Milliardär Richard Branson bettelt beim britischen Staat | Wirtschaft | DW | 15.04.2020
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Luftfahrt

Milliardär Richard Branson bettelt beim britischen Staat

Der britische Airline-Besitzer Richard Branson hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst: Erst bat er seine Mitarbeiter, acht Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen, nun fordert er Staatshilfen für Fluggesellschaften.

Als Virgin Records 1976 die Sex Pistols unter Vertrag nahm, soll deren geschäftstüchtiger Manager Malcolm McLaren den Eigentümer des Labels, Richard Branson, für einen "naiven Hippie" gehalten haben. Später, schreibt das Magazin "Spiked", sei er sprachlos gewesen, welch ein gewiefter und eiskalter Geschäftsmann Branson tatsächlich sei.

Nun ist das strahlende Wunderkind des britischen Business genau deshalb in die Kritik geraten. Der 70-jährige Multimilliardär hatte die Angestellten der Fluggesellschaft Virgin Atlantic, deren Mehrheitseigener Branson ist, gebeten, acht Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen. Gleichzeitig aber hat die Airline für einen staatlichen Rettungsschirm für die britische Luftfahrtbranche in Höhe von 7,5 Milliarden Pfund (umgerechnet rund 8,6 Milliarden Euro) geworben.

Die Luftfahrtbranche ist neben dem Einzelhandel sowie dem Hotel- und Gaststättengewerbe am härtesten von den Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie betroffen.

Unternehmer unterstützen Branson

Allein ist Branson mit seinem Ansinnen nicht. Auch der britische Billiganbieter Easyjet hat von seinen Mitarbeitern unbezahlten Urlaub verlangt und nach Staatshilfen gerufen, um Hunderte Entlassungen zu vermeiden. Gleichzeitig hat das Unternehmen sogar Pläne bekanntgegeben, seinen Aktionären 174 Millionen Pfund an Dividenden auszuschütten. Allein 60 Millionen davon gingen an den zypriotischen Gründer und Anteilseigner Stelios Haji-Ioannou, berichtet "The Times".

Virgin-Atlantic-Jet in London Heathrow (picture-alliance/dpa/empics/PA/S. Parsons)

Virgin-Atlantic-Jet in London Heathrow: Angestellte sollen unbezahlten Urlaub nehmen

Vereinte Labour- und Tory-Politiker

Kritiker halten Branson vor, dass er keine Einkommensteuer mehr gezahlt hat, seit er vor 14 Jahren auf die steuerbefreiten Britischen Jungferninseln gezogen ist. Dort, am Rande der Karibik, lebt er auf seiner Privatinsel Neckar Island. Auch die Dividenden, die Branson von den Unternehmen seiner Virgin Group überwiesen bekommt, muss er nicht versteuern.

Die Labour-Abgeordnete Kate Osborne, die als zweite britische Politikerin positiv auf COVID-19 getestet wurde, nannte die Entscheidung von Virgin Antlantic eine "absolute Schande". Der konservative Abgeordnete Richard Fuller rechnete dem britischen Parlament vor, wie einfach es für Branson sein müsse, seine Mitarbeiter zu bezahlen: Wenn alle 8571 Angestellten acht Wochen in Urlaub gingen, würde das 6,4 Millionen Pfund kosten. Auf sein Nettovermögen von 3,8 Milliarden Pfund würde Branson in diesen acht Wochen bei einem Zinssatz von zwei Prozent 9,9 Millionen Pfund Zinsen erhalten. "Also sage ich, Sir Richard Branson, verzichten Sie acht Wochen lang auf die Verzinsung ihres Vermögens und zahlen Sie ihren Angestellten den unbezahlten Urlaub selbst."

Rishi Sunak (Reuters/File/M. Dunham)

Britischer Finanzminister Sunak: "Keine Sonderbehandlung für Fluggesellschaften"

Trotz aller Härten erteilte der britische Finanzminister Rishi Sunak dem Ansinnen im März bereits eine klare Absage: Es werde keine Sonderbehandlung für Fluggesellschaften geben. Sie sollten Geld von ihren Aktionären einsammeln und andere Optionen ausschöpfen, bevor sie nach Staatshilfen fragten. Die nämlich seien das allerletzte Mittel.

Bransons Imperium ist angeschlagen

Tatsächlich hat Branson vorgeschlagen, 250 Millionen US-Dollar in die Virgin Group zu stecken - jene Holding, zu der unter anderem die Fluggesellschaft und das Plattenlabel gehören. Wie viel das der Airline nützt, ist allerdings fraglich, weil andere Virgin-Sparten zur Hotel- und Tourismusbranche gehören.

Am 5. März ging die britische Regionalfluggesellschaft Flybe bankrott, die Virgin als Teil eines Dreierkonsortiums erst im Januar übernommen hatte, um sie vor der Insolvenz zu retten. Am 14. März verkündete Virgin Voyages, dass man die Jungfernfahrt der "Scarlet Lady", des ersten Schiffs der neuen Kreuzfahrtlinie, auf unbestimmte Zeit verschieben werde.

Die Fluglinie Virgin Atlantic hat Branson 1984 gegründet, er hält 51 Prozent der Anteile. Über die Geschäftsjahre 2017 und 2018 hat die Airline Verluste von 75 Millionen Pfund (rund 86 Millionen Euro) eingefahren. Ende 2018 waren die Schulden etwa dreimal so hoch wie die Rücklagen. Die anderen 49 Prozent gehören der US-Airline Delta, die wegen der COVID-19-Maßnahmen zurzeit selbst pro Tag 50 Millionen US-Dollar verliert. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat Delta-Anleihen auf Ramsch-Status herabgestuft.

Unternehmertalent oder Finanzgeier?

Mit seiner Virgin Group hat Branson ein regelrechtes Marken-Imperium geschaffen - mit Flug-, Tourismus- und Plattengesellschaften, aber auch Kosmetik, Erfrischungsgetränken, Radiosendern, einer Eisenbahngesellschaft, Einzelhandels-, Mobilfunk- und Finanzangeboten. 2014 war die Virgin Group an 200 Unternehmen in 30 Ländern beteiligt. Und immer steht der schillernde Markenname "Virgin" darauf. Bransons Geschäftsmodell wird auch "branded venture capital" genannt, also etwa: Risikokapital mit Markennamen.

Doch die diversen Unternehmen sind nicht immer nur positiv in Erscheinung getreten. Dem britischen Gesundheitsservice Virgin Care etwa wird vorgeworfen, dem Nationalen Gesundheitsservice NHS und lokalen öffentlichen Anbietern Aufträge im Wert von zwei Milliarden Pfund weggeschnappt zu haben. Nun aber operiere man defizitär und zahle nicht einmal Körperschaftssteuern. Der Aktivist John Lister schreibt Virgin Care gar eine parasitäre Rolle zu, weil es ausgebildetes Personal vom NHS abwerbe und den Gesundheitsdienst im Land spalte.

Für manchen Kritiker war die rote Markenfarbe also schon vor dem Ruf der Virgin-Airline nach Staatshilfen ein rotes Tuch.

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