Münchner Amoklauf - eine Nachbetrachtung | Deutschland | DW | 03.08.2016
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Deutschland

Münchner Amoklauf - eine Nachbetrachtung

Die Morde von München, eine Polizeiübung? Eindrücke vom Tag der Trauer in der bayerischen Landeshauptstadt. Oder: Gedanken über die Verunsicherung der Menschen und die Rolle der Medien.

München trauert nach dem Amoklauf

München trauert nach dem Amoklauf

München, am vergangenen Sonntag: Der Taxifahrer bringt das Team der Deutschen Welle von der Frauenkirche zum Landtag. In der Kirche geht gerade der Gottesdienst für die neun Menschen zu Ende, die ein Amokläufer am 22. Juli erschossen hat. Und gleich schließt sich noch eine Gedenkstunde im Landtag an. Angela Merkel ist dabei, Joachim Gauck wird reden. Der Taxifahrer berichtet von einem Gerücht, man hört ja viel als Taxifahrer. Das Gerücht geht so: Das war eine Polizeiübung. Wie bitte? Wer sagt das, wo steht das? Wie soll das gehen? Naja, zwei Fahrgäste haben ihm das erzählt. Der Staat will wissen, wie die Menschen reagieren, wenn der Terror losbricht. So schlicht, so grotesk.

Ein Flüchtling, der keiner ist

Vorher, auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt: Eine Gruppe von Menschen, eine Familie offenbar, spricht darüber, ob man sich noch frei bewegen kann in der Stadt, und sie sagen: Wir werden dem nicht mehr Herr mit den vielen Flüchtlingen.

Aber, Moment: Der 18 Jahre alte Deutsch-Iraner, der in München zum Mörder wurde, war kein Flüchtling, er wurde in München geboren, er schoss offenbar gezielt auf Migranten oder solche, die er dafür hielt, die meisten Todesopfer sind junge Muslime. Aber das scheint unterzugehen, weil seine Tat in einem Zusammenhang gesehen wird mit den Taten von Würzburg und Ansbach, die eine vor, die andere nach dem Amoklauf. Da haben wirklich junge Flüchtlinge Verbrechen begangen.

Thurau Jens Kommentarbild App

DW-Korrespondent Jens Thurau

Amoklauf, Terroranschlag, Flüchtlinge

Haben wir, die Medien, nicht akribisch versucht, das zu differenzieren? Haben wir. Und sind doch auch geschwommen. Haben Amoklauf und Terroranschlag durcheinandergebracht, in der Wortwahl, in der Anmutung zumindest. In der Woche nach dem schrecklichen Taten erschießt in einem Berliner Krankenhaus ein Patient seinen Arzt und dann sich selbst. Und auch wir von der Deutschen Welle berichten darüber, schnell, sofort, ohne ganz genau zu wissen, was passiert ist. Weil das gerade alle machen, weil getwittert wird darüber, weil wir nichts verpassen wollen, was vielleicht doch größere Dimensionen hat. Wir behaupten nicht, dass es einen Terrorzusammenhang gibt in dem Berliner Krankenhaus, aber fest steht auch: In ruhigeren Zeiten hätten wir über diese Einzeltat, so furchtbar sie ist, nie berichtet.

Alle Flüchtlinge beziehen Hartz-IV?

Wieder zurück in München: Am Flughafen erzählt eine Frau, fast alle Flüchtlinge seien Hartz-IV-Empfänger. Eigentlich lautet die Nachricht, verbreitet von vielen Zeitungen an diesem Tag: Rund ein Viertel aller Hartz-IV-Empfänger sind mittlerweile Ausländer, für viele Flüchtlinge ist die Bundesagentur nach ihrer Anerkennung die erste Adresse, aber das größere Problem sind die fast drei Millionen Menschen, die schon lange, womöglich dauerhaft Sozialleistungen beziehen. Aber hängen bleibt: Flüchtlinge gleich Hartz IV.

Eindrücke nur aus München, von einem harten Tag, der niemanden unberührt ließ, auch uns nicht. Eine aktuelle Umfrage gibt Anlass zur Hoffnung: 69 Prozent der Befragten glauben nicht, dass die Terrorakte von Islamisten in Deutschland ihren Grund in der Flüchtlingspolitik haben. 28 Prozent aber immerhin glauben das schon.

Fazit: Nerven behalten, Positives berichten

Was bleibt? Vielleicht das: Sich nicht verrückt machen lassen, auf Details achten, und ganz schlicht: Positives berichten. Von der jungen Muslima etwa, die in der Frauenkirche Allah darum bittet, die schöne Stadt München in Zukunft zu schützen. Und Ideen entwickeln wie die der Kollegen von Zeit-Online. "Eilmeldung: Welt wieder besser geworden" heißt ihre Aktion. Einmal am Tag wird eine rundum positive Nachricht verbreitet: Die Armut nimmt ab, der Analphabetismus auch. Weltweit. Eine Aktion, die hilft, die Nerven zu behalten.

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