Mazedonien als Marke | Europa | DW | 26.09.2019
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Wirtschaft

Mazedonien als Marke

Die geschützte Herkunftsbezeichnung "Mazedonien" bringt neue Konflikte zwischen Athen und Skopje. Wirtschaftsvertreter beider Länder müssen sich nun in Pragmatismus üben.

Reportage zum Konflikt um die geographische Kennzeichnung Mazedonien (DW/F. Schmitz)

Halva oder Alva - Wer hat das Anrecht auf das Süßspeisen-Original?

Um den Kapani-Markt im Zentrum von Thessaloniki hat sich die Gourmetszene der Stadt angesiedelt. Hier bekommt man all die Produkte, auf die man in Griechenland stolz ist: Käse, Wein, Kräuter und den berühmten Halvas, eine Masse aus Ölsamen, Zucker und Honig. Ursprünglich kommt die Süßspeise aus dem Mittleren Osten. Von dort hat sich das Rezept über die Jahrhunderte immer weiter verbreitet, bis ins heutige Griechenland und den Balkan.

Nördlich der Grenze, im Nachbarland Nordmazedonien, heißt das Zuckerprodukt Alva und zählt auch dort zu den kulinarischen Traditionen. Viele Menschen in Griechenland sehen dies als Konkurrenz. Dabei geht es nicht um gesunden Wettbewerb, sondern nicht selten auch um das kulturelle Vorrecht. Der 30 Jahre währende Namensstreit, der 2018 durch das Prespa-Abkommen beigelegt wurde, hat tiefe Gräben zwischen den beiden Völkern geschaffen. "Sie haben kein Recht den Namen Mazedonien für ihre Produkte zu verwenden" , klagt eine Händlerin in Thessaloniki. Für sie bleiben mazedonische Produkte griechisch, auch wenn sie im Falle von Halvas keine Probleme sieht. Mazedonier kämen nach Griechenland, um die Zuckerspeise hier zu kaufen. "Die haben doch gar nicht das Wissen, Halvas herzustellen."

Wenig Vertrauen in Politik

Im kaum 240 Kilometer entfernten Skopje, der Hauptstadt Nordmazedoniens, kann man darüber nur lachen. Natürlich produziere man auch hier Alva, erklärt eine junge Frau, auch wenn die griechische Variante mitunter besser sei, wie sie lächelnd gesteht. Und Hauptsorgenkind beim Thema Herkunftsbezeichnung ist ohnehin ein anderes Produkt, das für beide Länder ein wichtiges Exportgut darstellt: Der Wein.

"Mazedonischer Wein kommt aus Mazedonien, nicht aus Griechenland," echauffiert sich eine Verkäuferin im Zentrum von Skopje. Die Namensänderung ihres Landes nach dem Prespa-Abkommen hält sie für ein Verbrechen: "Nordmazedonien existiert nicht. Das ist uns auferzwungen worden." Längst nicht alle Mazedonier denken so radikal wie sie. Doch auch über ein Jahr nach Unterzeichnung des Abkommens haben sich die Menschen auf beiden Seiten der Grenze noch längst nicht mit der neuen Situation abgefunden. Der Grund: Das tiefe Misstrauen in die Politik.

Nachdem sich der ehemalige griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras nicht zuletzt auch aufgrund der Mazedonienfrage bei den vorgezogenen Neuwahlen im Juli haushoch geschlagen geben musste, verliert auch der mazedonische Regierungschef Zoran Zaev deutlich an Rückhalt. Er hatte die Mazedonier mit EU-Pässen gelockt und so für das Prespa-Abkommen geworben. Bis zum Beitritt in den Brüsseler Club ist es aber noch ein langer Weg. 

Reportage zum Konflikt um die geographische Kennzeichnung Mazedonien (DW/F. Schmitz)

Stammen Produkte mit der Herkunftszeichnung Mazedonien aus Griechenland oder aus Nordmazedonien?

Gleichzeitig wird Nordmazedonien derzeit von einem heftigen Erpressungsskandal erschüttert. Die mazedonische Staatsanwältin Katica Janeva, die im Auftrag der amtierenden Regierung gezielt gegen organisiertes Verbrechen vorgehen sollte, sitzt diesbezüglich in Untersuchungshaft. Dabei hatte Zaev versprochen, endlich die Korruption zu bekämpfen. Auch deswegen bezweifeln viele Mazedonier im immer noch laufenden Umsetzungsprozess des Prespa-Abkommens, ob sie auf das richtige Pferd gesetzt haben.

Politische Ideologie versus Geschäftspragmatik

Derweil hat die neue Regierung in Athen den Ton gegenüber dem Nachbarland verschärft. Der amtierende Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis hatte auf einer Rede im Rahmen der Internationalen Handelsmesse in Thessaloniki Anfang September das Problem der Herkunftsbezeichnung mazedonischer Produkte angesprochen und diesbezüglich die nordgriechische Region als "das wahre Mazedonien" bezeichnet. Beim ersten Treffen mit seinem Amtskollegen aus Skopje am Rande der UN-Versammlung in New York machte er deutlich: "Ich hätte das Prespa-Abkommen nicht unterzeichnet, aber ich werde es akzeptieren."

Viel Spielraum hat er ohnehin nicht. Das Prespa-Abkommen ist ratifiziert und verpflichtet beide Länder zur Einhaltung. Jetzt geht es um die Gestaltung der Umsetzungsprozesse, auch was eine Lösung der Herkunftsbezeichnung angeht. "Die Politiker haben ihre Arbeit getan", sagt Gjorgij Filipov aus Skopje. Er ist der stellvertretende Vorsitzende einer Expertenkommission mit Vertretern beider Länder, sowie des Amtes der Europäischen Union für geistiges Eigentum. Sie sollen die zuständigen Handelskammern bei der Lösungsfindung der Kennzeichnungsfrage beraten.

Es gehe um Privat- und nicht um Staatseigentum, daher fänden die Verhandlungen nicht mehr auf politischer Ebene statt: "Wir haben beide Seiten dazu aufgefordert, innerhalb der nächsten drei Jahre zu einer Übereinkunft zu kommen". Die Aufgabe aber werde nicht in eine einzige Lösung münden. Es gehe um diverse Aspekte, wie geografische Angaben auf Produkten, Handelsnamen, eingetragene Marken und Markennamen.

Reportage zum Konflikt um die geographische Kennzeichnung Mazedonien (DW/F. Schmitz)

Das Hauptsorgenkind im Marken-Konkurrenzkampf - Der mazedonische Wein

Wichtig sei, die ideologischen Hürden der Politik nun zu überwinden. Auch in anderen Teilen der Welt hätte man ähnliche Probleme zufriedenstellend gelöst. "Geschäftsleute sind Teil der realen Welt und vielleicht weiser als Politiker. Sie werden eine Lösung finden."

Wettbewerb nach Prespa

Damit mag er recht haben. Auch jetzt floriert der Handel zwischen den beiden Ländern. Und viele Hindernisse sind auch in punkto Wein bereits beseitigt. "Nach dem Prespa-Abkommen und der Namensänderung in Nordmazedonien haben alle Weinproduzenten ihre Etiketten geändert", erklärt Elena Mladenovska Jelenkovic, Geschäftsführerin des Verbundes 'Weine aus Mazedonien'. "Jede Weinflasche, die nach der Änderung etikettiert wurde, trägt auch den neuen Landesnamen. Man kann das nicht verwechseln". Nach den getroffenen Vereinbarungen dürften beide Länder die Bezeichnungen 'Mazedonien' und 'mazedonisch' verwenden, solange das Herkunftsland eindeutig gekennzeichnet sei.

Auch auf griechischer Seite sind nicht alle Weinproduzenten um ihren Ruf im Ausland besorgt. Bisher gebe es keine Probleme auf dem Markt für griechische Weine, sagt Fani Argyropoulou vom Weingut Pieria Eratini. Zwar könne es im Ausland eventuell zu Verwirrungen führen, doch sie glaubt an den Markt: "Wettbewerb soll Produkte besser machen. Und in Griechenland konkurrieren wir nun mal mit anderen Weinanbaugebieten. Deshalb glaube ich, dass jeder Produzent auf seine Weise einzigartig werden sollte". Nur so könne man sich wirklich vor den schwierigen und verwirrenden Umständen schützen. 

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