Meinung: Die Wirtschaft runterfahren? Bloß nicht! | Kommentare | DW | 15.01.2021
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Coronakrise

Meinung: Die Wirtschaft runterfahren? Bloß nicht!

Immer lauter werden die Forderungen nach einem Lockdown, der seinen Namen auch verdient. Mehr Leute ins Homeoffice, Fabriken dichtmachen. Das wird im Desaster enden, meint Henrik Böhme.

Gerade erst haben uns die Statistiker die Zahl präsentiert. Um fünf Prozent ist die Wirtschaftsleistung im Corona-Jahr 2020 geschrumpft. Das ist weniger als im Jahr der Weltfinanzkrise (2009, damals stand ein Minus von 5,7 Prozent unterm Strich) - und viel weniger, als manche Auguren im Angesicht des ersten Lockdowns im Frühjahr vorhergesagt hatten. Also: mit einem blauen Auge davongekommen. Auch die Zahl der Menschen, die ihren Job als Folge der Corona-Krise verloren haben, hält sich in Grenzen. Auch wenn der jahrelange Aufschwung am Arbeitsmarkt mittlerweile zum Erliegen gekommen ist, so doch auf einem hohen Niveau.

Alle hoffen nun natürlich auf einen Rebound der Wirtschaft in diesem Jahr. Denn da kann der Finanzminister noch so oft betonen, man werde die finanziellen Hilfen für betroffene Unternehmen (welche vor allem kleine Firmen sind) noch lange zahlen können. Erstmal wäre es schon gut, wenn nun endlich mal die versprochenen Hilfen für den November fließen würden, und die für den Dezember auch. Und auf der anderen Seite: Irgendwann wird auch dem Finanzminister die Puste ausgehen.

Hört eigentlich irgendwer auf die Leute?

Klar, man kann sich im Moment extrem günstig verschulden. Trotzdem muss sich Berlin bei aller angedeuteten Hilfsbereitschaft auch jeden Tag die Frage stellen: Wer soll das bezahlen? Denn Schulden sind immer Hypotheken für die nachfolgenden Generationen. Dass es sich der Staat derzeit leisten kann, so großzügig zu helfen, dafür haben vor allem die Steuerzahler und die Wirtschaft gesorgt. Wenn viele Menschen einen Job haben, dann sprudeln auch die Steuereinnahmen - und zwar aus diversen Quellen: über die Einkommenssteuer zum einen und über die Konsumausgaben zum anderen.

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Wer also nun laut ruft: "Schließt die Fabriken! Alle ab ins Homeoffice!", der gefährdet die dringend notwendige wirtschaftliche Erholung. Und er hat offenbar nicht das Ohr an den Menschen. Es gibt Berichte aus Firmen, wo Krisensitzungen stattfinden, weil die Mitarbeiter einfach keinen Bock mehr auf Homeoffice haben und zurückwollen an ihren Arbeitsplatz. Wer beengt wohnt, gleichzeitig noch die Kinder zu Hause hat, die mit dem Homeschooling verzweifeln, weil die digitalen Lernplattformen zusammenbrechen, der ist kaum in der Lage, konzentriert am heimischen Schreibtisch für die Firma zu arbeiten.

Digitalisierung als Schlagwort

Auf der anderen Seite gibt es noch immer reichlich Chefs, die ihren Leuten nicht vertrauen und das Homeoffice verweigern. Oder es nicht Homeoffice heißen darf, weil der Arbeitgeber dann für eine entsprechende Ausstattung des Arbeitsplatzes sorgen müsste. Wir lernen: Die Lage ist vertrackt.

Aber das alles hat sich die Politik selbst eingebrockt. Digitalisierung ist zum Schlagwort verkommen, im Alltag der Menschen aber noch lange nicht angekommen. Beispiel gefällig: Schulen ans Netz. Gute Sache, und mit fünf Milliarden Euro auch finanziell recht üppig unterfüttert. Bloß: Es gibt mehr als 3000 verschiedene Schulträger in Deutschland. Und da hat jeder ganz eigene Vorstellungen, was Schule ans Netz für ihn heißt. Am Ende liegt im schlimmsten Fall das Glasfaserkabel an der Schulpforte und darf nicht rein.

Die Politik ist zunehmend hilflos

Und die Forderungen nach einem Herunterfahren der Wirtschaft? Jetzt, wo sich die so wichtige Industrie einigermaßen berappelt, weil die Aufträge vor allem aus Asien wieder anziehen und die Auftragsbücher wieder besser gefüllt sind? Fabriken zu, Aufträge stornieren, Kunde futsch? Nein, das ist der falsche Weg. Es ist nur ein weiteres Zeichen für die zunehmende Hilflosigkeit der Politik, eine wirkliche Strategie gegen die Pandemie zu entwickeln. Die Chance wurde im Sommer vertan, im Herbst vergeigt und im Winter zwischen Bund und Ländern zerrieben.

Ja, es kann sein, dass wir mit den derzeitigen Maßnahmen (die sicher noch verschärft werden können) bis Ostern brauchen, auf die Impfungen und besseres Wetter hoffen müssen, um wieder optimistischer in die Zukunft schauen zu können. Aber die Menschen ins Homeoffice zu zwingen oder die Fabriken zu schließen - das sind mit Sicherheit nicht die richtigen Maßnahmen. Es würde die Krise, die wir medizinisch absehbar in den Griff bekommen können (Impfung, Medikamente!), endlos verlängern. Weil am Ende die Wirtschaft am Boden liegt.

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