Mardini-Prozess: Freispruch für die Flüchtlingshelfer
17. Januar 2026
Es war ein historisches Urteil nach einem jahrelangen Prozess in Griechenland: Das Berufungsgericht auf der Insel Lesbos hat am Donnerstag alle 24 Angeklagten im sogenannten "Mardini-Prozess" freigesprochen. Das Verfahren gegen Sara Mardini und weitere Flüchtlingshelfer hatte international für Aufmerksamkeit gesorgt und die Debatte über die Kriminalisierung humanitärer Hilfe an Europas Außengrenzen neu entfacht.
Jubel und Applaus erfüllten den Gerichtssaal, nachdem das Urteil am Donnerstag (15.01.2026) nach fast zwölfstündiger Anhörungen verkündet wurde. "Wenn wir gewinnen, schwimmen wir", hatte einer der Angeklagten vor der Urteilsverkündung auf Instagram gepostet. Kurz nach dem Freispruch fügte der deutsche Staatsbürger Sean Binder hinzu: "Wir schwimmen." Am Abend setzten die Angeklagten dies in die Tat um und sprangen an einem Strand in der Nähe des Gerichts ins Wasser.
Sieben Jahre, 2897 Tage
Mardini, Binder und die weiteren Angeklagten wurden beschuldigt, ihre humanitäre Arbeit als Deckmantel genutzt zu haben, um Schleusernetzwerke zu unterstützen. Die Verteidigung wies die Vorwürfe zurück: Es gebe keine Beweise für kriminelles Handeln oder Vorsatz. Ziel der Angeklagten sei ausschließlich gewesen, Menschen in Seenot zu retten.
Der Richter erklärte alle Angeklagten für nicht schuldig und stellte fest: "Ihr Ziel war nicht die Begehung von Straftaten, sondern die Bereitstellung humanitärer Hilfe." Bereits zuvor hatte der Staatsanwalt einen Freispruch beantragt, da es an belastbaren Beweisen mangele. Zudem sei die griechische Küstenwache regelmäßig über die Annäherung von Booten informiert worden.
Der Prozess hatte bereits im Jahr 2018 begonnen und zog sich über sieben Jahre hin. In ihren Schlussworten kritisierten die Anwälte der Verteidigung die Verzögerungen. Mardinis Anwalt Zacharias Kesses verwies auf die "2897 Tage bis zum Freispruch". Mardini selbst sagte vor Gericht: "Dieser Prozess hat mein Leben zerstört."
Die Geschichte von Sara Mardini
Mardini war die prominenteste Angeklagte: eine syrische Schwimmerin und Aktivistin, deren dramatische Fluchtgeschichte 2015 über die Türkei nach Lesbos in dem Netflix-Film The Swimmers verfilmt wurde. Mardini und ihre Schwester Yusra zogen das sinkende Boot, in dem sie flohen, stundenlang schwimmend an die Küste von Lesbos. Über die Balkanroute gelangten sie später nach Deutschland.
2016 kehrte Sara Mardini nach Lesbos zurück, um Geflüchteten zu helfen, und engagierte sich bei der NGO ERCI (Emergency Response Centre International). 2018 wurde sie dort festgenommen und angeklagt. Ihr Engagement und der anschließende Prozess machten sie international bekannt.
Entkriminalisierung von humanitärer Hilfe
"Im Berufungsgericht von Lesbos hat die Solidarität gesiegt", sagte Myriam Patrou von Amnesty International Griechenland. Nach mehr als sieben Jahren voller Angst, Erschöpfung und Leid für die Angeklagten sei deren Einsatz für die Menschenrechte endlich gerechtfertigt worden. "Gestern waren wir von Freudentränen erfüllt."
Patrou betonte, das Urteil sende ein starkes Signal an andere europäische Länder: Solidarität und der Einsatz für Menschenrechte dürften nicht kriminalisiert werden.
Die Anwältin Giota Masouridou, die drei der Angeklagten vertrat, sieht den Prozess als politisch motivierten Abschreckungsversuch: "Ziel war es, Freiwillige von den Küsten fernzuhalten und zu verhindern, dass dokumentiert wird, was an den Außengrenzen tatsächlich geschieht." Sie kritisierte die systematischen Pushbacks von Schutzsuchenden in Griechenland und die gezielte Entfernung von Beobachtern durch die Behörden.
Der Mardini-Prozess wurde als einer der größten Fälle der Kriminalisierung von Solidarität in Europa bezeichnet. Beobachter gehen davon aus, dass das Urteil Einfluss auf die Zukunft humanitärer Hilfe und den Einsatz von NGOs in der Flüchtlingshilfe haben wird. Der Freispruch sei nicht nur ein Sieg für die Angeklagten, sondern ein wichtiges Signal an alle, die sich weltweit für Menschen in Not einsetzen.
Die Angeklagten hatten im Zeitraum 2016-2018 bei ERCI gearbeitet und Menschen geholfen, die sich auf einer der gefährlichsten Fluchtrouten Europas befanden. Ihr Engagement sei von humanitären Motiven geleitet gewesen, betonten Anwälte und Beobachter. Das Gericht erkannte dies nun an.
Juristisch ist der Fall nun abgeschlossen. Die Folgen für die humanitäre Arbeit in Griechenland und in anderen EU-Staaten bleiben jedoch abzuwarten.