Milliardärstraum: Reich sein und ewig leben | Wirtschaft | DW | 09.03.2018
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Zukunftstechnologie

Milliardärstraum: Reich sein und ewig leben

Einige amerikanische Milliardäre finanzieren Firmen, die auf Entwicklung von Technologien zur Lebensverlängerung abzielen. Was ist, wenn sie Erfolg haben, auf unbestimmte Zeit weiter leben und dabei immer reicher werden?

Im Februar verkündete Peter Diamandis, der X-Prize-Gründer, Serienunternehmer und chronisch optimistische Promoter von Zukunftstechnologien, dass er gemeinsam mit Dr. Bob Hariri, einem renommierten biomedizinischen Unternehmer, eine neue Firma namens Celularity gegründet hat. Hariri ist bekannt für Innovationen bei der Gewinnung von Stammzellen aus Plazenta.

Ziel des neuen Unternehmens ist eine erhebliche Verlängerung der menschlichen Lebenserwartung: "Celularity möchte Menschen im Alter mit maximaler Ästhetik, Mobilität und Kognition ausstatten", heißt es auf der Website. Laut Diamandis wurde Celularity "mit 250 Millionen Dollar an Investitionsgeldern von Celgene, United Therapeutics Corporation, Sorrento Therapeutics, Human Longevity, Inc. und einer Gruppe von Risikokapitalgebern" ausgestattet.

Frische Zellen und Gewebe für alternde Körper

Das Unternehmen hat damit eine wuchtige Finanzierung, aber hat es auch eine ernst zunehmende wissenschaftliche Grundlage? Vermutlich ja. Stammzellen sind für die regenerative Medizin vielversprechend - und Cellularity setzt auf die Weiterentwicklung von Technologien zum therapeutischen Einsatz von Stammzellen, um künftig Gewebe und Organe für alternde Körper zu regenerieren.

Symbolbild: Laborszene mit Reagenzgläsern (picture-alliance/dpa/K. Ohlenschläger)

Kalt, steril und sehr abstrakt: So sieht es aus, wenn an der praktischen Unsterblichkeit gearbeitet wird.

Auf der Celularity Website liest sich das so: "Studien haben gezeigt, wie die Anzahl von Stammzellen in unseren Organen und Geweben mit dem Alter exponentiell abnimmt, und daher die Fähigkeit unseres Körpers zur Heilung und Reparatur ebenso. Durch die kontinuierliche Auffüllung unseres Reservoirs an Stammzellen - die Reparatureinheiten der Natur - werden wir unsere Langlebigkeit steigern können."

Investoren in die regenerative Biomedizin

Das neue Unternehmen von Diamandis und Hariri ist das jüngste Beispiel für ein etabliertes Phänomen im Silicon Valley: Extrem reiche Techno-Optimisten finanzieren seit Jahren biomedizinische Forschungs- und Entwicklungsunternehmen, die im Kern das Ziel haben, ihren Geldgebern eine Hoffnung auf Unsterblichkeit zu gewähren.

Zu den bekannteren Namen, die Geld in solche Bemühungen investiert haben, gehören Larry Ellison (Gründer von Oracle), Larry Page und Sergey Brin (die Gründer von Google), Jeff Bezos (Gründer von Amazon), und Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal sowie von Palantir Technologies. Palantir ist eine Big-Data-Firma, die mit Hilfe von Algorithmen riesige Datensätze scannt, um Schlüsseldaten oder Muster zu erkennen. Der deutschstämmige Thiel ist überzeugter Anhänger libertärer, radikalkapitalistischer Ideologien und ist einer der wenigen offenen Unterstützern von Donald Trump im Silicon Valley.

Larry Ellison hat über seine Medical Foundation und andere Initiativen mehr als eine halbe Milliarde Dollar in biomedizinische Forschung investiert. Larry Page und Sergey Brin haben eine Firma namens Calico Labs (California Life Company) finanziert, deren biomedizinische Ziele sehr hoch gesteckt sind. Jeff  Bezos hat in Krebsforschungsunternehmen wie GRAIL und Juno Therapeutics investiert, sowie in Denali Therapeutics, eine Firma, die auf Vorbeugung oder Heilung von neurodegenerativen Erkrankungen abzielt. Krebs und neurodegenerative Erkrankungen korrelieren stark mit fortgeschrittenem Alter korrelieren. Wer auf unbestimmte Zeit weiter leben will, muss dafür sorgen, dass diese Probleme gelöst werden.

Künstliches Knochenmark, REM-Aufnahme (C. Lee-Thedieck/KIT)

Drei Stammzellen: So sehen sie aus, die kleinen Dinger die uns sterben lassen - oder auch nicht.

Unsterblichkeit bis 2030?

Ende Februar schrieb Diamandis an Abonnenten seines E-Mail-Bulletins: "Ich habe die klügsten Leute, die ich kenne, nach ihren technischen Vorhersagen für die nächsten 20 Jahre gefragt. Was sind die Durchbrüche, die wir erwarten können? " Eine der Vorhersagen, die er auflistete, war, dass die Menschheit bis 2030 eine "Longevity Escape Velocity" für die Reichsten erreichen wird.

Longevity Escape Velocity (LEV) ist im Sprachgebrauch von Diamandis der Zeitpunkt, nach dem mit jedem Jahr die zu erwartende weitere Lebensdauer derjenigen, die Zugang zu den besten regenerativen biomedizinischen Therapien haben, um mehr als ein Jahr steigt. Das heißt, mit Erreichen des LEV wird es eine Welt geben, in der zumindest einige Menschen hoffen können, dass sie mit einigem Glück auf unbestimmte Zeit weiter leben könnten. Vielleicht für viele Jahrhunderte.

Ein wichtiger Punkt hier ist, dass Diamandis und seine Freunde denken, dass LEV in etwas mehr als einem Jahrzehnt erreicht worden sein wird. Wenigstens für jene, die dich das leisten können, denn zunächst werden die besten Therapien der regenerativen Medizin teuer sein.

Vielleicht wird es aber nach 2030 nur noch ein Jahrzehnt oder höchstens zwei dauern, bis wirksame Technologien zur Lebenserweiterung für jedermann in einem Industrieland verfügbar sind, der eine gute Krankenversicherung hat - vielleicht. Eines scheint klar: Wenn LEV technologisch machbar ist, wird es auch umgesetzt, und seine ersten Begünstigten werden die Milliardäre sein, die diese biomedizinische Wundertechnologien und Therapien finanziert haben.

Auswirkungen der Longevity Escape Velocity

In fast allen westlichen Industrieländern ist zu beobachten, dass die Reichen reicher werden, während die mittleren und unteren Einkommen stagnieren. Ein ständig steigender Anteil von Wohlstand und Einkommen geht an diejenigen, die bereits wohlhabend sind - an das sprichwörtliche eine Prozent, und besonders an die oberen 0,1 Prozent einer Gesellschaft.

USA Hamptons Society (Getty Images/N. Hunt)

Auch kalt und irgendwie steril: So könnte eine Gesellschaft aussehen, die von der Unsterblichkeitsmedizin profitiert.

Dafür gibt es strukturelle Gründe: Finanzielle Vermögen tendieren dazu, sich zu konzentrieren. Denn je mehr Geld jemand hat, desto mehr kann er sparen und investieren und umso stärker wächst sein Vermögen. Bislang werden solche Vermögen irgendwann vererbt oder in Stiftungen eingebracht. In manchen Ländern sorgen Erbschaftssteuern dafür, dass wenigstens ein Teil solcher Vermögen auch der Allgemeinheit zugute kommt.

Aber was, wenn der Besitzer niemals stirbt? Was, wenn sich sein Reichtum nicht für zwanzig oder dreißig oder vierzig Jahre, sondern für Jahrhunderte andauernd selbstverstärkend konzentriert?

Dabei stellen sich wenigstens zwei Fragen. Eine lautet: Wenn es wirklich so kommt, dass Millionen und schließlich Milliarden Menschen eine Lebensdauer von Jahrhunderten erwarten können, wie wird dann eine Bevölkerungsexplosion verhindert? Der Anteil der Kinder einer Gesellschaft muss dann deutlich zurückgehen, um eine stabile Weltbevölkerung zu erreichen. Kinder könnten dann zur Seltenheit werden.

Die zweite Frage ist: Wird die menschliche Zivilisation die Entstehung einer Kaste unsterblicher superreicher Aristokraten akzeptieren, auf die ein ständig wachsender Anteil des globalen Reichtums und des globalen Einkommens entfällt? Oder wird die Menschheit eine harte individuelle Obergrenze für die Anhäufung von persönlichem Reichtum, von Geld und Besitztiteln, festlegen?

Wenn sich LEV als technisch machbar erweist, müssen diese grundlegenden Fragen in den nächsten Jahrzehnten angegangen werden.

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