Meinung: Demütigung für die USA beim Amerika-Gipfel | Kommentare | DW | 10.06.2022
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Amerika-Gipfel

Meinung: Demütigung für die USA beim Amerika-Gipfel

Der "Summit of the Americas" sollte wieder einmal eine große Show werden. Doch die vielen Absagen sind ein Schlag ins Gesicht für die Interessen und Ziele der USA, meint Carolina Chimoy.

Joe Biden (mitte) und Kamala Harris sitzen an einem Tisch beim Amerika-Gipfel

Das Bemühen war da, aber die USA verlieren an Ansehen in Lateinamerika und der Karibik

Der Amerika-Gipfel ist normalerweise eines der wichtigsten Treffen für Lateinamerika und die Karibik. Ein Treffen, das alle drei Jahre stattfindet und von Nord- bis Südamerika über die Karibik alle Länder näherbringen soll. 

Beim letzten Gipfel in Lima waren 34 Staatschefs anwesend, genauso viele wie beim ersten Gipfel in diesem Format 1994 in Miami. In Los Angeles sind es jetzt gerade einmal 23 Länder gewesen, einige ohne ihre Präsidenten. Und das in einem Land, das früher einmal Richtungsgeber in der Region war.

Großer Boykott

In Erinnerung bleiben wird dieser Gipfel für die größte Boykott-Welle seitens der Staatschefs in der Region. 

Der Präsident Mexikos, Andrés Manuel López Obrador, hat das Treffen abgesagt, weil er nicht damit einverstanden war, dass Länder wie Nicaragua, Venezuela und Kuba nicht eingeladen werden. Kuba war beim letzten Gipfel in Lima dabei. Weitere Absagen folgten. Gerade aus zentralamerikanischen Ländern, die für die USA in Sachen Migration eine wichtige Rolle spielen. Ein klares Zeichen an die Vereinigten Staaten, die offensichtlich an Einfluss in der Region verlieren und nun versuchen mit aller Kraft ihr Gewicht zurückzugewinnen. 

Das Bemühen war sichtlich da: Präsident Joe Biden hat an allen Tagen des Gipfels teilgenommen, genauso wie Vizepräsidentin Kamala Harris. Auch der Gouverneur von Kalifornien und die Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, waren punktuell dabei. Doch die Anstrengungen kommen zum falschen Zeitpunkt. Nun könnte es zu spät sein, die Einheit in einer polarisierten Region zu retten.

Verlust an Einfluss

DW-Korrespondentin Carolina Chimoy

Carolina Chimoy ist Korrespondentin im Studio Washington

Unter ex-Präsident Donald Trump wurden Lateinamerika und die Karibik stark vernachlässigt. Auch die Migranten aus der Region, die in den USA leben, wurden geradezu beleidigt. In dieser Zeit haben viele Regierungen Lateinamerikas neue Allianzen geschlossen, mit China beispielsweise, aber auch mit Russland und der Türkei.

Dessen Präsident, Recep Tayipp Erdogan, hat im Januar El Salvadors Präsident Nayib Bukele in Ankara empfangen. Dort wurden Verträge zu wirtschaftlicher Kooperation, zum akademischen Austausch und zur Kooperation im technologischen Bereich unterschrieben. Bukele, der nicht am Gipfel teilnahm, verkündete stolz, dass der Handel mit der Türkei um 80% in einem Jahr gewachsen sei.

Auch China ist in Zentral- und Südamerika sehr präsent, und schließt mit vielen Ländern Verträge ab für große Infrastrukturprojekte, wie Häfen in El Salvador und Panama oder ein Stadion in Nicaragua. Russland wiederum pflegt zunehmend wirtschaftliche Beziehungen mit Peru, Venezuela und Brasilien im Militärsektor. 

Die Entwicklung lässt sich an einem Beispiel gut zusammenfassen: während Biden beim Gipfel mit den Staatschefs über Migration diskutierte, kündigte Nicaraguas Präsident Daniel Ortega, an, dass demnächst russische Truppen in seinem Land stationiert sein werden - "für Trainingszwecke", wie er sagt. 

Ist ein Neuanfang möglich?

Die USA könnten in der Region vielleicht noch Freundschaften schließen, aber dafür müsste sich die jetzige US-Regierung nachhaltig für die Region interessieren und nicht nur Lippenbekenntnisse liefern, wie auch bei diesem Gipfel. 

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Migration war das Hauptthema des Gipfels - ein Thema, das gerade in einem Wahljahr insbesondere im Interesse der USA liegt. Die Gespräche über eine verstärkte wirtschaftliche Kooperation oder über Klimapolitik und erneuerbare Energien werden getrieben vom Eigeninteresse der USA: Ziel ist es die Kooperation der Länder zu gewinnen, um die Migrationsströme in die USA zu bremsen - ein rein egoistisches Anliegen der USA. Biden sollte die Länder in der Region besuchen, sich mit den Staatchefs treffen und über gemeinsame Schritte und Abkommen sprechen, die der gesamten Region zugutekommen würden. 

Es ist sicherlich so, dass auch schon in der Vergangenheit die US-Politik gegenüber Lateinamerika von Eigeninteressen getrieben war, aber damals gab es keine alternativen Partner für die Länder in der Region. 

Der Kontinent ist nun geteilter denn je, und die Globalisierung hat es ermöglicht, dass andere Regierungen den Ländern Lateinamerikas und der Karibik die Hand ausstrecken - ohne demokratische Bedingungen zu stellen

Eine Hand, die zunehmend und gerne von vielen Regierungschefs Lateinamerikas und der Karibik geschüttelt wird.

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