Meinung: Pence gegen Harris - so geht Debattieren richtig | Kommentare | DW | 08.10.2020
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US-Wahlen 2020

Meinung: Pence gegen Harris - so geht Debattieren richtig

Bei der Debatte der US-Vizepräsidentschaftskandidaten tauschten Pence und Harris sachlich Argumente aus - ein riesiger Unterschied zur Trump-Biden Debatte. Kamala Harris sah dabei besser aus, sagt Carla Bleiker.

Nach der Debatte zwischen Vizepräsident Mike Pence und der demokratischen Kandidatin für den Posten, Kamala Harris, steht eines fest: Das Auftreten beider Politiker war um Längen präsidialer als das ihrer Chefs vor einer Woche. Während Donald Trump und Joe Biden sich konstant gegenseitig unterbrachen und beschimpften, lieferten sich Pence und Harris einen größtenteils sachlichen Schlagabtausch. Eine Debatte, bei der man nicht nach wenigen Minuten verzweifelt den Fernseher stumm schalten wollte - wie erfrischend!

Sicher, auch dieses Mal, bei der ersten und einzigen Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten, lief nicht alles ideal. Beide Kandidaten sahen die Fragen von Moderatorin Susan Page eher als nette Vorschläge und Gelegenheiten, ihre Positionen anzupreisen oder die des Gegners zu kritisieren. Direkt auf Fragen geantwortet wurde eher selten. Aber immerhin ergaben sich zwischen dem aktuellen Vizepräsidenten und der Senatorin aus Kalifornien Diskussionen, denen die Wähler folgen konnten. Und wenn Pence doch versuchte, Harris zu unterbrechen, unterband sie es mit einem energischen, aber ruhigem "Ich rede gerade", das den Republikaner zum Schweigen brachte.

Autorenbild l Kommentatorenbild DW Carla Bleiker PROVISORISCH

Washington-Korrespondentin Carla Bleiker

Harris' Auftritt dürfte Demokraten an die Urnen bringen

Insgesamt sah Kamala Harris bei der Debatte besser aus. Sie hatte zwar keinen Star-Moment, wie sie ihn während einer demokratischen Vorwahl-Debatte in einem Schlagabtausch mit ihrem jetzigen Chef Joe Biden hatte. Aber mit ihrer scharfen Kritik an der Corona-Politik der Trump-Regierung und damit, wie sie stolz über die Geschichte ihrer Familie sprach - Harris' Mutter wanderte aus Indien in die USA ein - dürfte sie viele potenzielle demokratische Wähler davon überzeugt haben, bei der Präsidentschaftswahl im November nicht einfach zuhause zu bleiben.

Mangelnder Enthusiasmus für Joe Biden, einen weiteren alten weißen Mann als Präsidentschaftskandidat, ist eine reale Gefahr für die Demokraten, und dem setzte Harris mit ihrem Auftritt am Mittwochabend ordentlich etwas entgegen. Viele schwarze Frauen, die mit Biden nicht viel anfangen können, lieben Harris. Und sie enttäuschte ihre Fans nicht.

USA I TV-Duell zwischen den US-Vize-Kandidaten Kamala Harris und Mike Pence

Durch Plexiglasscheiben getrennt: Kamala Harris und Mike Pence

Pence konnte hin und wieder ebenfalls punkten, beispielsweise als er nicht nachließ und darauf hinwies, dass Harris sich weigerte zu sagen, ob sie und Biden planten, den Supreme Court um mehr Richterposten zu erweitern. Aber er blieb größtenteils blass. Selbst bei der Supreme Court Diskussion punktete Harris: Sie erzählte die Geschichte von Abraham Lincoln, einem der am meisten verehrten Präsidenten der US-Geschichte, der 1864 die Chance hatte, 27 Tage vor der Wahl einen Supreme Court-Richterposten neu zu besetzen - und es nicht tat, weil sich das so kurz vor der Wahl nicht schicke. Die Trump-Regierung kennt solche Bedenken nicht und tut alles, um die erzkonservative Richterin Amy Coney Barrett so schnell wie möglich auf die Richterbank des Supreme Courts zu setzen.

Pence punktet mit RBG-Antwort

Nur bei der letzten Frage konnte Pence mit einer schönen Antwort glänzen. Eine Achtklässlerin hatte die Frage eingereicht, wie sich normale Amerikaner vertragen sollen, wenn es schon die Politiker in Washington nicht hinkriegen. Pence verwies auf die kürzlich verstorbene Ruth Bader Ginsburg, Richterin am Obersten Gerichtshof, und ihren 2016 verstorbenen Kollegen Antonin Scalia. Die beiden waren ideologisch so weit voneinander entfernt, wie es nur geht, und trotzdem verband sie eine tiefe Freundschaft.

"Hier in Amerika können wir uns uneins sein, wir können rigoros debattieren, so wie Senatorin Harris und ich es heute Abend getan haben", sagte Pence. "Aber wenn die Debatte vorbei ist, kommen wir als Amerikaner zusammen." Nur leider hat die Trump-Regierung in den vergangenen vier Jahren mehr dafür getan, liberale und konservative US-Amerikaner zu entzweien und Hass zu säen, als Menschen tatsächlich zusammen zu bringen.

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