Mein Europa: Wie realistisch ist 2025 für den Westbalkan? | Europa | DW | 23.03.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Gastkolumne

Mein Europa: Wie realistisch ist 2025 für den Westbalkan?

Wenn Gesellschaften ein neues Wertesystem übernehmen sollen, ist das keine Frage von Jahren, sondern von Jahrzehnten, meint die Schriftstellerin Anila Wilms. Das gilt auch für den EU-Beitritt der Westbalkan-Staaten.

Der EU-Kommission ist kürzlich ein Coup gelungen: Der Westbalkan, der letzte weiße Fleck auf der europäischen Landkarte, soll in die Europäische Union aufgenommen werden. Nicht irgendwann in der fernen Zukunft, sondern schon bald - ab 2025. Verwundert reiben wir uns die Augen. Ich war mir nie sicher, ob ich das jemals erleben würde. Doch Feierstimmung will irgendwie nicht aufkommen.    

Es lohnt sich, einen genauen Blick auf das Papier zu werfen, das die Kommission dazu veröffentlicht hat. Klar und deutlich ist dort zu erkennen, was man in Brüssel vom Westbalkan hält: Ein Schwerkranker, der direkt vor der EU-Tür liegt - und damit in ihrer Zuständigkeit. Die Aufnahme sei nicht weniger als eine geostrategische Investition in die Sicherheit der Bürger, heißt es dort. Es geht um die Kooperation von Polizei und Justiz zum Zweck der Grenzsicherung und der Rückführung illegaler Migranten, gegen Terror und Radikalisierung in der EU, den Schmuggel von Waffen und Drogen, Geldwäsche. Dazu kommt die Wirtschaft: Die Region sei ein vielversprechender Markt für EU-Waren und Dienstleistungen, im Gegenzug würde sie Wohlstand und "good governance" erhalten.

Es folgt eine schwindelerregend lange To-Do-Liste für die Beitrittskandidaten: Menschenrechte, konstruktiver Dialog in der Politik, Unabhängigkeit der Medien, Minderheitenrechte, Bekämpfung von organisierter Kriminalität und Korruption in den Behörden. Und als übergeordneter Kernpunkt: die Beilegung der nachbarschaftlichen Konflikte.    

Zwei sehr verschiedene Wertesysteme

Man ahnt es: Dieser Punkt ist der Schlüssel, das Grundproblem, an dem der Westbalkan leidet. All seine Krankheiten haben mit der Art zu tun, wie man dort mit Konflikten umgeht. Denn Konflikte werden auf dem Balkan nicht gelöst. Sie werden entschieden. Und wehe dem Verlierer.

Die Balkanvölker sind traditionelle Kriegervölker - ihre Entwicklung kennt keines der historischen Phänomene, die Mitteleuropa in der Neuzeit geformt haben: Reformation, Aufklärung, industrielle Revolution.

Ja, Europa ist entscheidend weiter in Sachen Konsens, Kompromiss, Kooperation. Und selbstverständlich kann und soll die Entwicklung von Gesellschaften nur in diese Richtung gehen.

Wie sind die Aussichten?

Angesichts der grassierenden EU-Müdigkeit sollen die EU-Bürger mit "Fakten und Informationen" von den Vorteilen eines Beitritts der Balkanländer überzeugt werden. Der Beitritt wird uns ohne Zweifel einiges kosten, daher soll die Annäherung "graduell stattfinden, im Vergleich zu den früheren, eher abrupten EU-Erweiterungen". 

Die größeren Opfer haben jedoch die Balkanländer selbst zu bringen. Das Leben dort solle sich dem Alltag der EU annähern, bis hin zu dem, was Kinder in der Schule lernen. Für die EU-Mitglieder in spe gehe es darum, ein neues Wertesystem zu übernehmen. Sie müssen mit einem mächtigen "politischen Willen" ans Werk gehen, "ihre Anstrengungen verdoppeln", dieses "einmalige Zeitfenster" nutzen.  

Die Balkanvölker sollen also nichts weniger, als ihre Seele austauschen. Es ist denkbar, dass diese Vorstellung für die Betroffenen schmerzhaft ist. Davon abgesehen, dass niemand seine Identität einfach so aufgibt: Das Leben auf dem Balkan kann wirklich süß schmecken. Freundschaften sind viel wert, Familienbande ebenso. In diesen Beziehungen gibt es viel Austausch, Aufmerksamkeit und selbstverständliche Hilfe, Anstand, Respekt und Treue; die Menschen sind belesen, reflektiert und musikalisch, haben hohe Ideale und ein großes Herz; sie können aus vollem Herzen lachen und einander glücklich machen.

Und auch die Heldengeschichten sind Teil der kollektiven Identität, auf die man seit jeher mächtig stolz ist. Gleichzeitig erkennen immer mehr - vor allem junge - Menschen, dass etwas mit ihren Seelen nicht stimmt. Die Kultur des nationalistischen Hasses zerreißt die Herzen, und wenn die Hitze verpufft, bleiben gähnende Leere und Wunden zurück. 

So bedeutet jene sprichwörtliche Sehnsucht nach Europa im Grunde genau das: die Sehnsucht nach Frieden, der Wunsch nach Gesundung. Ich glaube, dass für den Westbalkan Hoffnung besteht. 

Ein neues Gehäuse 

Diese Art von Gesundung ist möglich: Ich habe sie in Deutschland erfahren. Außerdem zeigt das Beispiel Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, dass ganze Völker den Umgang mit Konflikten und Aggressionen neu lernen können.  

Wenn es im "ureigenen Interesse der EU" ist, den Westbalkan mitzunehmen, wenn angesichts der Großwetterlage ein Zusammenrücken der europäischen Völker dringend geboten ist, dann braucht die EU ein gänzlich neues Konzept. Ein größeres Gehäuse mit solidem Fundament, mit vielen Stockwerken und differenzierten Räumen, für all die Mitglieder der größeren Familie. Wenn eines Tages die Vision von Europa als einer stabilen, funktionierenden Völkerfamilie wahr werden soll, in die jedes Mitglied seine Stärken einbringt, braucht man Weitsicht, Sensibilität, Können und vor allem einen langen Atem. 2025 mag ein erster Schritt sein. Aber eigentlich ist dies eine Generationenaufgabe.   

Die albanische Schriftstellerin Anila Wilms lebt seit 1994 in Berlin. 2012 erschien ihr erster Roman in deutscher Sprache: "Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens". 

Die Redaktion empfiehlt