Mali: Mit Fischen gegen die Dürre | Afrika | DW | 23.08.2018
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Afrika

Mali: Mit Fischen gegen die Dürre

In der Sahelzone herrscht die schwerste Nahrungsmittelkrise der vergangenen fünf Jahre, schon lange regnet es nicht mehr genug. Immer mehr junge Menschen wollen nach Europa auswandern. Katrin Gänsler berichtet aus Mali.

Tenimba Diakité steht auf ihrem kleinen Feld, wo sie Mais, Zwiebeln und Okraschoten anbaut. In der Ferne sieht man die Ufer des Flusses Senegal, der ins gleichnamige Nachbarland fließt. Der Boden ihres Feldes ist grün. Doch dann bückt sich die über 60-jährige Bäuerin und klopft mit ihrem langen, dünnen Zeigefinger auf die Erde. Es klingt, als würde jemand an eine Tür klopfen, denn der Untergrund ist hart. "Seit drei Jahren hat es praktisch keinen Regen mehr gegeben. Während der Regenzeit können wir nichts anbauen, weil die Samen nicht keimen. Der Gemüseanbau funktioniert auch nicht, wenn der Boden trocken ist."

Diakité, die auch Präsidentin der lokalen Frauengruppe "Sigité Mogoson" - übersetzt heißt das in etwa "wenn du dich hinsetzt, hast du nichts davon" - fällt es schwer sich zu erinnern, wann es in ihrem Heimatdorf Samé Plantation das letzte Mal so wenig geregnet hat. "Unter dem ersten Präsidenten Malis, Modibo Keïta, gab es eine Hungersnot", sagt sie nach einigem Überlegen, "damals haben die Menschen rotes Sorghum gegessen. Danach hat es in der Region nie wieder solche Schwierigkeiten gegeben."  

'Schwerste Krise seit Jahren'

Betroffen ist nicht nur Keyes, wo Tenimba Diakité lebt. Auch andere Regionen Malis ächzen unter der Trockenheit. "Dem zugrunde liegt, dass die Niederschläge im letzten Jahr sehr ungünstig waren. Die Ernten waren schlecht, und natürlich waren auch die Weideflächen nicht gut. Das ist alles acht Monate her. Da kann man sich vorstellen, dass die Speicher leer sind. Die Weideflächen sind aufgebraucht oder vertrocknet", erklärt Bernd Schwenk, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Mali.

Tenimba Diakité auf ihrem Feld, rings um sie wachsen grüne Pflanzen (DW/K. Gänsler)

Tenimba Diakité kann sich nicht erinnern, wann es zum letzten Mal genug geregnet hat

Ähnlich sieht es in den Nachbarländern Senegal, Mauretanien, Burkina Faso, Niger und Tschad aus. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schätzt, dass bis September 5,8 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelunterstützung angewiesen sein werden. Im Juli sagte die Europäische Union (EU) für die "schwerste Nahrungskrise der vergangenen fünf Jahre" im Sahel Hilfen in Höhe von 191,3 Millionen Euro zu.

"Wir sind hier im Sahel, und das sind ganz fragile agro-ökologische Systeme", erklärt Schwenk. Die ländliche Bevölkerung würde häufig mit ihren Problemen alleine gelassen. Es fehle an Beratung und Saatgut. Doch nicht nur das: Der Klimawandel wirkt sich besonders stark aus. Das erlebt auch Fode Boubou Konaté, der die Nichtregierungsorganisation Stop Sahel leitet. Selbst wenn die Bauern das Wort Klimawandel nicht kennen, könnten sie die Veränderungen beschreiben. "Dort, wo ich geboren bin, hat es normalerweise im Mai den ersten Regen gegeben. Aber die Bauern haben festgestellt, dass es heute erst Ende Juni den ersten Regen gibt", sagt Konaté. 

Mehr Migration durch weniger Perspektiven

Die Konsequenz sei, dass sich der Ertrag pro Hektar verringern würde. Langfristig treibe das die Migration an. Fehlende Ressourcen würden "unsere tapferen jungen Menschen zum Gehen zwingen", meint Konaté. Der Leiter von Stop Sahel ist sich sicher: "Ohne diese Schwierigkeiten würden sie bleiben wollen. Es ist doch gut hier."

Junge Männer stehen am Ufer eines Flusses, in dem eine Pirogge und ein Fischkäfig schwimmen (DW/K. Gänsler)

Durch die Fischzucht sollen junge Menschen Perspektiven bekommen

Das kann der 21-jährige Sékou Gassama nur bestätigen. Sein Heimatort Somanikidi Coura liegt auf der anderen Seite des Flusses und ist nur mit dem Boot zu erreichen. Der junge Mann wischt sich die nassen Hände an der Hose ab. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen ist er gerade dabei, einen großen Fischkäfig, der mit einem dicken Seil am Ufer festgemacht ist, zu überprüfen. Er ist Teil eines Projekts der Welthungerhilfe. Damit soll einerseits die Ernährungssituation verbessert werden. Fischerei hat es in Mali immer gegeben, sie ist in den vergangenen Jahren aber zurückgegangen. Andererseits können so junge Menschen ein Einkommen erwirtschaften. Neben dem Käfig im Fluss werden auch Bassins genutzt.

Die Frage, wie viel Sékou Gassama damit monatlich verdient, kann er noch nicht beantworten. "Wir haben gerade erst die Fische in die Bassins und Käfige gesetzt und warten auf Ergebnisse." Wenn die gut ausfallen würden, wäre das eine Motivation mehr für ihn, zu bleiben. "Ich lebe gerne hier, brauche aber einen stabilen Verdienst." Das sei ihm wichtig, um später eine Familie zu gründen.

Die Fischzucht ist im Kommen und wird oft als potenzieller Einkommenszweig genannt. Bei ausbleibendem Regen werden jedoch auch bessere Bewässerungssysteme für den Gemüseanbau immer wichtiger. Der ist lukrativ. In Zeiten, in denen beispielsweise Tomaten knapp sind, kann eine einzige umgerechnet 22 Euro-Cent bringen. Wichtig ist jedoch noch etwas anderes. Es mangelt an Sicherheit. Vor allem im Norden und in der Mitte des Landes halten Konflikte an und verschlechtern die Arbeitsbedingungen. "In der Mopti-Region gibt es schon Fälle, wo unsere Partner uns signalisieren, dass sie sich auch bedroht fühlen und dass es Risiken gibt, in diesen Gebieten tätig zu sein", sagt Bernd Schwenk.

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