Lyrikerin, Poetin, Zeichnerin: Else Lasker-Schüler zum 150. Geburtstag | Bücher | DW | 11.02.2019
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Jubiläum

Lyrikerin, Poetin, Zeichnerin: Else Lasker-Schüler zum 150. Geburtstag

Sie schrieb expressionistische Lyrik und pflegte ein radikales Außenseitertum: In ihrem 150. Geburtsjahr kann man die deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler aus Wuppertal wiederentdecken.

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Spurensuche: Die Lyrikerin Else Lasker-Schüler

Wer heute die Herzogstraße in Wuppertal-Elberfeld hinabläuft, sucht vergeblich nach ihrem Geburtshaus: Es wurde im Krieg zerstört. Vor dem Spurensucher ragen stattdessen zwei massive, dunkle Granitstelen auf, in die ein Porträt aus Glasmosaiksteinen eingelassen ist. Es zeigt die Dichterin mit ernstem Seitenblick und nimmt Bezug auf ihr Gedicht "Weltflucht".

Weltflucht

Ich will in das Grenzenlose / Zu mir zurück, / Schon blüht die Herbstzeitlose / Meiner Seele, / Vielleicht - ist’s schon zu spät zurück! / O, ich sterbe unter Euch! / Da Ihr mich erstickt mit Euch! / Fäden möchte ich um mich ziehn - / Wirrwarr endend! / Beirrend, / Euch verwirrend, / Um zu entfliehn / Meinwärts!

"Weltflucht" erschien 1902 in "Styx", der ersten Buchausgabe ihrer Gedichte. Darin gibt Else Lasker-Schüler (1869-1945) schon einen Vorgeschmack auf das, worum ihr Werk lebenslang kreisen wird - um Empfindungen von Einsamkeit, Liebe, Trauer, Religiosität. Die bürgerliche Presse der Zeit rümpft die Nase über derlei "Frauenlyrik". Paul Remer etwa schimpft in der illustrierten Unterhaltungsbeilage des "Tag" über "das Gewollte und Gequälte dieser Mystik" und sieht ein "überreiztes Nervensystem" am Werk.

Kurz nach der Jahrhundertwende lebt Else Lasker-Schüler, damals knapp über 30, in Berlin. Ihren ersten Ehemann, den jüdischen Arzt Berthold Lasker, mit dem sie in die glamouröse Welt der Berliner Bohème aufgebrochen ist, verlässt sie. Wenig später, 1903, heiratet sie Herwarth Walden - als Schriftsteller, Verleger, Galerist von der "Der Sturm", Musiker und Komponist ist er wie sie ein Avantgardist der Moderne.

Meistens verliebt

Herwarth Walden, Gemälde von Delaunay (picture-alliance/akg-images)

Herwarth Walden, Elses zweiter Ehemann, auf einem Gemälde von Robert Delaunay

 In jenen Tagen des rasanten technischen Fortschritts und der fortschreitenden Kapitalisierung des Gesellschaftslebens prägen Sinnverlust und eine neue Sinnsuche zugleich die Literatur, Philosophie und Theologie. Mystische Strömungen werden einflussreich. Else Lasker-Schüler schafft sich ihren ganz eigenen Kosmos: Sie formt ihn aus syrisch-ägyptischen wie griechischen, jüdischen und christlichen Bildern. So entsteht ihre eigene Gedankenwelt, in der sie den Namen "Jussuf, Prinz von Theben" annimmt und in der sie viele hundert Dramen, Erzählungen, Briefe und Gedichte schreibt.

Sie verfasst Liebesgedichte, wenn sie verliebt ist - und das ist Else Lasker-Schüler bald ihr ganzes Leben lang, selbst noch mit 70. In dem Gedichtband "Meine Wunder" (1911) macht sie die Liebe zum zentralen Thema. Lasker-Schüler wird zur Repräsentantin des Expressionismus.

Für die Welt der Normalen freilich, der Spießer, ist die wortgewaltige Frau verloren. Die Rheinisch-Westfälische Zeitung bescheinigt ihr 1910 einmal "vollständige Gehirnerweichung". Ein Gericht urteilt über eines ihrer Gedichte, es habe einen "auffallenden Mangel an vernünftigem Sinn".

Gefeiert und vertrieben

Als Elisabeth Schüler kommt sie am 11. Februar 1869 zur Welt. Die Tochter eines jüdischen Privatbankiers ist elf Jahre alt, als ihr Lieblingsbruder stirbt. Mit 21 verliert sie ihre Mutter. Sie selbst heiratet zweimal und lässt sich beide Male scheiden. Ihr halbes Leben lang besitzt sie keine eigene Wohnung, sondern wohnt völlig mittellos in Pensionen oder zur Untermiete. 1927 stirbt ihr einziger Sohn Paul, über dessen Vater sie kein Wort verlor, an Tuberkulose.

Noch 1932, als die Nationalsozialisten schon stärkste Partei waren, erhält Else Lasker-Schüler mit dem Kleistpreis die höchste deutsche Literaturauszeichnung. Doch nachdem sie auf der Straße mehrfach zusammengeschlagen wird, kehrt sie Deutschland den Rücken. In der Schweiz unterstützt sie der Jüdische Kulturbund. 

Bücher von Else Lasker-Schüler (Zentrum für verfolgte Künste/DW/S. Dege)

Literatur von Else Lasker-Schüler

In den folgenden Jahren reist die Dichterin dreimal nach Palästina. In dem Prosaband "Das Hebräerland" verklärt sie Palästina zum "Traum vom Heiligen Land". Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hindert die Autorin an der Rückkehr in die Schweiz. In Jerusalem, wo 1943 ihr letzter Gedichtband "Mein blaues Klavier" erscheint, stirbt Else Lasker-Schüler schließlich am 22. Januar 1945. Sie wird 75 Jahre alt.

Poetin der Zeichenfeder

Zur Feier ihres 150. Geburtstags ehrt Deutschland die Künstlerin nun zum zweiten Mal nach 1975 mit einer Briefmarke. Diese zeigt einen Ausschnitt aus einer ihrer Zeichnungen. Denn die Expressionistin der Literatur war zugleich eine Poetin der Zeichenfeder. Ihre Bilder wurden 1937 aus der Berliner Nationalgalerie als "entartet" beschlagnahmt.

Friedrich Dürrenmatt feierte sie dagegen als "Retterin der deutschen Sprache in barbarischer Zeit". Für Gottfried Benn war sie "die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte". Erich Fried nannte sie einen "Germanistenschreck", Kafka konnte sie "nicht leiden", während Karl Kraus schon 1910 in ihr die "stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschlands" sah. Fest steht: Die Dichterin war eine fleißige Briefschreiberin. Mindestens 651 Briefe sind dokumentiert. Die schönsten Antworten erhielt sie von ihrem Malerfreund Franz Marc - expressionistisch bemalte Postkarten.

Feiern in Wuppertal

Bis heute haben rund 450 Komponisten Else Lasker-Schülers Gedichte vertont. Der Suhrkamp Verlag würdigte sie mit einer gewichtigen Gesamtausgabe. Die Sekundärliteratur über die Dichterin ist beinah unüberschaubar. Einem breiteren Publikum freilich blieb sie fremd - wie so viele Schriftsteller, die ins Exil gezwungen wurden.

Franz Marc Antilope Postkarte an Else Lasker-Schüler (picture-alliance/akg-images)

"Antilope", Postkarte von Franz Marc an seine Freundin Else Lasker-Schüler

Das Lasker-Schüler-Jubiläumsjahr zählt viele Veranstaltungen: Die Bergische Universität Wuppertal etwa plant ein Else Lasker-Schüler-Symposium. Rapper rocken zu Ehren der Künstlerin. Das Wuppertaler Theater führt eine Tanzperformance auf. Eine Podiumsdiskussion über Judenhass in Deutschland führt prominente Kirchenleute, Autoren und Politiker im Namen der Jubilarin zusammen.

Intensive Impulse um das Else Lasker-Schüler-Gedenken aber gibt die nach ihr benannte Literaturgesellschaftunter Vorsitz des Journalisten Hajo Jahn. Der Wuppertaler Verein zählt mehr als 1000 Mitglieder und hat seinen Sitz in der Herzogstraße in Elberfeld, nur einen Steinwurf von dem Ort entfernt, wo einmal das Geburtshaus von Else Lasker-Schüler stand.

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