Maria 2.0: Können Katholikinnen ihre Kirche ins 21. Jahrhundert holen? | Deutschland | DW | 17.05.2019
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Kirchenstreit

Maria 2.0: Können Katholikinnen ihre Kirche ins 21. Jahrhundert holen?

Frauen machen mehr als die Hälfte der Katholiken in Deutschland aus – und dürfen nicht Priester werden. Damit sich das und einiges mehr ändert, boykottieren gerade Frauen deutschlandweit katholische Einrichtungen.

Ein kleiner Bibelkreis aus Münster schlägt große Wellen. Was in Münster mit fünf Frauen begann, ist in dieser Woche zu einer bundesweiten Bewegung geworden, die die Mächtigen der katholischen Kirche herausfordert: Die Protestaktion "Maria 2.0". Katholische Frauen und Männer fordern, dass Frauen den Zugang zu allen Ämtern der Kirche bekommen. In der katholischen Kirche dürfen Frauen  bisher keine Weiheämter ausüben, weder Bischof noch Priester oder Diakon werden - sprich: keine Führungsämter ausüben.

Maria 2.0 fordert auch einen konsequenteren Umgang mit Missbrauchstätern von Seiten der Kirche, die Aufhebung des Zölibats und eine Ausrichtung der "kirchlichen Sexualmoral an der Lebenswirklichkeit der Menschen". 

Erschüttert über Vertuschung von Missbrauch

So steht es in einer Online-Petition, die bisher fast 25.000 Menschen unterschrieben haben.

Gestartet hat die Aktion Lisa Kötter, 59, Künstlerin aus der Gemeinde Münster, zusammen mit vier weiteren Frauen aus ihrem Bibel-Lesekreis. Kötter hatte gerade den Dokumentarfilm "Das Schweigen der Hirten" gesehen - ein tief schürfendes Erlebnis für sie. "Wir wissen alle seit Jahrzehnten von Gewalt in der Kirche, auch von sexualisierter Gewalt. Aber diese Systematik dahinter war mir nicht klar", sagt sie. Im Lesekreis offenbarten die fünf Frauen einander ihren Frust über die verkrusteten Machtsstrukturen der Kirche, die Vertuschung des Missbrauchskandals, das Kleinmachen von Frauen.

Kirchenstreik «Maria 2.0» (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Hat den Stein ins Rollen gebracht: Lisa Kötter

Unterstützer in Südamerika und den USA

Sie beschlossen: Wir müssen was tun. Ihre Idee: Ein Kirchenstreik. Auf Facebook, ihrer Webseite und in ihrer Petition rufen die Maria-2.0-Initiatorinnen Katholik(inn)en dazu auf, den Kirchen und ihren kirchlichen Ehrenämtern für eine Woche fern zu bleiben, um Druck auf die Mächtigen auszuüben – und zu zeigen: Ohne sie geht es nicht. Parallel finden Gottesdienste, Mahnwachen und Veranstaltungen im Freien statt. Die Aktion läuft bis Samstag. Tausende nahmen bisher an Aktionen in zahlreichen Städten wie Münster, Würzburg, Berlin und Freiburg teil.

"Das Echo ist für uns natürlich erst einmal überwältigend, weil wir nie gedacht hätten, dass das so eine Welle gibt, dass so viele Menschen darauf reagieren würden", sagt Kötter. "Letzten Sonntag hat mich eine Frau auf dem Domplatz angesprochen und hat gesagt sie käme gerade aus Südamerika. Es gäbe dort auch schon Maria 2.0-Gruppen." Sie wisse auch von Unterstützern in den USA und "in Europa sowieso".

Mehr als 50 Prozent Frauen in der Kirche

Wer wissen möchte, wie wichtig Frauen für den Fortbestand der katholischen Kirche sind, muss nur einen Blick in die Statistiken der Deutschen Bischofskonferenz werfen: Etwa 53 Prozent der 23,3 Millionen Katholiken in Deutschland sind weiblich, viele Freuen engagieren sich ehrenamtlich in ihren Gemeinden – aber Frauen machen nur knapp 19 Prozent der Personen in der oberen Leistungsebene der Kirche aus. 

Infografik Obere Leitungsebene in der katholischen Kirche Deutschlands DE

Ausdrückliche Unterstützung bekommt der Kirchenstreik von den beiden großen deutschen katholischen Frauenverbänden - dem Katholischen Deutsche Frauenbund (KDFB) und der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd). "Das ist eine gute Aktion. Wir hätten selber nicht gedacht, dass so viele Frauen so aktiv werden", sagt Mechthild Heil, kfd-Vorsitzende und CDU-Bundestagsabgeordnete, im Gespräch mit der DW. "Es ist kurz vor zwölf für die Kirche in punkto Gleichberechtigung, denn wenn wir jetzt nicht einen durchschlagenden Erfolg haben, sind die Frauen bereit, auch die Kirche hinter sich zu lassen - nicht ihren Glauben, aber die Kirche, wie sie sich heute zeigt."

Aber Frauen als Priester – geht das?

Doch nicht alle Frauen in der katholischen Kirche unterstützen die Aktion. Die katholische Lehrerin Johanna Stöhr machte mit einer Internetseite unter dem Titel "Maria 1.0." Schlagzeilen, in der sie sich gegen die "Maria 2.0"-Bewegung positioniert. Das Frauen von Weiheämtern ausgeschlossen sein, so Stöhr in einem Interview mit der katholischen Würzburger Zeitung "Die Tagespost", sei eine nicht verhandelbare Glaubenswahrheit.

Für Maria-2.0-Unterstützerin Heil hingegen gehört das Frauenverbot für Weiheämter nicht automatisch zur Religion. "Das hat mit Glauben für mich nichts zu tun - das ist Regelwerk. Man bezieht sich dabei immer darauf: Gab es das früher schon mal?", so Heil. "Nur weil Frauen über Jahrhunderte unterdrückt wurden und nicht gleichberechtigt behandelt wurden, muss das nicht weiter so sein."

Mechthild Heil - Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd/Tina Umlauf)

Unterstützt den Kirchenstreik: Mechthild Heil von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands

Wie reagiert die Kirche selbst?

"Wir nehmen den Protest von Maria 2.0 ernst und suchen – bereits seit vielen Jahren, insbesondere mit den Frauenverbänden in Deutschland – den Dialog. Streik halten wir für das falsche Mittel", so die deutsche Bischofskonferenz auf Anfrage der DW.

Einige Bischöfe, darunter Franz Jung aus Würzburg, und Stefan Heße aus Hamburg, haben angekündigt, den Dialog mit Maria 2.0-Aktivistinnen zu suchen. Jung erklärte, er verstehe die Proteste als "Ausdruck echter Sorge um eine gute weitere Entwicklung der katholischen Kirche". Heße nannte die Proteste einen "Impuls für den Dialog". Vom Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode kam dagegen Kritik am Boykott von Gottesdiensten. "Die Eucharistie kann kein Instrument eines solchen Protests sein", sagte Bode am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Derartige Aktionen gefährdeten eine "differenzierte, sachliche Auseinandersetzung", so Bode.

Reaktionen von Kirchenvertretern seien den Frauen von Maria 2.0 bisher vor allem durch die Presse zugetragen worden, sagt Lisa Kötter: "Wir warten auch ein bisschen darauf, dass sich offizielle Kirchenvertreter bei uns melden." Der Dialog mit Bischöfen und ihren Vertretern, dass sagen sowohl Kötter als auch Heil, sei bisher zu wenig gleichberechtigt geführt worden. "Dialog ist gut - Dialog muss aber auf Augenhöhe stattfinden", so Heil. "Es ist keine Geschichte der Bischöfe, die Kirche zu ändern; das ist eine Geschichte, die wir alle gemeinsam tun müssen."

Dialog ja - aber auf Augenhöhe

Noch hat Maria 2.0 die Kirche nicht auf neue Wege gebracht. Vielleicht ist zumindest ein erster Schritt getan. Ob es zum Dialog zwischen der Bischofsgarde und den modernen Marias kommen wird – und wenn ja, was das Ergebnis sein wird, das wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

Lisa Kötter will auf jeden Fall weiter für Gleichberechtigung in der Kirche kämpfen: "Die römisch katholische Kirche ist die größte Religionsgemeinschaft, die es gibt auf der Welt. Es wäre ein ganz großes Zeichen an die Frauen der Welt und auch an die Männer der Welt, wenn die katholische Kirche von oben irgendwann mal sagen würde: 'Ja, Frauen, ihr seid wirklich auf Augenhöhe, ihr könnt genauso entscheiden wie wir.'"

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