Mein Europa: Der Balkan - ungewollt oder unwillig? | Europa | DW | 05.07.2019
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Gastkolumne

Mein Europa: Der Balkan - ungewollt oder unwillig?

Wie ernst ist es den Westbalkan-Staaten mit ihrem Wunsch, der EU beizutreten? Das Thema "EU-Integration" wird oft von lokalen Eliten instrumentalisiert, um die eigene Macht zu festigen, meint Ivaylo Ditchev.

Die EU-Erweiterung ist nicht mehr das, was sie mal war. Seit klar wurde, dass die Türkei unter Erdogan nicht willkommen ist und dass eine EU-Integration der Ukraine zu ernsthaften Spannungen mit Russland führen würde, konzentrieren sich die Beitrittsgespräche auf den Westbalkan. Einige Politiker erinnern an die regionalen "bösen Buben" Bulgarien, Griechenland und Rumänien. Populisten sind aus Prinzip gegen eine EU-Mitgliedschaft von mehrheitlich muslimischen Ländern wie Kosovo oder Bosnien-Herzegowina. Andere tendieren dazu, die Balkan-Region einfach zu vergessen. 

Neben der oft diskutierten Erweiterungsmüdigkeit der EU stellt sich auch die Frage: Wie ernst ist es dieser Region mit ihrem Wunsch, der Europäischen Union beizutreten? 

Ein aktuelles Beispiel aus den Beziehungen zwischen Skopje und Sofia: Die bulgarische Regierung präsentiert sich gerne als Anwältin des Westbalkans, doch ein kleiner Zwischenfall hat den nationalistischen Vizepremier Bulgariens dazu gebracht, Nord-Mazedonien mit einem Veto gegen dessen EU-Beitritt zu drohen. Der Grund: Skopje war nicht bereit, anzuerkennen, dass der Revolutionär Gotze Deltchev Bulgare war. Eine gemeinsame Kommission der beiden Länder soll eigentlich solche Streitereien lösen, doch diese spielt auf Zeit und hat nach jahrelanger Arbeit nur das Mittelalter verdaut. Gotze Deltchev wurde als ethnischer Bulgare geboren und starb als Held der im Entstehen begriffenen mazedonischen Nation, aber die Geschichte spielt hier eine kleinere Rolle. 

Bilaterale Streitereien als Stolpersteine auf dem Weg in die EU

Was könnte also zum Stolperstein auf dem Weg der EU-Integration werden? Nicht der Handel, nicht grenzüberschreitende Projekte, nicht Investitionen oder Sicherheitsprobleme, sondern die Frage, wem eine historische Persönlichkeit gehört. Und das, obwohl es bis heute nicht einmal eine Zugverbindung zwischen der bulgarischen und der nord-mazedonischen Hauptstadt gibt, zwischen denen nur 245 Kilometer liegen! 

Während dieses Skandals erinnerten bulgarische Nationalisten an die heroischen Griechen, die angeblich ihre nationalen Interessen geschützt hätten, indem sie Skopje zwangen, den Namen des Landes von "Mazedonien" in "Nord-Mazedonien" zu ändern und auf alle "Ansprüche" auf die Antike zu verzichten. Dieser Konflikt mit Symbolcharakter, der die kleine ehemalige jugoslawische Republik 27 Jahre lang auf ihrem Weg zur internationalen Anerkennung ausbremste, scheint in der Region ein Exempel statuiert zu haben. Der Kompromiss im Namensstreit hat der griechischen Syriza-Partei ihre Mehrheit gekostet. In Zukunft könnte es wieder zu einer symbolischen Radikalisierung dieser Frage kommen, falls eine rechtsgerichtete Regierung in Griechenland das Ruder übernimmt. 

Lokale Eliten instrumentalisieren EU-Integration

Anderswo sind die Probleme noch größer. In Bosnien mischen sich die drei ethnischen Gruppen kaum (Anm .d. Red.: Bosniaken, Kroaten und Serben) und sogar der Geschichtsunterricht an Schulen ist unterschiedlich. Ein anderes Beispiel sind die schwierigen Gespräche zwischen Kosovo und Serbien, die letztes Jahr wieder ins Stocken kamen nach dem Mord an einem serbischen Politiker. 

Symbolbild Westbalkan Flaggen (mit EU) (picture-alliance/Photoshot/Qian Yi)

Im Wartezimmer der EU: Die Westbalkan-Staaten

Bei allem Respekt für kulturelle Eigenheiten stellt sich die Frage, wie sich diese Länder die Europäische Union überhaupt vorstellen. Ursprünglich war die EU ein Projekt der Grenzüberschreitung und der transnationalen Kooperation - zunächst in der Wirtschaft, dann in vielen anderen Bereichen. In der Balkan-Region ist es umgekehrt: Nicht ganz legitime lokale Eliten instrumentalisieren die EU-Integration, um ihre eigene Macht zu festigen. Die Gegnerschaft zwischen diesen Eliten war eine Möglichkeit, das Fehlen von politischen Programmen und unabhängigen politischen Strategien zu kompensieren. In dieser Tradition beginnt EU-Integration auf dem Balkan nicht, indem man Kohle und Stahl zusammenbringt, sondern durch nachahmende "Top-Down-Projekte", die Europa von den Staaten der Region verlangt. Die politische Führung des jeweiligen Balkan-Landes hat kein Interesse daran, auf nationale Grenzen zu verzichten, im Gegenteil: Die meisten Unternehmen der Region sind auf nationale Unterstützung und einen versteckten Protektionismus angewiesen. Im Grunde genommen sind wenige lokale Firmen in der ganzen Balkan-Region aktiv - und Integration durch Coca-Cola scheint ein zumindest fragwürdiges Unterfangen. 

Es ist ein Paradoxon, dass frühere Ostblockstaaten wie Bulgarien und Rumänien schon 2007 der EU beigetreten sind, und die Westbalkan-Staaten - Nachfolgestaaten des blockfreien Jugoslawien - noch nicht. Eine Erklärung könnte sein, dass die rumänischen und bulgarischen Eliten mit weniger Legitimität in den Transformationsprozess gestartet sind und sich anpassen mussten - woran sie schon aus der Zeit des Ostblocks gewöhnt waren. Die Eliten aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens schienen mehr Selbstbewusstsein und internationales Prestige zu haben - doch das führte zu Kriegen. Nicht zu symbolischen, sondern zu realen. 

Den jugoslawischen Geist der Offenheit wiederbeleben 

Das Paradoxon, die EU-Integration zu nutzen, um instabile Nationalstaaten zu festigen, passt zu einem ethnisch fundierten Nationen-Begriff, der in Südosteuropa sehr verbreitet ist. Vertreibungen und Verfolgungen von anderen ethnischen Gruppen, ähnlich wie die "ethnischen Säuberungen", die zu einem Markenzeichen von Slobodan Milosevic wurden, gab es auch in den anderen Staaten der Region, beginnend mit den Befreiungskriegen, als Hunderttausende von Türken aus ihren Häusern in Griechenland und Bulgarien verjagt wurden. Ähnliche Phänomene gibt es auch auf der Seite der vermeintlich Guten: als die Kroaten die Region Krajna mit amerikanischer Hilfe "säuberten". Und auch im Kosovo verlassen ethnische Serben ihre Heimat - unter den unaufmerksamen Augen der EU. 

Erinnern wir uns daran, was nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei und Polen geschah: Millionen von ethnischen Deutschen wurden vertrieben. Nachdem die meisten Juden aus diesen Ländern von den Nazis umgebracht worden waren, begann die Nachkriegsgeschichte für diese beiden osteuropäischen Länder mit einer fast unnatürlichen ethnischen Homogenität. Die heutigen hysterischen Reaktionen gegen Flüchtlinge könnten eine Folge dieses Gefühls der ethnischen "Reinheit" sein. Dahinter steckt die Angst vor dem europäischen Projekt, durch das ethnische Trennlinien verschwinden und man die Diversität der Menschen akzeptiert. 

Die Staaten des Westbalkans riskieren, denselben alten Weg wieder einzuschlagen, da ethnische Zugehörigkeit zu großen Leidenschaften und starken Anführern mit autoritären Tendenzen führt. Damit das nicht passiert, müssten sie den jugoslawischen Geist der Offenheit und der kulturellen Vielfalt wiederbeleben. Oder - warum nicht? - die Nachkriegs-Utopie einer Balkan-Föderation, die schnell von Stalin zerstört wurde. 

Ivaylo Ditchev ist Professor für Kulturanthropologie an der Universität Sofia in Bulgarien. Er hat unter anderem in Deutschland, Frankreich und den USA gelehrt.  

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