Missbrauchskandal: Nichts ist wichtiger als die ″Makellosigkeit der Kirche″ | Welt | DW | 17.08.2018
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Missbrauchskandal: Nichts ist wichtiger als die "Makellosigkeit der Kirche"

Die Fälle von sexuellem Missbrauch in sechs Diözesen in Pennsylvania zeigen: Noch immer übt sich die katholische Kirche viel zu wenig in Systemkritik. Um Kinder in Zukunft zu schützen, muss sich Grundsätzliches ändern.

Der Bericht einer Grand Jury in Pennsylvania gibt einen Einblick in das Grauen, das sich jahrzehntelang in der katholischen Kirche des US-Bundesstaates abgespielt hat. Mehr als 300 Priester sollen mindestens 1000 Kinder und Jugendliche in ihrer Obhut sexuell missbraucht haben. Die Jury-Mitglieder hatten eine halbe Million Seiten interner Kirchendokumente durchgearbeitet und Einblick in vormals geheime Kirchenarchive erhalten. Sie gehen davon aus, dass die Dunkelziffer der Missbrauchsopfer wesentlich höher ist als die Anzahl der aktuell bekannten Fälle und "in die Tausende" geht.

Wie in zuvor bekannt gewordenen Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche sind es nicht allein die Vorgänge selbst, die erschreckend sind - auch die anscheinend weit verbreitete Vertuschung und das Wegsehen von Kirchenoberen hinterlassen Fassungslosigkeit.

USA Pennsylvania Missbrauchsskandal (picture-alliance/AP Photo/M. Rourke)

Shapiro präsentierte den Jury-Bericht am 14. August

Mehr als 80 Jahre lang vergingen sich laut dem Bericht Priester in den Diözesen Scranton, Allentown, Harrisburg, Greensburg, Erie und Pittsburgh an Mädchen und Jungen. In hunderten Gemeinden wurden Beschwerden unter den Teppich gekehrt und Priester einfach an andere Standorte versetzt.

"Es lief nach dem Muster Missbrauch, Leugnung, Vertuschung", sagte Pennsylvanias Generalstaatsanwalt Josh Shapiro bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Harrisburg. Im Bericht heißt es: "Priester haben kleine Jungen und Mädchen vergewaltigt und die Männer Gottes, die für sie verantwortlich gewesen wären, haben nicht nur nichts getan - sie haben alles versteckt."

Das Problem: "Makellosigkeit der Kirche" als höchstes Gut

Der Umgang mit diesen Verbrechen zeugt bei vielen Geistlichen von der Überzeugung, dass die Institution der katholischen Kirche über allem stehe und letztlich unfehlbar sei, egal, wie die Anschuldigungen lauten. Diese Einstellung kritisierte Stephan Ackermann, Bischof von Trier und Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, schon kurz nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals bei deutschen Katholiken 2010.

"Ist es nicht tatsächlich so, dass die Vorstellung von einer unantastbaren Heiligkeit und Makellosigkeit der Kirche mit dazu beiträgt, die Verfehlungen einzelner zu vertuschen, wenn durch sie die Gefahr besteht, die Kirche als ganze könne in Mitleidenschaft gezogen werden?" fragte der Bischof 2010 in einem Vortrag.

Das ist acht Jahre her. Im Januar 2010 machte Pater Klaus Mertes, der Rektor des jesuitischen Canisius-Kollegs, publik, dass an seiner Schule in den 70er und 80er Jahren möglicherweise Schüler missbraucht wurden. Die Nachricht war ein Paukenschlag. Innerhalb weniger Wochen wurden Dutzende weiterer Verdachtsfälle bekannt.

Im Februar 2010 erklärte die Missbrauchsbeauftragte der Jesuiten, dass es mindestens 115 Missbrauchsopfer an Schulen des Ordens und der katholischen Kirche gebe. Später kamen Aussagen hunderter weiterer Opfer hinzu, unter anderem aus dem Knabenchor Regensburger Domspatzen und aus katholischen Kinderferienheimen.

Canisiuskolleg Berlin (picture alliance/AP)

2010 erfuhr die Öffentlichkeit von Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg

Nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle brach das Vertrauen in die Kirche unter Katholiken in ganz Deutschland ein. "Die Kirchenaustrittszahlen haben im Jahr 2010 einen Höhepunkt erreicht", sagt Joachim Frank, Mitglied der Chefredaktion des "Kölner Stadt-Anzeiger". "Das war ein Punkt, an dem viele Leute der Kirche den Rücken gekehrt haben, weil sie gesagt haben, 'mit einer moralisch so verkommenen Institution wollen wir nichts mehr zu tun haben.'"

Ackermann betont, dass absolute Offenheit notwendig sei, um die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherzustellen. "Es gibt keine Alternative zu Transparenz", sagte er der DW in einem Interview im Januar 2018. "Wir sind als Kirche der Wahrheit verpflichtet, und insofern müssen wir der Wahrheit ins Gesicht schauen - auch der Wahrheit, die dunkel und schmerzlich und schuldhaft ist."

Ältere Fälle schon verjährt

Als Konsequenz aus den Ereignissen wurde in Deutschland seit 2010 die Verjährungsfrist für Fälle von sexuellem Missbrauch immer weiter nach oben verschoben. Seit Januar 2015 gilt bei Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch: Die strafrechtliche Verjährung ruht bis zum 31. Geburtstag des Opfers. Danach liegt sie zwischen fünf und 30 Jahren, je nach Schwere der Tat. Das Ruhen der Verjährungsfrist bis zum 31. Geburtstag gilt auch für Fälle, die vor Januar 2015 geschahen - allerdings nur, wenn diese noch nicht nach den damalig gültigen Regeln verjährt sind.

Mit einer ähnlichen Regelung haben jetzt auch die Betroffenen in Pennsylvania zu kämpfen. Missbrauchsopfer, die nach dem 27. August 2002 18 Jahre alt wurden, können strafrechtlich Anzeige erstatten, bis sie 50 Jahre alt sind. Aber die Fälle derjenigen, die vor diesem Datum 18 Jahre alt wurden, sind bereits verjährt. Eine Strafanzeige ist nicht mehr möglich. Zivilklagen sind bis zum 30. Geburtstag der Opfer möglich, egal, wann sie geboren wurden. Aktivisten fordern seit langem eine Änderung dieser Regeln. Sie wollen die Verjährung von sexuellem Missbrauch ganz abschaffen.

"Wir fordern, dass Abgeordnete in Pennsylvania und im ganzen Land sicherstellen, dass die Türen des Gerichts allen Überlebenden dieser schrecklichen Verbrechen und Vertuschungen offenstehen, egal, wie lange der Missbrauch her ist", so heißt es in einer Mitteilung von SNAP zu den Fällen von Pennsylvania. SNAP ist das "Survivors Network of those Abused by Priests", eine 1988 gegründete Gruppe von und für Menschen, die von Priestern missbraucht wurden.

Video ansehen 01:35

Erzbischof von Adelaide wegen Vertuschung verurteilt

Eine "moralische Katastrophe"

Aus dem Vatikan hieß es zu den Fällen in Pennsylvania, der Papst stehe an der Seite der Opfer. Vatikan-Sprecher Greg Burke sagte, die Missbrauchsfälle seien "kriminell und moralisch verwerflich", die Verantwortlichen sollten zur Rechenschaft gezogen werden.

Schon die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hatten eine klare Null-Toleranz-Politik gegen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ausgegeben. Aber der Journalist Joachim Frank sagt, ob man in Rom bereit sei, diese strengen Regeln tatsächlich umzusetzen, sei unklar. "Der Vatikan ist verbal strikt", so Frank, aber im Agieren sei eindeutig Luft nach oben.

Auch die US-Bischofskonferenz zeigt sich entsetzt über die Fälle in Pennsylvania. Die katholische Kirche in den USA stehe vor einer "moralischen Katastrophe", sagte der Konferenzvorsitzende, Kardinal Daniel DiNardo. Er kündigte außerdem eine Reihe von Reformen an: Betroffenen solle es mit neuen Kommunikationskanälen leichter gemacht werden, sich über Geistliche zu beschweren, und Vorwürfe werde in Zukunft schneller, effizienter und transparenter nachgegangen.

Systemkritik ist entscheidend

Neben Reformen wie die, die jetzt in den USA geplant sind, ist vor allem wichtig, dass sich am grundsätzlichen Denken in der Kirche etwas ändert, sagt Frank, der sich seit 2010 immer wieder mit Missbrauch in der katholischen Kirche auseinandersetzt.

"Ganz lange, gerade in den USA, wurde alles getan, um die Täter zu schützen, nicht die Opfer", sagt Frank. "Das hat sich mittlerweile schon ziemlich gedreht, glaube ich. Aber bei den Äußerungen mancher Bischöfe hat man immer noch das Gefühl, dass es eine Struktur von Institutionensschutz gibt und dass die Kirchenhierarchie an die systemischen Ursachen des Missbrauchs nur sehr zögerlich herangehen will."

Frank glaubt, dass interdisziplinäre Studien, an denen auch die Kirche beteiligt ist, zeigen werden, "dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem System katholische Kirche und Missbrauch. Dieses System aus Zölibat, reiner Männergesellschaft, Homophobie und der geistlichen Autorität, die mit dem Priesteramt verbunden ist, übt möglicherweise eine Anziehungskraft auf Leute aus, die für Missbrauch anfällig sind. Darauf ist die Kirche immer noch nicht genügend eingegangen, denn da geht's ans Eingemachte."

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