Mein Europa: Ist in Corona-Zeiten die Vergangenheit unsere neue Heimat? | Europa | DW | 30.10.2020
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Gastkolumne

Mein Europa: Ist in Corona-Zeiten die Vergangenheit unsere neue Heimat?

Viele reden vom Untergang der Welt, aber ein Untergang hat bereits stattgefunden: der Untergang der Zukunft. Der bulgarische Autor Georgi Gospodinov warnt vor den gefährlichen Folgen einer "Vergangenheitspandemie".

Am 26. Oktober skandierten die versammelten Menschen in Berlin einen Satz, den im Oktober eines anderen Jahrhunderts und in einer anderen Epoche die Ostdeutschen 1989 schon einmal skandiert hatten: "Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!" Es scheint, als ob die Zeit und die Geschichte zurückgedreht worden wären. Ist das etwa ein Zeichen? Wofür? Ist das etwa ein spontanes Referendum über die Vergangenheit? Die Krise ist so unerwartet über uns hergefallen, dass wir keine neuen Erklärungsmuster finden und einfach zu den alten greifen. Und zu den alten Slogans. Dass sie aus einer anderen Zeit und aus einer anderen Situation stammen - ach, was soll's! Ob ein Virus oder der Kommunismus - ist ja egal. Wir sind das Volk und wir entscheiden, ob es ein Virus gibt oder nicht. Ob wir uns an dieses Virus anpassen, oder lieber als freie Menschen weiterleben wollen.     

Ein elementares Virus, sogar ohne DNA, erscheint uns plötzlich wie ein gruseliger und heimtückischer Diktator, der uns die Freiheit raubt. Natürlich unterstützt von den "Eliten". Das Virus hat es wieder geschafft, die Welt in "uns" und "sie" zu teilen - die älteste Teilung der Geschichte. "Sie" haben das Virus erfunden, um uns das letzte Hemd vom Leib zu reißen, um uns zu unterdrücken und uns den Mund zu versiegeln - wortwörtlich, mit der Maske! Deswegen gehen wir auf die Straße und schreien auf, genau wie 1989. Dies ist ja unsere letzte Erinnerung an eine Revolution. Dorthin wollen wir zurück. Und damals gab es auch kein Virus.

Die Gegenwart - ein fremdes Land

Die Vergangenheit wird immer diesen einen Vorteil im Vergleich zur Gegenwart und zu der uns vorenthaltenen Zukunft haben. Da waren wir alle jünger, gesünder und entsprechend glücklicher. Damals gab es kein Virus! Ja, die Vergangenheit ist wohl der einzige Schutzmechanismus in Zeiten der Pest. Das bekannte Bonmot von L. P. Hartley "Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln" gilt nicht mehr. In Zeiten einer schweren Krise gilt genau das Gegenteil. Heute ist die Vergangenheit kein fremdes Land mehr, für uns ist sie heute Heimat. Eine Heimat, in die wir zurückkehren können, um vor der Gegenwart zu fliehen. Die Gegenwart ist zu einem fremden Land geworden.

Mein neuer Roman "Zeitschutzraum" erschien am Anfang der Pandemie. In diesem Roman entwickele ich eine Dystopie über die nahe Zukunft: In einer schweren Krise wollen die Menschen in Europa plötzlich über ihre Vergangenheit in Referenden abstimmen. Bislang entschied jeder Wahlgang nur über die Zukunft. Nun, wo es aber keine Zukunft mehr gibt, wollen die Menschen spontan über ihre Vergangenheit entscheiden, sie wollen eine Vergangenheit wählen. Und in jedem Land wird über das glücklichste Jahrzehnt der Geschichte abgestimmt.

Das Erwachen der Vergangenheit in Polen

Eine vergleichbare Vergangenheitspandemie war am Anfang der Corona-Krise spürbar. Und es ist kein Zufall, dass europäische Politiker wie Emmanuel Macron und Angela Merkel sofort die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wachgerufen haben: Damit wollten sie die Gegenwart erklären. Eine weitere Zeitreise führte uns noch einige Jahrzehnte zurück - ins Jahr 1918, als die Spanische Grippe wütete. Wozu sind solche Zeitreisen gut? Ja, um uns daran zu erinnern, dass es sogar Schlimmeres gab, wir aber trotzdem überlebt haben. Wenn wir uns daran erinnern können, dann haben wir es überwunden und leben weiter.

Massenproteste gegen das Abtreibungsgesetz in Polen

Massenproteste gegen das Abtreibungsgesetz in Polen

Und darin liegt der feine Unterschied. Die Frage lautet: Werden wir die Vergangenheitsüberflutung, die wir heute erleben, als Ermutigung empfinden, um weiterzugehen? Oder werden wir daran verzweifeln, dass es keine Zukunft mehr gibt, dass sich die Geschichte im Kreis dreht und die Vergangenheit unsere einzige Zuflucht ist? Wir wollen das Alte, wir wollen die geschlossenen Grenzen, wir wollen ewig jung sein, wir wollen unsere ehemalige Größe - die Größe der Engländer, die Größe der Deutschen, die Größe der Polen, die Größe der Bulgaren… Apropos Polen: Da erwacht gerade die Vergangenheit. Ja, die Verbote von Schwangerschaftsabbrüchen kennen wir aus der Vergangenheit. Das gab es in Osteuropa, das gab es auch im Westen. Und es ist schrecklich, dazu zurückzukehren. Die Vergangenheit gehört in Bücher, in Filme und Romane, sie ist gut als Vorlage für Analysen. Sie aber in die Gegenwart zu verpflanzen ist ungeheuerlich.

Müssen wir wirklich zurück, um uns zu retten?

Jede Krise ist ein außergewöhnliches Ereignis und als solches stellt sie eine Grundidee in Frage: dass die Zeit linear sei und zum Besseren fließe. Zumindest aus einer utopisch-fortschrittlichen Perspektive. Nur: das stimmt nicht immer, wir sehen es. Müssen wir also wirklich zurück, müssen wir wirklich 1989 oder den Zweiten Weltkrieg oder das Mittelalter nochmals durchspielen, um uns vor der Gegenwart zu retten und neu anzufangen? Als ich an meinem Roman schrieb, habe ich mir mitunter vorgestellt, dass wir den Zweiten Weltkrieg geschichtstreu nachstellen könnten, mit der genauen Anzahl von Panzern und Soldaten. Und dass er dann wieder ausbricht. Denn die Vergangenheit kann manchmal plötzlich erwachen, sich mit Blut vollpumpen und wie trockenes Munitionspulver explodieren. Man kann es auch anders beschreiben, aus der Perspektive eines Fahrers: Die Vergangenheit ist wie ein LKW im Rückspiegel. Sie fährt uns nach und ist immer näher, als wir sie uns vorstellen. Das sollten wir immer im Kopf behalten.  

Georgi Gospodinov (geb. 1968) ist der meistübersetzte zeitgenössische bulgarische Schriftsteller. Seine Romane "Natürlicher Roman" und "Physik der Schwermut", sowie seine Gedichtbände und Theaterstücke sind in 25 Sprachen übersetzt worden. Gospodinov erhielt unter anderem den Mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2019) und den Jan Michalski Literaturpreis (2016). Zurzeit ist er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Alexander Andreev.

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