Migrationsrouten in die EU | Europa | DW | 11.10.2013
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Europa

Migrationsrouten in die EU

Sie kommen aus Afghanistan, Mali oder Syrien. Angetrieben von Armut und Hunger flüchten Menschen auf verschiedenen Routen nach Europa. Fast alle davon sind lebensgefährlich. Nicht nur Mittelmeerinseln sind ihr Ziel.

Knapp 300.000 Menschen suchten in der EU im Jahr 2012 Asyl. Zwischen ihnen und ihrer ursprünglichen Heimat liegen hunderte Kilometer. Flüchtlinge aus den Kriegs- und Krisenregionen der Welt kommen derzeit hauptsächlich über vier Routen an die Außengrenzen der Europäischen Union. Dabei nutzen die meisten die östliche Mittelmeerroute. Zwischen der Türkei und Griechenland greifen Beamte der europäischen Grenzschutzagentur Frontex zudem viele illegale Einwanderer auf, die auf dem Landweg versuchen, die EU zu erreichen. Weitere Routen sind von Libyen und Tunesien nach Italien oder Malta, von Algerien oder Marokko nach Spanien sowie auch über die westliche Balkanroute.

"Im Moment ist die Route über das Mittelmeer wieder stärker frequentiert, also nach Lampedusa und Sizilien. Doch die Routen wechseln, je nachdem, wo gerade Abschottungsmaßnahmen der EU stattfinden", sagt Harald Glöde, Leiter der Berliner Geschäftsstelle von Borderline Europe. Die Migrationsroute über das Mittelmeer besteht schon seit den 90er Jahren. Am Anfang wurde die Balkanroute von Albanien nach Italien genutzt. Dann führte die meistgenutzte Migrationsroute über das Mittelmeer. Dabei kamen viele Flüchtlinge ums Leben. Allein das Unglück vor der italienischen Insel Lampedusa Anfang Oktober mit bislang mehr als 270 bestätigten Todesopfern zeigt, wie gefährlich die Wege sind, die verzweifelte Menschen wählen. Bei der jüngsten Katastrophe vom Freitag (11.10.2013) starben mindestens 27 Menschen, als ihr Boot im Mittelmeer kenterte.

Das neue Satelliten-gestützte und durch Drohnentechnik erweiterte System European Border Surveillance System (kurz: Eurosur) der Europäischen Union soll ab dem 1. Dezember 2013 helfen, die Flüchtlinge in ihren meist seeuntüchtigen und völlig überladenen Booten auf dem Mittelmeer schneller zu orten. Doch Menschenrechtsorganisationen kritisieren, das Überwachungssystem diene vor allem dazu, die EU vor illegalen Einwanderern zu schützen - und nicht dazu, den Flüchtlingen zu helfen. Harald Glöde befürchtet, dass durch die Abschottungspolitik der EU weitere Menschen auf ihrer Flucht ums Leben kommen könnten. "Eurosur führt dazu, dass verzweifelte Flüchtlinge dann weitere Wege in immer kleineren Booten, die nicht so schnell auf den Satellitenbildern auffallen, auf sich nehmen müssen." Dass mit der Eurosur-Überwachung Menschenleben gerettet werden sollen, ist für Harald Glöde blanker Zynismus.

Italienische Polizisten und Frontex-Beamte helfen einem afrikanischen Flüchtling aus Sub-Sahara, nachdem er auf der italienischen Mittelmeerinsel gestrandet ist.(Foto: EPA/Carlo Ferraro/dpa)

Italienische Polizisten und Frontex-Beamte helfen einem afrikanischen Flüchtling

10.000 Euro kostet die Flucht

Die Internationale Organisation für Migration schätzt, dass in den vergangenen zehn Jahren ungefähr 20.000 Menschen ihr Leben verloren haben. Die Zahl ist wahrscheinlich wesentlich höher. "Wenn Eurosur dazu beiträgt, dass Migranten nicht mehr auf Schiffen, die eigentlich nicht seetauglich sind, das Mittelmeer überqueren, dann halte ich das für einen positiven Effekt", sagt Bernd Hemingway von der Internationalen Organisation für Migration.

Er betont, dass besonders die organisierte Kriminalität einzudämmen sei. Denn Flüchtlinge wendeten sich an Schlepper, die sie auf ihrer Flucht unterstützen und transportieren sollen. Sie müssen zwischen 5000 und 10.000 Euro zahlen. Allein die Überquerung des Mittelmeeres kostet zwischen 1000 und 2000 Euro. Eine Garantie, dass sie die riskante Überfahrt überleben, gibt es nicht. Auf dem Boot, das Anfang Oktober vor Lampedusa gesunken ist, waren schätzungsweise 500 Flüchtlinge.

Mit dem Flugzeug nach Europa

"Diese Schmuggler sind Teile einer organisierten Kriminalität. Sie sind flexibel und das macht es so schwer, die Situation in den Griff zu bekommen", sagt Bernd Hemingway. Wenn der Weg über das Mittelmeer ab Dezember durch Eurosur streng überwacht und abgeschottet ist, dann fänden Schlepper unmittelbar einen anderen Weg. Derzeit beobachtet die Internationale Organisation für Migration eine neue Route: Über das Schwarze Meer nach Rumänien und Bulgarien. Besonders syrische Flüchtlinge suchen hier Schutz. Die Abschottungspolitik der EU treibe die Flüchtlinge in die Hände solcher Schlepper, meint Harald Glöde von Borderline Europe. Denn diese Menschen hätten keine legale Möglichkeit, in die Europäische Union zu gelangen.

Die meisten illegalen Einwanderer wählen noch einen anderen Weg: Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen reisen 70-80 Prozent der Personen mit einem Touristenvisum in die EU ein - und reisen dann nicht mehr aus. Nach Ablauf ihrer Aufenthaltsgenehmigung beantragen sie Asyl oder leben illegal im Land. In einem sind sich die Experten einig: Wenn keine weiteren legalen Wege geschaffen werden, in die EU zu gelangen, dann werden weitere Menschen ihr Leben bei der Flucht riskieren.

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