gesellschaften ungewöhnlich?

Ja, diese Änderung ist besonders in den US-Staaten sehr ungewöhnlich. Texas hatte nach der Unabhängigkeit von Mexiko unterschiedliche Flaggen. Und die Flagge von Mississippi hat 120 Jahre existiert. Ungewöhnlich ist besonders das Verfahren für die Änderung: Normalerweise gibt es Ausschreibungen, Entwürfe für die neue Flagge und dann die Beschlüsse des Senats. Hier ist das umgekehrt worden. Hoffen wir, dass etwas Vernünftiges dabei herumkommt.

Welche Kriterien sollte die neue Flagge erfüllen?

Sie sollte so gestaltet sein, dass sich möglichst alle Bürger dieses Staates damit identifizieren können. Sie sollte einfach gehalten sein und klare Farben haben. Ich nehme an, dass die Farben Blau, Weiß und Rot bleiben werden. Und es gibt die Vorgabe, dass "In God We Trust" aufgenommen wird.

Konföderierten-Flagge (picture-alliance/dpa/J. Taggart)

Die Konföderierten-Flagge: Für viele ein Symbol des Rassismus und der Sklaverei

Die Konföderierten-Flagge stammt aus dem US-amerikanischen Bürgerkrieg und war bislang oben links in der Flagge Mississippis präsent. Wie konnte die sich überhaupt so lange halten?

Mississippi ist der klassische Südstaat. Die Konföderierten-Flagge gilt vielen dort als reine Südstaatenflagge und ist sehr populär, nicht nur im Privaten. Der Staat Georgia hatte sie sogar auf dem Kapitol gehisst, bis das vor ein paar Jahren verboten wurde. Da trauern sicher noch viele Leute den alten Zeiten hinterher.

Nicht nur bei Flaggen gibt es die Diskussion, wie man mit historisch belasteten Symbolen umgeht: Tilgen oder beibehalten als Mahnung?

Es gibt noch viele Skulpturen aus der NS-Zeit, und wie stehen wir zu Bismarck oder zum Kaiser? Deren Denkmäler bleiben stehen, obwohl sie sicher nicht zum Wohl aller gehandelt haben. In Ostdeutschland wurden viele Denkmäler von Lenin und Marx beseitigt. Das Problem ist, dass der Umgang nicht einheitlich gehandhabt wird.

Welche Rollen spielen Flaggen bei der Identifikation einer Gruppe?

Eine sehr große. Jeder Staat, und sei er noch so klein, will sich repräsentieren und zeigen, dass er da ist - und das macht er am besten mit der Flagge. Jeder Sportler, der für sein Land auf einer internationalen Veranstaltung antritt und erfolgreich ist, zeigt seine Flagge und dreht damit eine Ehrenrunde. Jeder Bergsteiger, der den Mount Everest besteigt, hat seine Flagge dabei. Egal, wie klein ein Staat ist, die Flagge ist Ausdruck seiner Souveränität und seiner Bevölkerung und ein Symbol des Stolzes.

Flaggen oder auch das Fahnenschwenken werden häufig als nationalistisch kritisiert. Wie sehen Sie das?

In Deutschland ist das Thema negativ aufgeladen, weil Flaggen in der Nazizeit sehr im Vordergrund standen. Das hat sich etwas gegeben, wenn man sieht, was bei einer Fußball-WM los ist. Problematisch wird es, wenn Flaggen von Ländern geschwenkt werden, die es nicht mehr gibt - oder die des Dritten Reichs oder die Wirmer-Flagge, die im Juli-Aufstand entworfen (Anm. d. Red.: von den Widerstandskämpfern des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944), aber später vom rechten Lager vereinnahmt wurde.

Was macht für Sie die Faszination von Flaggen aus?

Die Faszination geht von der Farbe und Symbolkraft aus und ihrer Exklusivität.

Jörg Majewski ist Vorstandsmitglied des Vereins "Deutsche Gesellschaft für Flaggenkunde" .

Das Gespräch führte Torsten Landsberg.

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