Mein Deutschland: Zwei Provokateure und ein Merkel-Portrait | Deutschland | DW | 23.03.2018
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Kolumne

Mein Deutschland: Zwei Provokateure und ein Merkel-Portrait

Zeigt dieses Bild die Kanzlerin? Chinesen erkennen in Haltung und Kostüm vor allem die Kaiserwitwe Cixi. Nun hängt das Porträt im Büro des FDP-Vorsitzenden. Zhang Danhong entschlüsselt das mehrdeutige Kunstwerk.

Das Bild trägt den Titel "Krone", die in diesem Fall aus Menschen besteht. Chinesen kommt diese Menschengruppe sehr vertraut vor: Um drei Landsleute (Arbeiter, Bauer und Soldat) scharen sich Afrikaner, Lateinamerikaner und andere Asiaten, kurzum, Menschen aus aller Herren Länder. Sie dienten oft als Zierde für Portraits des großen Vorsitzenden Mao Zedong und sollten signalisieren: Alle kommen nach China, um Mao zu ehren.

Als begabte Schülerin malte Jiny Lan dieses Propagandamotiv immer wieder für ihre Schule in der nordchinesischen Provinz Liaoning und wunderte sich, Chinas Freunde aus aller Welt im realen Leben nie anzutreffen. Was sich in ihrer alten Heimat als propagandistische Utopie erwies, sei in Deutschland hingegen Wirklichkeit geworden: Menschen aus vielen Teilen der Welt kämen über die deutsche Grenze. Nur eben nicht zur Ehre und als Freunde Deutschlands, sondern als Flüchtlinge. Nun lasteten sie sinnbildlich auf dem Kopf der deutschen Regierungschefin. "Der Druck finanzieller, moralischer und kultureller Art ist enorm", sagt die vor über 20 Jahren nach Deutschland eingewanderte Künstlerin.

„Kaiserinwitwe“ Ci Xi (public domain)

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts lenkte die Kaiserwitwe Cixi die Geschicke Chinas

Würde und Last sind zwei Seiten einer Medaille

Als Kind fand sie bei ihrer Oma, einem Mitglied der letzten kaiserlichen Familie, einmal eine Krone, die die Großmutter vor den Rotgardisten versteckt hatte. "Wie kann eine Frau so ein sperriges Ding tragen wollen?" fragte das Kind. "Es ist eine Würde, diese Krone auf dem Kopf zu tragen", antwortete die Oma. Seitdem weiß Jiny Lan, dass Würde und Last zusammengehören. In die deutsche Gegenwart übersetzt: Die Grenzöffnung für alle Flüchtlinge verlieh Deutschland zwar Würde und Ansehen in vielen Ländern, aber ist eben auch eine enorme Last, die nun zu tragen ist. "Je größer die Last wird, desto unbeweglicher wird man. Aber wenn Du Dich nicht mehr bewegst, fließt der Fluss an Dir vorbei", beschreibt Jiny Lan das Dilemma, in dem Deutschland steckt.

Keiner der beiden Galeristen, welche die Künstlerin Anfang des Jahres um ein Bild baten, wollte das Portrait der Bundeskanzlerin in seinen Bestand aufnehmen. Der eine, ein erklärter Merkel-Fan, fand es unseriös, die Kanzlerin zu porträtieren, ohne sie je persönlich gesehen zu haben. Der andere, ein Merkel-Gegner, findet sie auf dem Bild zu jung und zu schön. Die Bundeskanzlerin polarisiert ganz offenbar - nicht nur das deutsche Volk, sondern auch seine Galeristen.

Dann lernte Jiny Lan bei der Vernissage eines gemeinsamen Freundes den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner kennen. Sie zeigte ihm ihre Arbeiten. Vom Kanzlerinnen-Portrait im Kaiserinnen-Stil sei er geradezu elektrisiert gewesen - er wolle es unbedingt in seinem Büro aufhängen, erinnert Jiny Lan verschmitzt. Sie ist nicht nur glücklich, dass ihr Werk jetzt einen besonderen Platz bekommt, sondern auch, weil sie der Überzeugung ist, Lindner und das Bild einfach zusammenpassten: "Ein junger, attraktiver Politiker sitzt vor einer jungen, schönen Kaiserin. Das ist genau die richtige Atmosphäre für Kunst. Einem Mann wie Martin Schulz würde ich das Bild nicht geben."

Berlin - Christian Lindner und Malerin Jiny Lan (DW/D. Zhang)

Zwei Provokateure haben sich gefunden: Christian Lindner und Jiny Lan

Wollte er sich der "Kaiserin" nicht unterordnen?

Einen Tag, nachdem Angela Merkel zum vierten Mal als Bundeskanzlerin "inthronisiert" wurde, fand dann die Übergabe des Bildes im Berliner Büro des FDP-Vorsitzenden statt. "Es ist faszinierend, das Bild der Bundeskanzlerin im eigenen Büro zu haben, in einer ganz spannenden künstlerischen Darstellung - mit einer Botschaft verbunden und der Assoziation zu einer Kaiserin mit der Befehlsgewalt zum unbedingten Gehorsam", sagt der Politiker, der bei den Verhandlungen über die sogenannte Jamaika-Koalition der Kanzlerin genau diesen Gehorsam verweigert hat. Parallelen zwischen Angela Merkel und Cixi, einer der mächtigsten und umstrittensten Frauen in der Geschichte Chinas, unter deren Regentschaft das Kaiserreich zugrunde gegangen ist, mag er nicht kommentieren: "Das Werk steht für sich. Es lädt zu Gedankenexperimenten ein."

Auch zu einem anderen Experiment lädt das Bild ein: es einfach auf den Kopf zu stellen. Denn die Künstlerin hat ihr Werk in Form einer Sanduhr angelegt. Ob Lindner das Kanzlerinnen-Portrait in der Mitte der Legislaturperiode umdreht? "Vielleicht schon vorher", lacht der FDP-Politiker. Das klingt fast, als sehne er einen frühzeitigen Abgang der Kanzlerin herbei. Um diesen Eindruck zu korrigieren, fügt er schnell hinzu: "Das Werk ist eine Art Stimmungsindikator. Vielleicht wird man zukünftig meine Stimmung daran feststellen können, wie herum das Bild hängt."

Berlin - Christian Lindner und Malerin Jiny Lan (DW/D. Zhang)

So herum gefällt Christian Lindner das Kunstwerk anscheinend besser

Und wenn er der Kanzlerin eines Tages überdrüssig wird, soll das Bild versteigert werden. Der Großteil des Erlöses gehe dann als Spende an die Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes, sagt Jiny Lan.

Bleibt noch die Frage, warum sie Angela Merkel jünger und schöner gemacht hat? "Ich wollte mich in einen Hofmaler hineinversetzen: Wie er voller Ehrfurcht darum bemüht war, den Kaiser ein wenig idealisierend darzustellen. Denn sonst konnte der Maler schnell einen Kopf kürzer werden."

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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