Max Privorozki: ″Mehr tun gegen Antisemitismus″ | Deutschland | DW | 02.11.2019
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Hass in der Gesellschaft

Max Privorozki: "Mehr tun gegen Antisemitismus"

Max Privorozki ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle. Am 9. Oktober hatte ein Rechtsextremist dort versucht, einen Anschlag zu verüben. Privorozki sieht mehrere Gründe für den zunehmenden Antisemitismus.

Deutsche Welle: Es heißt, wenn sich die emotionalen Wogen glätten, sieht man die Dinge klarer. Wie sehen Sie den Anschlag auf Ihre Synagoge heute?

Max Privorozki: Die emotionalen Wogen dauen noch an. Viele Gäste und Pressevertreter kommen zu uns. Das einzig Positive in diesem tragischen Ereignis sind die Reaktionen einfacher Menschen. Mir sind beim Lesen von E-Mails oft Tränen gekommen. Innerhalb von zwei Tagen bekamen wir 900 Mails, in denen Solidarität bekundet wurde. Das war eine Unterstützung, die von Herzen kam - von Christen, Muslimen, Ungläubigen.

Fühlen Sie sich jetzt sicher?

Jetzt werden alle jüdischen Einrichtungen rund um die Uhr sehr gut bewacht. Anfangs kam es sogar vor, dass mich Polizisten nicht in die Synagoge ließen, weil nicht alle mich vom Sehen her kannten. Am meisten fürchte ich eine Art Kampagne wie einst in der Sowjetunion, als man Mais anpflanzen oder Alkoholismus bekämpfen wollte.

Was meinen Sie damit?

Eine Kampagne, wenn sie so weitergeht wie jetzt, kann negative Stimmungen hervorrufen. Jetzt haben wir eine sehr hohe Sicherheitsstufe. Ich denke, dass Schutz während Gottesdiensten und Veranstaltungen notwendig ist, aber ich weiß nicht, ob dies auch nachts sein muss. Das kann zu einer negativen Reaktion führen. Ich habe bereits in Kommentaren gelesen, dass Synagogen und Moscheen bewacht würden, Kirchen jedoch nicht.

Vor kurzem wurde eine Studie veröffentlicht, wonach jeder vierte Deutsche antisemitisch denkt. Spüren Sie das?

Der Antisemitismus nimmt wirklich stark zu. Aus meiner Sicht sind die Gründe verschieden. Einer der wichtigsten ist die falsche Politik bestimmter Machtkreise, die damit aufzeigen, die Haltung gegenüber Israel und den Juden könne beliebig sein. Einerseits heißt es, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson, und andererseits werden antiisraelische Resolutionen in den Vereinten Nationen unterstützt, die das israelische Vorgehen in den palästinensischen Gebieten kritisieren. Deutschland hat solche unterstützt oder sich der Stimme enthalten.

Das heißt, Sie kritisieren die Regierung in Berlin...

Ja, insbesondere das Auswärtige Amt. All dies macht einen deprimierenden Eindruck auf mich. Unabhängig vom Terroranschlag oder dem Zwischenfall, wo ich vor der Synagoge stand und als "Kindermörder" beschimpft wurde. In der Sowjetunion war ich daran gewöhnt, dass der Antisemitismus im Alltag ständig präsent war - man konnte beleidigt und schief angeschaut werden. So etwas gibt es in vielen Ländern. Aber das Hauptproblem ist aus meiner Sicht eine falsche Politik gegenüber Israel, die Antisemitismus provozieren kann.

(Reuters/F. Bensch)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsident Reiner Haseloff vor der Synagoge in Halle

Was gibt es für Gründe für Antisemitismus in Deutschland?

Einer ist zweifellos die Tatsache, dass viele Menschen zu uns aus Ländern gekommen sind, in denen Antisemitismus eine Doktrin der Staatspolitik ist, wie in Syrien und arabischen Ländern. Ich kritisiere nicht die Tatsache, dass die Menschen aus verständlichen Gründen nach Deutschland gekommen sind. Aber Aufgabe des Landes, das sie hineingelassen hat, ist, dafür zu sorgen, dass die negativen Auswirkungen minimiert werden. Dafür wird nicht genug getan.

Mit welchen Formen von Antisemitismus wurden Sie persönlich vor dem Anschlag konfrontiert?

Ich habe in Halle eine antisemitische Demonstration von Arabern in der Nähe der Synagoge gesehen. Außerdem habe ich eine antiamerikanische Demonstration auf dem zentralen Platz der Stadt gesehen, auf der ein Mann eine Rede hielt, der Geld für die Hamas sammelt. Antiamerikanismus und Antisemitismus sind häufig bei ein und denselben Menschen anzutreffen.

Sind Sie bereits mit Antisemitismus von Ultrarechten konfrontiert worden?

Auf jeden Fall. In Halle kommt regelmäßig montags eine kleine, aber sehr aggressive Gruppe von 20 bis 30 Personen zu einer Demonstration zusammen. Das sind Ultrarechte, die keinen Hehl aus ihren Theorien von einer weltweiten Verschwörung machen, insbesondere einer jüdischen. Ich habe mir einige ihrer Reden angehört. Eine ihrer Theorien ist, dass es angeblich eine Art Kapital gibt, das die Welt regiert. Klar ist, welches gemeint ist. Demnach stehe die amerikanische Regierung unter dem Einfluss dieses Kapitals, die schwachen Politiker der westlichen Länder würden die ukrainischen Faschisten unterstützen und daher sei Russland die einzige Kraft, die alle retten könne.

Unterschätzen die deutschen Behörden den Antisemitismus unter Ultrarechten?

Ja. Die Behörden unterschätzen die Gefahr, die von radikalen Kreisen ausgeht, sowohl rechten als auch linken.

Was ist die wichtigste Lehre aus dem Terroranschlag von Halle für Deutschland?

Deutschland hat jahrelang an etwas gespart, woran man nicht sparen darf, und zwar an Bildung. Eine der wichtigsten Lehren besteht darin, herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, dass ein 27-Jähriger zu einem Monster wird. Wichtig ist, dies zu verstehen und Schlüsse daraus zu ziehen.

Max Privorozki stammt aus Kiew und ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle. Er war Augenzeuge des Anschlags auf seine Synagoge. Ein junger rechtsextremer Deutscher hatte am 9. Oktober versucht, während des jüdischen Feiertags Jom Kippur ein Massaker in der Synagoge anzurichten. Dabei tötete er zwei zufällige Personen.

Das Gespräch führte Roman Goncharenko

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