Mehr Förderklassen für Einwandererkinder benötigt | Bildung | DW | 13.01.2014
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Bildung

Mehr Förderklassen für Einwandererkinder benötigt

Seit diesem Jahr gilt für Bulgaren und Rumänen die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Damit dürfen sie in Deutschland arbeiten. Schulen stellt das vor Probleme, denn die Kinder der Einwanderer sprechen oft kein Deutsch.

Schon auf dem Schulhof fällt auf: Viele Kinder der Gesamtschule in Gelsenkirchen-Ückendorf haben einen Migrationshintergrund. Über 90 Prozent der Schüler stammen aus Familien verschiedenster Nationalitäten. Der Stadtteil Ückendorf gilt als sozial schwach. Seit einigen Wochen werden an der Gesamtschule auch bulgarische und rumänische Kinder unterrichtet, die oft kein Wort Deutsch verstehen. Ihre Eltern sind zum Arbeiten hierher gekommen, denn Bulgarien und Rumänien gehören zur Europäischen Union, und im Zuge der Mitgliedschaft gilt seit Anfang des Jahres die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für sie. Das bedeutet, Zuwanderer aus diesen Ländern dürfen im gesamten Raum der Union leben und arbeiten.

Angst vor Armutszuwanderern

Während Wirtschaftsverbände hoffen, mit qualifizierten osteuropäischen Zuwanderern den Fachkräftemangel in Deutschland gerade im Pflegebereich zu verringern, befürchten viele Politiker eine Belastung der Sozialsysteme. Die Angst vor Armutszuwanderern, die Sozialhilfegelder in Anspruch nehmen ohne zu arbeiten, ist groß. Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Guntram Schneider sieht die Gefahr, dass sich weniger qualifizierte Einwanderer vor allem in strukturschwachen Stadtteilen der Ballungszentren niederlassen werden, was eine Integration erschwere. Besonders betroffen ist das Ruhrgebiet, und so fürchtet man auch in Gelsenkirchen mit den neuen Arbeitnehmern einen weiteren Ansturm von Schülern aus Osteuropa, die kein Deutsch sprechen.

Integration durch Förderklassen

Eine Straße im Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf (Foto: DW/Sebastian Auer)

Der Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf weist einen hohen Migrantenanteil auf

An der Gesamtschule in Ückendorf hat man bereits auf die neuen Schüler aus Bulgarien und Rumänien reagiert: Es gibt internationale Förderklassen. Hier sollen die Kinder schnell Deutsch lernen, um schon bald dem normalen Unterricht zu folgen. Zwei Lehrer wurden dafür neu eingestellt. Das Geld für das zusätzliche Personal können Schulen beim nordrhein-westfälischen Schulministerium beantragen. Maximal 15 Schüler sollten in den Förderklassen zusammen sein, doch in Gelsenkirchen sind es bereits jetzt über 20 Kinder pro Klasse.

"Das Geld aus dem Ministerium reicht nicht, um genug spezielle Lehrer für diese Klassen einzustellen", beklagt der stellvertretende Schulleiter Achim Elvert. "Deswegen können unsere Schüler auch nur vormittags in diesen Klassen betreut werden. Nachmittags sitzen sie dann im normalen Unterricht, verstehen aber kaum etwas." Weil das qualifizierte Personal nicht ausreicht, unterrichten auch Lehrer aus anderen Fachbereichen in den Förderklassen. Unter anderem Nermin Buyrut: "Die Kinder haben es schon schwer genug. Sie haben keine Freunde und leben in einer fremden Umgebung. Ich möchte ihnen helfen, sich schneller einzuleben", sagt Buyrut zu ihrem zusätzlichen Engagement.

Umstellung auch für Lehrer

Der Förderunterricht stelle die Lehrer vor große Herausforderungen, sagt der stellvertretende Schulleiter Elvert: "Am Anfang gibt es keine gemeinsame Sprache. Unsere Lehrer können kein Bulgarisch oder Rumänisch." Mit Händen und Füßen geht es also durch die ersten Unterrichtsstunden, bis zumindest Grundkenntnisse im Deutschen vorhanden sind. Die Situation könnte sich noch verschärfen, wenn in den nächsten Wochen weitere Bulgaren und Rumänen kommen, zumal schon jetzt auch syrische Flüchtlingskinder in den Klassen sitzen, die ebenfalls Deutsch lernen müssen.

Zuwanderer auf mehr Schulen verteilen

Achim Elvert, stellvertretender Schulleiter der Gesamtschule Gelsenkirchen Ückendorf (Foto: DW/Sebastian Auer)

Achim Elvert sieht im Förderunterricht eine große Herausforderung für die Lehrer

Achim Elvert findet es ungeheuerlich, dass jetzt vermehrt Kinder aus Bulgarien und Rumänien ausgerechnet an die Schulen kommen, an denen schon ein extrem hoher Migrationsanteil besteht. "Es kann nicht die Lösung sein, dass wenige Schulen diese ganze Last tragen sollen. Meist sind es ja Haupt- und Gesamtschulen, auf denen sowieso schon viele Schüler mit Deutschschwierigkeiten sind."

Lehrerkollege Fritz Bender bestätigt das Problem: "Wenn die Kinder auf Schüler treffen, die selbst Schwierigkeiten mit dem Deutschen haben, weil es nicht ihre Muttersprache ist, dann wird es um so schwerer, diese Kinder gezielt zu fördern." Seitens der Politik wünscht sich Achim Elvert, dass die Schüler aus Osteuropa gerechter verteilt würden. Schulen in Stadtteilen mit weniger sozialen Problemen sollten ebenfalls Schüler aufnehmen, auch wenn einige Kinder dann einen weiteren Weg zur Schule hätten. Das würde den Lernerfolg verbessern und käme allen Schülern zu Gute.

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