Meinung: Nach Corona endlich in den Klimaschutz investieren | Kommentare | DW | 03.12.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Klimawandel

Meinung: Nach Corona endlich in den Klimaschutz investieren

Die Welt-Meteorologen messen eines der heißesten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen. Mitten in der COVID-Pandemie. Wenn die überstanden ist, muss endlich nachhaltig investiert werden, meint Jens Thurau.

Haben wir eigentlich noch andere Meldungen zum Thema Klima erwartet als diese? Die Weltorganisation der Meteorologen hat herausgefunden, dass auch 2020 - trotz Corona - eines der drei wärmsten Jahre seit Beginn der Temperaturmessungen Mitte des 19. Jahrhunderts war.

In Europa war dieses Jahr in den ersten zehn Monaten sogar das wärmste überhaupt. Alarmierende Zahlen. Aber die Menschen, und auch die Regierungen, haben im Alltag gerade andere Sorgen: Die Bewältigung der Pandemie, die Sorge um die Zukunft, um den Arbeitsplatz.

"Unser Planet ist kaputt"

Umso wichtiger, dass UN-Generalsekretär António Guterres zum Ende dieses nervenaufreibenden Jahres noch einmal drastische Worte gefunden hat, die den Zustand der Erde richtig beschreiben. "Unser Planet ist kaputt", sagte Guterres an der New Yorker Columbia Universität. Schon lange ist dem obersten Diplomaten der Vereinten Nationen seine Ungeduld angesichts der Untätigkeit vieler Politiker beim Klimawandel anzumerken. Zu einem "Ende des Krieges gegen die Natur" ruft er auf und fast treffend zusammen: "Apokalyptische Feuer und Überschwemmungen, Zyklone und Hurrikans sind zunehmend die neue Realität."

Thurau Jens Kommentarbild App

DW-Hauptstadtkorrespondent und Klima-Experte Jens Thurau

Dennoch hat es der Klimaschutz zur Zeit schwer, die Aufmerksamkeit zu finden, die er eigentlich verdient. Mit dafür gesorgt haben auch Berichte, wonach durch die Pandemie die Treibhausgase im Frühjahr weltweit um 17 Prozent zurückgegangen sind. Auch die deutsche Politik brachte es fertig, sich für die Erfüllung des Klimaziels für 2020, also 40 Prozent weniger im Vergleich zu 1990, feiern zu lassen. Auch wenn es allein das Virus war, das dafür sorgte, dass Flugzeuge am Boden blieben und die Wirtschaft weniger Klimagase ausstieß.

Für die Klimakrise aber ist Corona allenfalls eine Atempause, mehr nicht. Schwerer wiegt, wie mühsam es sein wird, die Aufmerksamkeit nach der Pandemie wieder auf das große andere, wenn nicht das größte Menschheitsproblem überhaupt zu lenken.

Kein Klimagipfel wegen Corona

Fast schon verzweifelt versuchen die Klimaaktivisten von "Fridays for future", ihre Botschaften auch im Lockdown unters Volk zu bringen. Aber Online-Kampagnen haben nun einmal nicht die Wirkung, die Massenproteste auf der Straße ausüben können. Das gleiche gilt für die jährlichen Klimakonferenzen der UN: G20-Gipfel mögen digital abgehalten werden können, die jährlichen Treffen von Delegierten und Klimaaktivisten aus fast 200 Ländern aber leben von spontanen Treffen, von Tausenden von Gesprächen. Davon, dass auf Konferenzen mit bis zu 20.000 Teilnehmern Druck auf klimaunwillige Staaten ausgeübt werden kann.

Und deshalb ist der diesjährige Klimagipfel in Glasgow, der im November hätte stattfinden sollen, auf das nächste Jahr verschoben worden. Hoffentlich lässt sich der Elan früherer Treffen über die Zwangspause hinüberretten. Denn noch wartet der Pariser Klimavertrag darauf, mit Leben gefüllt zu werden, damit das Ziel, maximal zwei Grad an Erderwärmung zuzulassen, nicht bloßes Wunschdenken bleibt. Konkret: Die Staaten müssen ihre 2015 in der französischen Hauptstadt gemachten Klimaversprechen nachbessern. Viel verlangt in diesen bewegten Zeiten.

Trotz Trump sinken Klimagase in den USA

Der internationale Klimaschutz steht am Scheideweg, wieder einmal. Der grassierende Nationalismus und Populismus macht es den Anhängern einer weltumspannenden Klimapolitik schwer. Einerseits. Andererseits bedeutet der anstehende Machtwechsel in den USA, dass Washington dem Pariser Klimavertrag wohl wieder beitreten wird, den Donald Trump gerade erst verlassen hat. Dass der künftige Präsident Joe Biden den früheren Außenminister John Kerry zu seinem Klimabeauftragten machen will, ist auch ein gutes Zeichen.

Kerry war einer der Wegbereiter des Klimavertrages von Paris. Überhaupt: Auch in den USA sind zuletzt trotz Donald Trump die Klimagase zurückgegangen, ein Erfolg der unermüdlichen Kämpfer in den Kommunen und Städten, die sich von dem irrwitzigen Klimaleugner im Weißen Haus nicht haben Bange machen lassen. Auch die EU und China haben ehrgeizige Klimaziele vorgelegt, ob sie aber umgesetzt werden, wird sich zeigen, wenn das Virus wieder weg ist.

Neue Chancen nach der Pandemie

Vielleicht lässt sich aber die eine oder andere Erfahrungen aus der Zeit der Pandemie mit hinüber nehmen in eine klimafreundliche Zeit: Nicht jede Geschäftsreise mit dem Flugzeug muss ein, das haben Online-Meetings jetzt zur Genüge gezeigt. Aber andererseits: Ist die Pandemie erst einmal überstanden, wir der Fokus weltweit darauf liegen, die Wirtschaft wieder ins Rollen zu bringen. Dafür gibt es nachhaltige und weniger nachhaltige Wege. Dass etwa Deutschland sich bis 2038 Zeit nimmt, um aus der klimaschädlichen Kohleverstromung auszusteigen, zeugt nicht von großem Mut.

Auch Guterres weist auf die Chancen hin, die sich nach der Pandemie bieten: "Die Corona-Erholung und die Reparatur des Planeten können zwei Seiten derselben Medaille sein", so der UN-Generalsekretär. Also: Investitionen in nicht-fossile Industrien, Autos ohne Benzin-Motoren, mehr Erneuerbare Energien. Klimaschutz war noch nie etwas für Pessimisten. Es gibt immer noch eine Chance, wieder einmal.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Anzeige