Mexiko: Touristen klagen über willkürliche Verhaftungen | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 27.02.2022
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Wegen Visaverstößen

Mexiko: Touristen klagen über willkürliche Verhaftungen

Das deutsche Auswärtige Amt warnt Reisende nach Mexiko zur Vorsicht. Touristen werden bei der Einreise über ihre genehmigte Aufenthaltsdauer im Unklaren gelassen. Betroffene berichten von Verhaftungen. 

Esther und Tim | Touristenkarten in Mexiko

Das deutsche Touristenpaar Esther und Timon in Mexiko

Esther und Timon wollten auf ihrer Reise nach Mexiko die paradiesischen Strände, das türkisfarbene Wasser, die Natur genießen und die Tempel und Pyramiden der Maya besuchen. Sie wollten einen Freund aus Österreich treffen und die reiche Gastronomie des Landes kennenlernen. Doch eine willkürliche mexikanische Einwanderungspraxis machte einen Strich durch ihre Urlaubspläne. Gegenwärtig versuchen sie, einer drohenden Verhaftung aus dem Weg zu gehen. 

Das junge deutsche Touristenpaar, das seinen Nachnamen nicht nennen möchte, landete am 7. Februar in Cancún. Bei der Einreisekontrolle erklärten sie, dass sie zwei Monate im Land bleiben würden und wiesen das mit ihrem Rückflugticket für den 5. April nach. Der Beamte der mexikanischen Einwanderungsbehörde INM gewährte ihnen jedoch nur acht Tage Aufenthalt. Vermerkt wurde dies mit einem kaum lesbaren Vermerk auf der Einreisekarte, einem sieben mal fünf Zentimeter großen Stück Papier. "Der Beamte fragte uns, warum wir zwei Monate bleiben wollten, worauf wir ihm unser Rückflugticket zeigten. Er sagte 'Perfekt' und schrieb etwas auf die Einreisekarte. Dann gab er sie uns zurück und sagte sehr freundlich 'Willkommen in Mexiko'. Wir hatten keine Ahnung, dass er uns die Aufenthaltsdauer gekürzt hatte", erzählt Timon gegenüber der DW. 

Esther und Tim | Touristenkarten in Mexiko

Timons Einreisekarte mit dem handschriftlichen Vermerk des Einreisebeamten im unteren Bereich

Das junge Paar ging davon aus, dass sie sich ganz legal in Mexiko für eine Zeit aufhalten durften, die weit weniger als die "bis zu 180" Tage betrug, die auf der Webseite des mexikanischen Außenministeriums als Maximum angegeben werden und die europäischen Touristen in der Regel problemlos gewährt wird. Die Urlaubsfreude war schnell verflogen, als sie erst nach mehreren Tagen ihren Freund Chris kontaktieren konnten. 

Als Tourist im Gefängnis

Der 30-jährige Österreicher wurde seit dem 5. Februar in der Einwanderungsstelle Chetumal an der Grenze zu Belize festgehalten. Auf einer Fahrt nach Bacalar, einem kleinen Urlaubsort im äußersten Südosten Mexikos, wurde sein Bus an einer Kontrollstelle der Einwanderungsbehörde angehalten. Nach der Kontrolle aller Ausweise der reisenden Passagiere, wurde Chris wegen Überschreitung der ihm bei der Einreise gewährten Aufenthaltsdauer festgenommen. 

Die Anzahl der erlaubten Tage war auch auf seiner Einreisekarte nur schwer zu entziffern. Chris hatte nur 40 Tage genehmigt bekommen und wurde am 52. Tag in Mexiko festgenommen. "Es ist deren Recht, mir so viele Tage zu geben, wie sie wollen, und auch mich zu verhaften, wenn ich diese Grenze überschreite. Aber sie sollten uns die Anzahl der Tage klar mitteilen und uns aufklären, wenn sie uns verhaften", sagt der junge Österreicher der DW per Telefon. Chris wurden sein Handy und seine persönlichen Sachen abgenommen. In einem Transporter mit vergitterten Fenstern wurde er in eine gefängnisartige Einrichtung der Einwanderungsbehörde gebracht. Mit ihm in Gewahrsam waren auch Menschen aus Kuba, Honduras, El Salvador, Guatemala, ein Paar aus den USA und ein Deutscher. 

Mexiko Flugzeug von Interjet, Flughafen

Touristenkarten mit der maximalen Aufenthaltsdauer werden in Mexiko bei der Einreise am Flughafen ausgestellt

"Man fühlt sich wie ein Verbrecher. Man durfte nur zweimal pro Woche telefonieren", erzählt Chris, der sich noch in Mexiko aufhält. Dank der Vermittlung seiner Botschaft ist er wieder auf freiem Fuß und hat 20 Tage Zeit bekommen, seinen Aufenthaltsstatus in Mexiko zu regeln. Falls die andere Seite nicht abhob, hatte man eben Pech gehabt." Er habe nicht gewusst, wann er wieder aus dieser Einrichtung rauskommen würde. "Es gab da Leute, die schon zwei Monate oder sogar ein halbes Jahr dort waren."

Während der einwöchigen Haft teilte der Österreicher eine Zelle mit Julian Pennant, einem deutschen Amateurboxer, der nach seiner Entlassung seinen Fall in einem Instagram-Video beschrieb, das viral ging. 

Besorgnis über Zunahme von Festnahmen

Das deutsche Auswärtige Amt (AA) hat eine ungewöhnliche Zunahme der Festnahmen von Reisenden aus Deutschland festgestellt. Allein in diesem Jahr seien bei der deutschen Botschaft in Mexiko 15 Hilfeersuchen von deutschen Touristen eingegangen, die in Haftanstalten für Einwanderer festgehalten würden, wie die DW aus diplomatischen Kreisen erfuhr. Andere EU-Länder seien demnach auch betroffen. Das AA hat mittlerweile seine Reise- und Sicherheitshinweise für Mexiko aktualisiert. "Die mexikanischen Behörden prüfen derzeit bei der Einreisekontrolle sehr genau, ob und für wie lange eine Unterkunft im Land bestätigt werden kann und ob ein entsprechendes Rückflugticket vorliegt. Die Aufenthaltsdauer wird dann auf dem Einreiseformular entsprechend sehr genau eingegrenzt, oftmals ohne dass Reisende sich dessen bewusst sind", warnt das AA seit dem 21. Januar auf seiner Webseite. 

Mexiko Migranten Polizei

Mexiko ist für viele Migranten aus Lateinamerika ein Transitland auf ihrem Weg Richtung USA

Carmina Gutiérrez, Rechtsberaterin der mexikanischen Bundesanstalt für Strafverteidigung in Cancún, erklärte gegenüber der DW, dass dies eine weitverbreitete Praxis bei Migranten sei. Diese würden so festgesetzt und nur gegen Zahlung von Bestechungsgeldern wieder freigelassen. "Mitte des Jahres wurden 1.500 Dollar für eine Freilassung verlangt, mittlerweile sind es 2.500", so die auf die Betreuung von Migranten spezialisierte Anwältin. Diese Praxis schien aber bisher nur im geringen Maß bei ausländischen Touristen Anwendung zu finden.  

Von dem Dutzend westlicher Touristen, die von DW befragt wurden, gaben nur zwei Personen an, dass sie Opfer von Bestechungsversuchen wurden. Der DW gegenüber bestreitet die mexikanische Einwanderungsbehörde INM jegliche Vorwürfe der Erpressung durch seine Vertreter und weist darauf hin, dass die Zahlung einer Geldstrafe nicht mit einer Bestechung zu verwechseln sei.

Zwischen Unsicherheit und Zuversicht

Nachdem Esther und Timon vom Schicksal ihres Freundes Chris erführen, stellten auch sie fest, dass ihre genehmigte Aufenthaltsdauer nur acht Tage betrug, und wandten sich an die deutsche Botschaft. Obwohl sie laut mexikanischen Recht keine Verhaftung fürchten müssen, wenn sie freiwillig die Einwanderungsbehörden kontaktieren, geriet das junge Paar in Panik. 

Esther und Tim | Touristenkarten in Mexiko

Ein Foto aus unbeschwerteren Tagen. Mittlerweile genießen Esther und Timon ihren Urlaub nicht mehr so sehr.

"Wir haben große Angst, dass sie uns in ein Einwanderungsgefängnis stecken, denn wir haben bereits über die Bedingungen dort gelesen. Deshalb sind wir vorsichtig, aber wir werden uns auch nicht im Hotel verstecken. Man ist ständig nervös und genießt den Urlaub nicht mehr so sehr", erzählen Esther und Timon. Aber es beruhige sie, "dass unsere Botschaft bereits über unsere Situation Bescheid weiß und uns im Falle einer Verhaftung hoffentlich schnell wieder freibekommen kann."