Metalle mit dunkler Seite | Globale Zusammenarbeit | DW | 18.12.2013
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Globale Zusammenarbeit

Metalle mit dunkler Seite

In Ländern wie Peru geht die Ausbeutung von Rohstoffen oft mit Umweltzerstörung und Gewalt einher. Doch in der deutschen Industrie genießt die Frage eines fairen Rohstoffeinkaufs oft noch immer keine Priorität.

Die dünne Luft auf 4000 Metern macht ihnen nichts. Sie haben hier schon vor der Staatsgründung gelebt, vor der Eroberung durch die Spanier - oder wie Manuel Ramos sagt: "seit Anbeginn der Welt". Zwar finden sich auch einige Spanier in ihrer Ahnenreihe, doch die Indios betrachten sich als Nachfahren der Inkas. Ihr genuscheltes Quechua erinnert daran. Vielleicht auch ihre Kompromisslosigkeit.

Hier oben in der zähen Welt der Anden im Norden Perus stehen sie, protestieren und wollen nicht weichen. "Es gibt für uns nur zwei Wege: ins Gefängnis oder auf den Friedhof", schwört Bauernsprecher Ramos seine 30 Mitstreiter ein, als die Armeepolizei anrückt. Es ist kalt und nieselt, milchiger Nebel hat sich über das Moos gelegt. Die Uniformierten kommen mit Maschinengewehren den Hang hinauf. In dicken Ponchos, unter Wollmützen und Strohhüten stellen sich die Bauern ihnen entgegen - bewaffnet mit einer Flasche selbst gebranntem Schnaps, der gegen die Kälte helfen soll. Kinder klammern sich ängstlich an ihre Mütter.

"Geld interessiert uns nicht"

Bauernsprecher Manuel Ramos in Peru Februar 2013 (Foto: Oliver Ristau)

Nachfahre der Inkas: Bauernsprecher Manuel Ramos

Tief unter ihren Füßen ist ein gigantischer Schatz verborgen – zumindest aus Sicht von Rohstoffjägern wie dem US-Konzern Newmont Mining. Nach dessen Berechnung schlummern dort 1,4 Millionen Tonnen Kupfer und 330 Tonnen Gold. Aktueller Gesamtwert: rund 17 Milliarden Euro. 3,5 Milliarden Euro geplante Investitionen würden sich zigfach rechnen. Manuel Ramos und seine Mitstreiter lassen diese Zahlen kalt: "Geld interessiert uns nicht. Wir wollen nur das Land behalten, auf dem wir schon immer gelebt haben und wo unsere Rinder weiden." Er zeigt auf einen dunklen See am Fuße des Berges - eine von dreißig "Lagunas", die unterirdisch miteinander verbunden sind. Daneben blinzeln Aluminiumdächer im milchigen Licht. Sie bedecken die kleinen Hütten, die den Bauern beim Viehauftrieb als Refugium dienen. Die Seen speisen nicht nur die Flüsse und Dörfer im Tal, sondern auch die braunen Fluten des Rio Marañon, der 30 Kilometer entfernt an der Ostflanke der Anden vorbeirauscht und hunderte Kilometer flussabwärts zum Amazonas wird. "Die Mine wird das Wasser verseuchen", sagt Ramos. Denn Minen benötigen Unmengen Wasser und Chemikalien, um die Erze zu lösen.

Besorgniserregende Gewalttätigkeit

Der Streit um die geplante peruanische Kupfer-Gold-Mine La Conga ist kein Einzelfall. "Der Minensektor in Peru ist die größte Quelle für soziale Konflikte in Peru", sagt José De Echave von der NGO CooperAccion aus Lima, "vor allem wegen ihrer ökologischen Auswirkungen. Die Bergbaubranche besetzt einen immer größer werdenden Teil des Territoriums, siedelt Dörfer um und hat erhebliche Auswirkungen auf die natürlichen Wasservorkommen. Außerdem erzeugt der Sektor Situationen von besorgniserregender Gewalttätigkeit." Deshalb sei es wichtig, dass Abnehmerländer wie Deutschland, das seinen Kupferbedarf zu 25 Prozent aus Peru decke, Druck auf die Lieferländer ausübe, um eine Verbesserung der Lage an den Minen zu erzielen. "Es muss ein Gleichgewicht zwischen den ökonomischen Interessen und den Bedürfnissen der betroffenen Bevölkerung - oft indigenen Ursprungs - hergestellt werden. Das wird dazu führen, das einige Projekte realisiert werden, andere aber nicht."

Autoindustrie: keine Kontrolle der Menschenrechte

Doch bisher verfolgt die Industrie das Thema eher beiläufig, obwohl ohne Kupfer und Eisenerz zum Beispiel auch kein Automobil fahren könnte. "Wir haben Verträge mit unseren Lieferanten, die die Einhaltung der Menschenrechte beinhalten", sagt zwar VW-Vertreter Dirk Rosenau-Tornow. Doch das bezieht sich nur auf die direkten Zulieferer, die den Rohstoff nicht an der Quelle einkaufen. Der stammt von Vorlieferanten, die von den Verträgen der Automobilhersteller nicht erfasst werden. Nach Erkenntnissen der Hilfsorganisation Misereor fehlt es bisher in der gesamten Automobilindustrie an Mechanismen, um sicherzustellen, dass der Rohstoff tatsächlich ohne Menschenrechtsverletzung erworben wird. "Um das zu kontrollieren, bräuchten wir 500 Mann extra", so Rosenau-Tornow. Ob ein Konzern wie VW das nicht leisten könne? Er zuckt mit den Schultern.

Bergsee in den Nordanden auf 4.000 Metern, Februar 2013 (Foto: Oliver Ristau)

Ökologisch empfindlich: Bergsee in den Nordanden auf 4000 Metern

Nach Ansicht von Brot für die Welt könnte die Industrie deutlich mehr tun: "Wir würden uns wünschen, dass Menschenrechtsklauseln verbindlich schon in die Ausschreibung der Lieferantenverträge mit aufgenommen werden", sagt Sven Hilbig, Referent Welthandel und Globale Umweltpolitik bei der Organisation. Um außerdem Sanktionsmöglichkeiten zu schaffen, sollten die Abkommen "Konventionalstrafen oder Schadensersatzforderungen vorsehen, wenn die Zulieferer sich nicht daran halten". Der Lieferant müsse diese Verpflichtung bis zur Rohstoffquelle weitergeben. So könnte eine funktionierende verpflichtende Kette aufgebaut werden und jeder Rohstoff zu einem sauberen Herkunftsnachweis kommen.

Intransparente Rohstoffkonzerne

Vertreter der Industrie werden sich erst langsam ihrer Verantwortung bewusst, verweisen dabei zugleich auf ein Dilemma: "Auf der einen Seite verlangt die Gesellschaft, dass wir einen stetig steigenden Bedarf an metallischen Rohstoffen decken, auf der anderen Seite aber auch, dass das nach qualitativen Kriterien geschieht, die alle ökologischen und sozialen Aspekte berücksichtigen. Das ist grundsätzlich möglich, aber kurzfristig eine große Herausforderung", sagt Andreas Möller, Leiter der Konzernrepräsentanz des Kupferproduzenten Aurubis in Berlin.

Bisher schreckt die Industrie auch deshalb vor einer Offensive für mehr Transparenz im Rohstoffsektor zurück, weil an der Quelle extrem große, aber wenig transparente Bergbaukonzerne sitzen. So sieht Aurubis aufgrund der eigenen geringen Marktmacht wenig Chancen, sich mit Forderungen zu fairen Bedingungen an den Minen gegen die Rohstoffriesen durchzusetzen. Und hofft, dass die es schon richten werden. "Wir würden uns keiner Situation aussetzen, wo wir wissentlich gegen UN-Menschenrechtskonventionen oder OECD-Bedingungen kaufen würden", versichert Möller. Dass die Firma sich aber nicht unbedingt auf die großen Rohstoffunternehmen verlassen kann, zeigt das Beispiel Glencore Xstrata. Der Schweizer Minenkonzern hat immer wieder Ärger in Peru, wurde wegen Umweltvergehen bei einem Minenprojekt in der Provinz Cusco von peruanischen Behörden bereits mit Geldstrafen belegt. Zu fairen Bedingungen bei der Rohstoffförderung ist es noch ein weiter Weg.

Doch bei der Mina Conga im Norden des Landes hoch oben auf 4.000 Meter reißen die Proteste nicht ab. Manuel Ramos und seine Mitstreiter ziehen nach einigen Diskussionen mit der Militärpolizei wieder ab. Doch sie werden wiederkommen, versichert er: „Unser Kampf hört nicht auf.“

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