Wie Museen unter dem Lockdown leiden | Kultur | DW | 01.02.2021
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Bedrohte Kulturszene

Wie Museen unter dem Lockdown leiden

Weltweit stöhnen Museen unter den Corona-Auflagen. Nun ziehen die ersten Häuser die Reißleine: In Hamburg öffnete eine hochkarätige Ausstellung nur digital.

Die Eingangsspyramide des Louvre, davor leere Wartegänge

Im Louvre empfängt die Mona Lisa derzeit keine Besucher

An den Wänden der Hamburger Kunsthalle, unweit des verwaisten Fischmarkts, hängen Bilder von Giorgio de Chirico. Viele zeigen traumähnliche Stadtlandschaften mit seltsam angeordneten Figuren und Gegenständen. Der italienische Maler (1888-1978), ein Vorläufer des Surrealismus, erzeugte damit eine ganz eigene, magische Wirklichkeit.

Museumsdirektor Alexander Klar klang stolz bei der live gestreamten Ausstellungs-Eröffnung: "De Chirico ist der Maler der leeren Plätze, der Maler der Albträume in der Mitte der Gesellschaft", so Klar. Deshalb sei diese Schau das Zeitgemäßeste, was man überhaupt zeigen könne.

Zweifellos passt die metaphysische Malerei de Chiricos in die von unterschiedlichen Varianten des Lockdowns geprägte Kulturlandschaft. Auch wenn das Hamburger Ausstellungsprojekt schon vor gut drei Jahren angeschoben wurde. Inzwischen leiden zahllose Museen, Galerien und Ausstellungsorte weltweit unter den temporären Zwangsschließungen.

Per Mausklick ins Museum

Betroffen waren zeitweise rund 95 Prozent aller Museen und Ausstellungshallen weltweit, wie eine Befragung des International Council of Museums (ICOM) im Herbst ergab. Dabei zeigte die globale Museumswelt ein gemischtes Bild, auch in den Reaktionen auf den Lockdown: Manche beurlaubten Personal, einige entließen die Hälfte ihrer Mitarbeiter. Wieder andere bauten ihre digitalen Aktivitäten massiv aus.

Vorgemacht hat es das Amsterdamer Rijksmuseum. Das ehrwürdige Haus, beliebt für die Meisterwerke der niederländischen Künstler des Goldenen Zeitalters, Rembrandt van Rijn und Johannes Vermeer, büßte im Corona-Jahr 2020 rund zwei Millionen Besucher ein. Nur noch 675.000 Kunstfreunde kamen in das Museum, so wenige wie zuletzt 1964. Doch die Museumsleitung hat sich etwas einfallen lassen.

Das Rijksmuseum in Amsterdam, davor der Schriftzug Amsterdam in Großbuchstaben.

Vor der Pandemie kamen Besucher aus aller Welt nach Amsterdam ins Rijksmuseum - jetzt ist es einsam hier

In dieser Zeit wuchs das digitale Publikum rapide. Nach Überarbeitung der Internetseite des Museums stieg die Zahl der Follower in den sozialen Medien um 23 Prozent auf 1,4 Millionen. Und noch einmal 5,5 Millionen Besucher schauten auf der Website vorbei: allein 2,2 Millionen im "Rijksstudio", der virtuellen Sammlung. Ein Museumsbesuch im Netz.

Unterstützung durch Spenden

Der Pariser Louvre setzt auf Spendenaktionen, um den finanziellen Schaden durch die Pandemie in Grenzen zu halten. Drei Viertel seiner Besucher blieben 2020 weg, allen voran die US-Amerikaner und Chinesen, die als Kulturtouristen kommen. Nur noch 2,7 Millionen Menschen strömten 2020 in das französische Vorzeigehaus - und das trotz einer großen Leonardo da Vinci-Ausstellung im Frühjahr.

Mitarbeiter des Louvre stehen vor der Pyramide am Louvre und halten Bilder mit der Mona Lisa hoch

Mitarbeiter des Louvre bei der Eröffnung nach der ersten pandemiebedingten Schließung

Den Verlust beziffert der Louvre, der sich etwa zur Hälfte selbst finanziert, im Jahr 2020 auf rund 90 Millionen Euro. Gut die Hälfte schoss der französische Staat zu. Eigentlich hätte der Louvre Anfang 2021 wieder öffnen sollen. Doch wegen der anhaltenden Pandemie bleiben in Frankreich wie in Großbritannien die Kultureinrichtungen bis auf Weiteres dicht.

Gleiches gilt für die Museen in den USA, wie die American Alliance of Museums aktuell meldet. In einem Internet-Blog zur Zukunft der Ausstellungshäuser heißt es besorgt: "Besser als letztes Jahr ist eine sehr niedrige Messlatte. Und wir haben viele sehr harte Monate vor uns."

Deutsche Museen unter Druck

Derweil setzt die Corona-Krise Deutschlands Museen hart zu. Im Kampf gegen das Virus haben Bund und Länder den Lockdown auch der Kultureinrichtungen bis zum 14. Februar 2021 verlängert. Die Belastung für die Häuser ist groß, eine schnelle Öffnung nicht in Sicht.

Kuppelraum der Kunstsammlung NRW

Derzeit keine Besucher erlaubt: Die renommierte Kunstsammlung NRW im Lockdown

"Uns war klar, dass wir im November schließen und unseren Beitrag leisten", sagte Susanne Gaensheimer, Direktorin der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW, der "Süddeutschen Zeitung". "Aber wenn der Lockdown noch länger anhalten sollte, müssen wir stärker differenzieren: Wo sind in unserer Gesellschaft die Orte, an denen man sich geschützt aufhalten kann? Wir könnten die Rettungsinseln sein."

Die Kunstsammlerin Julia Stoschek, die mit ihrer Stiftung zwei Ausstellungshäuser betreibt, nannte die Schließung der Museen eine "absolute Katastrophe". Kinobetreiber, Museumsdirektoren- und Direktorinnen und Kulturschaffende haben wiederholt daran erinnert, dass es keinerlei bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus in Kulturhäusern gebe.

Eckart Köhne, Chef des Deutschen Museumsbundes

Bangt um die Zukunft der Museen: Eckart Köhne

"Museen sind sichere Orte", unterstreicht der Deutsche Museumsbund, der um die Zukunft von Museen bangt. Viele hätten nach monatelanger Schließung "keinerlei finanzielle Polster mehr", erklärte sein Präsident Eckart Köhne. Die Mehrzahl der Häuser sei wegen ausbleibender Einnahmen in ihrer Existenz bedroht. "In Folge der Pandemie müssen wir mit einer tiefgreifenden Debatte über die zukünftige Rolle der Museen beginnen", fordert Köhne. 

Suche nach Ausweichterminen

Hinter den Museumstüren brodelt es. Fieberhaft loten Kuratoren und Ausstellungsteams aus, ob sie Ausstellungen verlängern können. So bemüht sich etwa das Kölner Museum Ludwig, die Schau "Andy Warhol Now", deren Eröffnungstermin aus dem Vorjahr auf Anfang Februar 2021 verschoben wurde, noch weiter hinauszuschieben.

Doch das sieht schlecht aus: Von Köln sollen die Werke nach Toronto in Kanada und Aspen im US-Bundesstaat Colorado weiterziehen.

"Die Crux sind die Leihgeberinnen und Leihgeber", sagte Direktor Yilmaz Dziewior dem "Kölner Stadt-Anzeiger", "die schon nach derzeitigem Stand zwei Monate länger auf ihre Werke verzichten müssten."

Außenaufnahem des Museum Ludwigs in Köln

Touristischer Hotspot: Das Museum Ludwig in Köln liegt direkt in der City nahe beim Dom

Hamburgs Flucht nach vorn

Mehr Glück hat da die Hamburger Kunsthalle. Zwar konnte die Giorgio de Chirico-Schau, die zuvor im Pariser Museum D'Orsay lief, wegen des Lockdowns erst mit fast halbjähriger Verspätung öffnen und vorerst auch nur digital. Doch hätten die mehr als 50 Leihgeberinnen und Leihgeber weltweit einer Verschiebung zugestimmt. Auch die Sponsoren spielten mit: "Wir haben da eine unglaubliche Solidarität erfahren", resümiert Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers im DW-Interview.

Annabelle Görgen-Lammers

Kuratierte die Hamburger de Chirico-Ausstellung, die als digitale Schau startet: Annabelle Görgen-Lammers

Gleichwohl exerziert Hamburg - anders als Köln es vermag, die "Flucht nach vorn". Was im Januar als digitales Event im Internet begann, mit Bildergalerien, Texten und kleinen Videos, könnte auch als solches enden. Denn offiziell läuft die Ausstellung bis zum 25. April. "Und niemand weiß, wie sich die Pandemie entwickelt", sagt Kuratorin Görgen-Lammers.

Ungewiss also, ob je leibhaftige Besucher in die Hamburger Ausstellung strömen werden. Zu sehen sind die Werke des italienischen Malers einstweilen per Mausklick. "Die Alternative wäre gewesen, wir lassen alles im Depot und schicken es ungesehen zurück", so Görgen-Lammers. "Aber wir haben eine Verpflichtung, die Werke zu zeigen. Kultur ist wichtig in Krisenzeiten."

Inzwischen machen die Kunstmuseen Druck auf die Politik. Sie wollen schneller raus aus dem Lockdown. Mit einem Brief an die Kulturverantwortlichen von Bund und Ländern plädierten die Leitungen führender Häuser für eine Öffnung der Museen: "Unsere Sorge gilt der Eindämmung der Pandemie, zugleich aber auch einer dem jeweiligen Verlauf von Corona angepassten Wiedereröffnung der Museen".

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) reagierte in Interviews aufgeschlossen: Die Kultureinrichtungen in Deutschland seien während der Corona-Epidemie als erstes geschlossen worden. Sie sollten nun "nicht die letzten sein, die wieder aufmachen."

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