Mein Deutschland: Jesus sei Dank! | Deutschland | DW | 07.06.2018
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Kolumne: Mein Deutschland

Mein Deutschland: Jesus sei Dank!

Mit Fronleichnam endet die Serie der christlichen Feiertage im Frühjahr. Zhang Danhong glaubt nicht an Gott, fühlt sich aber mit dessen irdischem Sohn sehr verbunden, dem wir etliche Brückentage zu verdanken haben.

Wie sähe der kalendarische Frühling ohne die um den Tod von Jesus gestrickten Feiertage aus? Düster. Vor allem für Menschen wie mich, bei denen infolge eines besonders aktiven Schlafhormons Melatonin und eines besonders niedrigen Blutdrucks die Frühjahrsmüdigkeit voll zuschlägt, wären die Arbeitswochen der immer längeren Tage ohne Aussicht auf eine kleine Unterbrechung zwischendurch ein Grauen.

Aber Gott sei Dank leben wir in einem christlich geprägten Land. Wer auch immer die Feier- oder Trauertage um Jesus' Tod und Wiederauferstehung festgelegt hat, er war den Arbeitnehmern wohl gesonnen. Denn statt fester Daten fallen diese auf feste Wochentage, wie Karfreitag, Ostermontag oder Pfingstmontag. Christi Himmelfahrt und Fronleichnam fallen immer auf einen Donnerstag. Mit anderen Worten: Sie können niemals arbeitgeberfreundlich sein und uns dadurch weggenommen werden.

Diese Errungenschaft hat in meinem ersten Jahr in Deutschland alle Kulturschocks wettgemacht. Und das Wort "Brückentag" ist seitdem für mich eines der Wörter mit der höchsten positiven Konnotation in der deutschen Sprache. Gewissenhaft wie ich bin, habe ich im deutsch-chinesischen Wörterbuch sofort nachgeschlagen, wem ich diesen freien Tag zu verdanken habe und siehe da, Jesus, Jesus und nochmals Jesus. Das Schöne an der chinesischen Übersetzung ist, dass man sofort weiß, worum es geht. So bedeutet 耶稣受难日(Karfreitag) "Tag des Leidens von Jesus". Da er zugegeben hatte, Gottes Sohn zu sein, wurde er gekreuzigt. Da war mein erster Gedanke: Noch nie was von einer Notlüge gehört, lieber Jesus? Aber vielleicht war das ja auch Gottes Plan. Außerdem hätten wir die ganzen Feiertage danach nicht mehr.

Jammer (picture-alliance/Heritage Images/Fine Art Images)

Was für ein Jammer!

Wer Chinesisch kann, hat einen Vorteil

复活节 (Ostern)ist das Fest des Wieder-Lebendig-Werdens. Sucht man nach der Bedeutung der einzelnen Tage, so steht 复活节星期一 (Ostermontag) für den "Tag nach dem Wieder-Lebendig-Werden". So weiß sofort jeder Chinese, der in der Regel mit dem Christentum nichts am Hut hat, dass Jesus am Sonntag auferstanden ist. Es folgen 耶稣升天节 (Christi Himmelfahrt), das "Fest des Aufstiegs in den Himmel von Jesus"; 圣灵降临节 (Pfingsten), das "Fest der Ankunft des Heiligen Geistes" und 基督圣体节 (Fronleichnam), das "Fest des heiligen Leibes Christi". 

Zhang Danhong (V.Glasow/V.Vahlefeld)

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Auch das Wort "Weihnachten" (vom Mittelhochdeutsch "wihen nahten", "heilige Nächte", abgeleitet) ist für Nichtchristen ein Rätsel, während die chinesische Übersetzung 圣诞节 kurz und knapp besagt, dass es sich dabei um das "Fest der heiligen Geburt" handelt. Sollten Sie sich also im christlichen Glauben nicht mehr sattelfest fühlen und nicht mehr exakt wissen, was es mit Pfingsten oder Fronleichnam auf sich hat, fragen Sie einfach den nächsten Chinesen, dem Sie begegnen.

Feiertagstechnisch blicken meine atheistisch erzogenen Landsleute neidisch auf Deutschland. Konfuzius war ein ähnlich anständiger Mensch wie Jesus, hat teilweise dieselben Weisheiten hinterlassen wie zum Beispiel "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg' auch keinem andern zu" (己所不欲勿施于人). Jedoch haben es die Chinesen bei einer Lebensphilosophie belassen und keine Religion daraus gemacht. Das hat den Nachteil, dass weder der Geburtstag noch der Todestag von Konfuzius zu einem Feiertag gemacht wurde.

Drachenboote hatten eine Mission

Überhaupt hat von den chinesischen Feiertagen nur ein einziger einen Bezug zu einer Person: Das Drachenbootfest, das am 5. Mai nach dem Mondkalender gefeiert wird. An diesem Tag beging vor knapp 2.300 Jahren der Dichter und Politiker Qu Yuan (屈原) im Fluss Miluo Selbstmord, weil der König Intriganten aufsaß und ihn ins Exil schickte. Die Dorfbewohner am Fluss Miluo suchten mit Drachenbooten nach dem Dichter und warfen Zongzi (粽子), in Bambusblätter eingewickelte Klöße aus Klebereis, ins Wasser, um den Leichnam von Qu Yuan vor den Fischen zu schützen. Auch heute werden an diesem Tag Zongzi mit allerlei leckeren Füllungen gegessen und Drachenbootrennen veranstaltet. Auch wenn die Chinesen den 5. Mai stimmungsvoll und kulinarisch aufwändig verbringen, wirkt ein einziges personenbezogenes Fest erbärmlich gegenüber den bis zu zehn christlichen Feiertagen in Deutschland. Das hat man davon, wenn man sich lieber an Karl Marx orientiert und die Religion als Opium für das Volk ablehnt.

China - Illustration: Qu Yuan (339 BCE – 278 BCE) (picture-alliance/CPA Media Co. Ltd)

Dichter Qu Yuan, der sich vor Sorge um sein Land ins Wasser warf

Da auch der Islam in Deutschland immer größere Verbreitung findet und sich der ehemalige Innenminister Thomas de Maizière gut vorstellen konnte, auch einen islamischen Feiertag einzuführen, plädiere ich schon jetzt dafür, aus Gleichheitsprinzip alle Feiertage des Islam gesetzlich zu verankern. Dann hätten wir nicht nur durch die Nachtreise des Propheten und das Fest des Fastenbrechens womöglich noch mehr Brückentage, um kurze Erholungs- oder Bildungsreisen anzutreten, sondern auch noch durch den Aschura-Tag und den Geburtstag des Propheten probate Mittel, um uns von der Herbstmüdigkeit oder der saisonalen Depression zu erholen.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 25 Jahren in Deutschland.

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