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Malis Frauen kämpfen gegen Genitalverstümmelung

Katrin Gänsler
26. März 2020

In Mali hält sich eine grausame Tradition hartnäckig: Bis heute werden rund 90 Prozent der Mädchen beschnitten. Viele Organisationen kämpfen dagegen - doch der Widerstand ist groß.

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Mali Genitalverstümmelung Virginie Mounkoro
Virginie Mounkoro kämpft mit Aufklärung gegen weibliche GenitalverstümmelungBild: DW/K. Gänsler

Virginie Mounkoro steht in einem Klassenzimmer in Beleko. Das Dorf ist nur über eine Sandpiste erreichbar, vier Autostunden sind es bis in die Hauptstadt Bamako. Den gut 30 Frauen vor ihr zeigt Mounkoro immer wieder Bilder -  Zeichnungen von Messern, Rasierklingen, einer verstümmelten Vagina und einem Mädchen in einer Blutlache. Die Frauen rufen entsetzt auf. In der lokalen Sprache Bambara erklärt Mounkoro, welche Folgen eine Genitalverstümmelung haben kann. Viele Zuhörerinnen werden es am eigenen Leibe erfahren haben: Statistisch gesehen dürften nur zwei oder drei von ihnen nicht beschnitten worden sein. 

Ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber kein Ende in Sicht 

Im Mali haben nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 91 Prozent aller Frauen und Mädchen zwischen 15 und 49 Jahren eine Form der Genitalverstümmelung erlitten. Genau so viele sind es auch in Ägypten. Nur in Guinea und Somalia liegen die Zahlen noch höher. Insgesamt wird die weibliche Beschneidung in 30 Ländern weltweit praktiziert - vor allem in Afrika. In Mali dürfte sich daran auch so bald nichts ändern. "Das Ende der Beschneidung ist nicht in Sicht", klagt Virginie Mounkoro, Präsidentin der lokalen Frauenrechtsorganisation APSEF. Einen kleinen Hoffnungsschimmer sieht sie dennoch : "Als wir anfingen lag die Zahl noch bei 98 Prozent."

Der Arzt Jacques Somboro
Die medizinischen Folgen der Genitalverstümmelung sind gravierend, sagt Arzt Jacques SomboroBild: DW/K. Gänsler

1983 fing Mounkoro an, gegen die alte Praxis mobil zu machen. Auch in ihrer Familie hatte sie Tradition. Ihre zwei älteren Schwestern bekamen deswegen jedoch gesundheitliche Probleme. Als sie das miterlebte, war der APSEF-Gründerin klar: "Sobald Gott mir die Möglichkeit gibt, werde ich darüber sprechen." Die Folgen einer Verstümmelung sind weitreichend und wurden lange verdrängt. Dabei läuft keine Beschneidung ohne Komplikationen ab: "Angst und Schmerzen gibt es immer", sagt der Arzt Jacques Somboro. Später kann es zu Komplikationen bei Geburten kommen. Ein großes Risiko ist auch eine Tetanus-Infektion. "Diese Praxis wird mit Messern und Klingen aus Metall durchgeführt. So kann Tetanus übertragen werden. Es ist möglich, dass ein Mädchen anschließend wegen einer Tetanus-Infektion stirbt."

Religiöse Führer bleiben stumm

Jacques Somboro fordert deshalb ein Gesetz, das Beschneidungen verbietet. Die Nachbarländer Burkina Faso und Senegal haben längst entsprechende Regelungen verabschiedet. Ein Wahlkampf-Thema – in Mali wird am 29. März ein neues Parlament gewählt – ist es jedoch nicht. Denn der Widerstand ist groß, obwohl es bereits seit 2002 einen nationalen Plan gegen Genitalverstümmelungen gibt und eine ganze Reihe Organisationen für ein Verbot kämpfen. 

Imam Mahmoud Dicko in der Hauptstadt Bamako
Imam Mahmoud Dicko hält nichts von einem gesetzlichen Verbot der GenitalverstümmelungBild: DW/K. Gänsler

Ein Grund: Prominente religiöse Meinungsführer sprechen sich nicht öffentlich gegen Genitalverstümmelungen aus. Mahmoud Dicko, Iman und früherer Vorsitzende des islamischen Rats von Mali klingt schon fast gelangweilt, wenn man ihn auf das Thema anspricht: "Diese Debatte gibt es doch schon seit Jahren. Wir haben den Menschen gesagt: Diese Tradition lässt sich nicht mit einem Dekret ändern." Das ginge aus seiner Sicht nur durch mehr Bildung und mehr Diskussionen. "Dann wird es eine Entwicklung geben und die Menschen können sich problemlos von alten Traditionen trennen", so Dicko.

'Meine Tochter fasst niemand an'

Auch Virginie Mounkoro merkt, dass sich immer mehr Menschen für das Thema interessieren. "Als wir anfingen über Beschneidung zu sprechen, wollte niemand zuhören. Heute fordern uns Dörfer hingegen auf, vorbei zu kommen", erzählt sie, als sie ihren Vortrag in Beleko für eine Mittagspause unterbricht. Ihr Ansatz: Von Dorf zu Dorf zu ziehen, um Kontakt zu den Beschneiderinnen zu bekommen. Ob dieses Mal welche im Publikum sitzen, kann Mounkoro nicht mit Sicherheit beantworten. Die Zusammenarbeit mit den Bewohnern von Beleko ist neu. Sie geht jedoch davon aus. Trotzdem macht sich Mounkoro keine Illusionen: "Selbst wenn eine Beschneiderin das Messer nicht mehr in die Hand nimmt, wird es Nachwuchs in der Familie geben."

Aufklärungstafeln, die vor den Gefahren der weiblichen Genitalverstümmelung warnen
Bildergeschichten helfen beim Kampf gegen die GenitalverstümmelungBild: DW/K. Gänsler

In Mali sind es in aller Regel Frauen, die die Tradition ausüben. Doch viele Männer machen Druck: Sie behaupten, dass eine unbeschnittene Frau nicht treu sei. Aissata Fomba, eine der Bewohnerinnen von Beleko, kennt diese Vorteile. Dem Vortrag hat sie aufmerksam zugehört. Er hat sie beeindruckt. Deshalb hat sich die 31-Jährige jetzt ein Ziel gesetzt: Sie will ihren Mann überzeugen. "Mit dem ganzen Wissen werde ich ihn aufklären" Noch hat das Paar kein Mädchen. Falls sie aber doch eins auf die Welt bringt, ist Aissata Fomba klar: "Meine Tochter fasst niemand an."