Marie Juchacz: Ein Leben im Zeichen der Gerechtigkeit | Kultur | DW | 19.01.2019
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Frauen im Parlament

Marie Juchacz: Ein Leben im Zeichen der Gerechtigkeit

Sie war geschieden, alleinerziehend, politisch. Marie Juchacz setzte sich Zeit ihres Lebens für Frauen- und Kinderrechte ein. Mehr noch: Vor genau 100 Jahren stand sie als erste Frau am Rednerpult im deutschen Parlament.

Es ist der 19. Februar 1919: Einen Monat zuvor hat sich die neue Nationalversammlung konstituiert. Zum ersten Mal sind 37 weibliche Abgeordnete ins Parlament eingezogen. Marie Juchacz ist eine von ihnen. Sie ist auch die erste Frau in der deutschen Geschichte, die im Plenum das Wort ergreift. "Meine Herren und Damen", beginnt sie. Das Protokoll verzeichnet eine heitere Stimmung unter den meist männlichen Abgeordneten im Plenarsaal. Doch Marie Juchacz wirft das nicht aus der Bahn: "Die Frau ist vollberechtigte Staatsbürgerin. Überlegen Sie, was das heißt. Es gibt viel mehr Frauen im wahlfähigen Alter als Männer. Durch die Abgabe seiner Stimme am Wahltag, kann jeder Staatsbürger politisch mitwirken. Die Tatsache des Frauenwahlrechts sollte jeden Freund der Sozialdemokratie zwingen, um die Frauenstimmen zu werben. (…) Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit. Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist."

"Wesentliche Beteiligung am Aufbau des Sozialstaates"

Schwarz-weiß-Porträt von Hedwig Richter. ( Hamburger Institut für Sozialforschung/B. Dretzke)

Hedwig Richter vom Hamburger Institut für Sozialforschung

Gleichberechtigung ist eins der Ziele, denen sich Marie Juchacz verschrieben hat. Als Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht trägt sie maßgeblich dazu bei, dass dieses wenige Monate vor ihrer historischen Rede im Parlament eingeführt wird. Als Abgeordnete liegt ihr insbesondere die Sozialpolitik am Herzen - von der Arbeitslosenfürsorge über den Mutterschutz bis hin zum Wohnungsbau. Themen wie diesen widmet sie ihr ganzes Leben. Es sind Themen, die bis dato vernachlässigt wurden.

"Die Idee von der Demokratie als Wohlfahrtsstaat war eine große Bewegung, an der beide Geschlechter beteiligt waren, doch Frauen haben ganz wesentlich daran gearbeitet", sagt Hedwig Richter vom Hamburger Institut für Sozialforschung. "Dieses Klischee von einem zweigeschlechtlichen Modell - Frauen sind für soziale Fragen und Männer für die harte Politik, Außenpolitik und Krieg zuständig - erscheint aus heutiger Sicht etwas verwirrend. Aber die Frage, ob wir dieses Modell gut oder schlecht finden, ist in diesem Fall nicht relevant. Die weiblichen Abgeordneten damals haben sich schlicht sehr stark für diese Themen verantwortlich gefühlt. Der Aufbau des Sozialstaates, an dem sie wesentlich beteiligt waren, gehört zu den großen Errungenschaften der Weimarer Republik."

Die Anfänge

Marie Juchacz mit drei Männern im Anzug bei der Sportpalast-Kundgebung der SPD 1932. (picture-alliance/Imagno/Schostal Archiv)

Marie Juchacz (links) spielte eine bedeutende Rolle in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung

Die Tageszeitung ist ihre Kinderlektüre. Marie Juchacz, damals noch Gohlke, ist also schon sehr früh über die politischen Geschehnisse in der Welt informiert. Sie wird im Jahr 1879 im ländlichen Landsberg an der Warthe (heutiges Polen) geboren. Vor allem ihr Bruder spielt in den ersten Jahren ihres Lebens eine zentrale Rolle - er gibt ihr Bücher und begeistert sie für die Sozialdemokratie. In der Schule ist sie ein neugieriges und diszipliniertes Kind. Bis zu ihrem 14. Geburtstag besucht sie die Volksschule - eine weiterführende Schule gibt es nicht. Anschließend arbeitet sie als Dienstmädchen, Fabrikarbeiterin und Näherin.

Als junge Frau lernt sie den Schneidermeister Juchacz kennen und heiratet ihn 1903. Es ist das Jahr, in dem die Reichstagswahlen stattfinden. Marie darf nicht wählen, aber sie ist entschlossen, dies zu ändern - was ihr und all den anderen Frauen einige Jahre später auch gelingen soll.

Das erste Kind kommt noch im selben Jahr zur Welt, das zweite zwei Jahre später. Doch Marie ist unglücklich in ihrer Ehe. Sie zieht 1906 nach Berlin. Kurz darauf tritt sie in die SPD ein. 1917 wird sie zur Frauensekretärin im Parteivorstand ernannt. Themen wie Mutterschutz, Wohnungsbau und Jugendpflege werden zentraler Teil ihrer Arbeit.

Obwohl die Sozialdemokraten als erste für das Frauenwahlrecht eintreten, haben es die weiblichen Parteimitglieder nicht leicht, ihre Forderungen tatsächlich durchzusetzen: "Die Sozialdemokratie hatte eine ganz eigene Misogynie, eine Skepsis gegenüber Frauen. Das kennt man auch aus anderen Ländern, wie etwa aus den USA, dass die Arbeiterbewegung von ihren Ursprüngen her eine sehr männliche Bewegung war. Sie war skeptisch gegenüber Frauen, die auf den Arbeitsmarkt drängten, was zum Teil daher rührte, dass Frauen für einen wesentlich niedrigeren Lohn gearbeitet haben", erklärt Hedwig Richter.

Die parlamentarische Arbeit: pragmatisch und lösungsorientiert

Im Januar 1919 wird Marie Juchacz in die Verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt. Damit ist sie als Abgeordnete maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung wichtiger sozialpolitischer Gesetze beteiligt. Ein zentrales Anliegen für sie ist das absolute Gleichheitsgebot für Männer und Frauen. Vehement wendet sie sich gegen die Einführung des Wortes "grundsätzlich" in den Passus "Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte".

Im selben Jahr gründet sie die Arbeiterwohlfahrt (AWO) mit dem Ziel, die staatliche Fürsorge grundlegend zu verbessern. Die AWO gehört heute noch zu den sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Die derzeit rund 145.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen Senioren und Menschen mit Behinderung, betreiben unter anderem Kindergärten, Ganztagsschulen und Beratungsstellen für Menschen in Notlagen. 

In jener Zeit, Anfang 1919, ist Marie Juchacz sehr aktiv: Sie verfasst Schriften, organisiert Tagungen, gründet eine Wohlfahrtsschule für Frauen und Männer, in der Armenpfleger ausgebildet werden. Bis 1933.

Das Nazi-Regime

"Die Frauenbewegung geriet während der Weimarer Republik in eine tiefe Krise, weil sie im Prinzip ihr Ziel erreicht hatte. Das ist eine typische Entwicklung für Bewegungen. Die Mitgliederzahl sank. Junge Frauen sind nicht mehr eingetreten", so Hedwig Richter. Die Frauenbewegung löste sich auf, einige gingen ins Exil, andere blieben - aber gingen nicht in den Widerstand. Am Vorabend der Reichspräsidentenwahl 1932 mahnt Marie Juchacz: "Die Frauen (...) wollen keinen Bürgerkrieg, wollen keinen Völkerkrieg (…). Die Frauen (...) durchschauen die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich gibt, obwohl sie nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Renommiersucht diktiert ist. Dieser Politik, der nationalsozialistischen Politik, mit allen Kräften entgegenzutreten, zwingt uns unsere Liebe zu unserem Volke."

Doch ihre Worte werden nicht gehört. 1933 flieht sie zunächst nach Saarbrücken und kümmert sich um Flüchtlinge aus Deutschland. Hans E. Hirschfeld, ein enger Weggefährte schrieb anlässlich Juchacz' 75. Geburtstag: "Ich sehe noch in der Bahnhofstraße in Saarbrücken die Räume, in denen Du, das Parteivorstandsmitglied, die Reichstagsabgeordnete, die Politikerin, ohne viele Worte zu machen in der Küche standst, einen Mittagstisch einrichtetest und damit ein Heim und einen Zufluchtsort für die vielen durcheinander gewürfelten Menschen schufst, die Du mit Speise und Trank und mehr noch mit Zuspruch versorgtest".

Als 1935 das Saargebiet Deutschland wieder angegliedert wird, flieht Marie Juchacz über Frankreich in die USA. Im Exil kann sie zwar keine politische Arbeit mehr leisten, doch von ihren Idealen und Zielen lässt sie zeitlebens nicht mehr ab. Sie organisiert Gesprächsrunden und Wohltätigkeitsveranstaltungen für Menschen, die dem Nazi-Regime entkommen sind und in der Fremde einen Neuanfang wagen.

Nach dem Krieg kehrt sie zurück nach Deutschland - und engagiert sich in der Arbeiterwohlfahrt. Sie stirbt Anfang 1956 im Alter von 76 Jahren. "Ihr ganzes Leben stand in den Diensten des Kampfes für eine bessere und gerechtere Welt", schrieb die Arbeiterwohlfahrt in ihrem Nachruf.

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