Leiden mit China | Wirtschaft | DW | 05.08.2015
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Wirtschaft

Leiden mit China

China hat sich zur globalen Konjunktur-Lokomotive entwickelt, doch jetzt stottert der Wachstumsmotor. In Deutschland wächst die Angst, das könnte auch hier die Konjunktur abwürgen. Oder sind diese Sorgen übertrieben?

Seit einem Vierteljahrhundert ist die chinesische Wirtschaft nicht mehr so langsam gewachsen wie zurzeit. Nach Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten wirkten die wiederholten Aussagen der Regierung in Peking, auch mit einem Wachstum von 7,5 Prozent zufrieden zu sein, beinahe bescheiden. Aktuell dürfte diese Rate sogar unter sieben Prozent sinken.

Für Bernhard Esser, bei der Bank HSBC für Schwellenländer zuständig, ist das allerdings keine Überraschung. Das langsamere Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, sagt er im DW-Gespräch, sei auf "ganz klare zyklische Verwerfungen" zurückzuführen: "Die Inlandsnachfrage ist bei weitem nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit. China erhält weniger Aufträge aus dem Ausland. Das drückt natürlich die Konjunktur."

Der Osten ist in den Fokus gerückt

Wenn es früher hieß, aus Angst vor einer globalen "Ansteckungsgefahr" ein wachsames Auge auf die US-Konjunktur werfen zu müssen, muss man heute mindestens so aufmerksam nach Fernost schauen. Christina Otte von Germany Trade and Invest, einer bundeseigenen Agentur zur Förderung des Außenhandels, weist gegenüber der DW auf die Verflechtung der deutschen Wirtschaft mit China hin.

Automesse Shanghai Volkswagen

Noch macht der niedersächsische Volkwagen-Konzern in China blendende Geschäfte - aber wie lange noch?

Aufschlussreiches Indiz dafür seien die deutschen Im- und Exporte nach China: "Die sind um das Zwanzigfache angestiegen seit 1990. Und andersherum sind die Importe sogar um das Dreißigfache gewachsen. Da sieht man, wie eng verflochten beide Wirtschaften sind."

Jahrelang verwöhnt

Gerade die exportorientierte deutsche Wirtschaft, so Otte, sei über viele Jahre durch die überdurchschnittlichen Zuwachsraten der chinesischen Wirtschaft verwöhnt worden. Vielen deutschen Branchen habe ihr Engagement in China bessere Umsätze und höhere Gewinne beschert: "Für die KFZ-Branche, den deutschen Maschinenbau, die Elektroindustrie - für all diese Kernbranchen der deutschen Wirtschaft ist China mittlerweile der wichtigste Absatzmarkt. "

Zahlen des Statistischen Bundesamtes untermauern dies: 2014 hat Deutschland Waren im Wert von 74,5 Milliarden Euro nach China exportiert und dort sogar für 79,7 Milliarden Euro eingekauft.

Keine Alternative zu China

Wenn es bei einem Handelspartner zu Einschränkungen kommt, wird das beim anderen Spuren hinterlassen. Christina Otte nennt als Beispiel dafür die Autobranche: "Der chinesische Automobilverband hatte mit einem Wachstum von sieben Prozent auf dem Automarkt gerechnet. Im Juli haben sie ihre Prognose auf drei Prozent korrigiert."

Symbolbild China Handel Containerschiff

China - der amtierende Exportweltmeister

Wie groß die Umsatzeinbußen, die den deutschen Autobauern drohen, sein werden, lässt sich seriös nicht schätzen - das muss die Zukunft zeigen. Bedenklich findet Christina Otte allerdings, dass die Schwäche des chinesischen Marktes nicht durch verstärktes Engagement auf anderen Märkten ausgeglichen werden könnte: "Das ist eben schwierig. Es gibt zurzeit eigentlich keine richtige Alternative zu China."

Der Börsencrash taugt nicht als Indiz

Dass sich die chinesische Konjunktur abkühlt, ist schon länger zu beobachten. Der rasante Kursabsturz aber, der in den vergangenen Wochen an der Shanghaier Börse zu beobachten war, hat die Probleme der chinesischen Konjunktur der westlichen Öffentlichkeit noch einmal ins Bewusstsein gerückt.

Für den Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, etwa enthüllt die Börsentalfahrt "strukturelle Schwächen der chinesischen Volkswirtschaft" - das Ereignis sei daher zwar nicht direkt, aber doch mittelbar gefährlich für die deutsche Wirtschaft.

Die plötzlich zu spürende Angst vor einer drohenden Wirtschaftskrise, die sofort beschworen wurde, mag bei manchem Marktteilnehmer verständlich sein - viele Ökonomen bewerten den Crash aber besonnener.

Die Zeitung "Tagesspiegel" zitiert Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der im Crash kein Indiz für eine Wirtschaftskrise sieht und ihn lediglich als Problem der Finanzmärkte identifiziert. Fichtner jedenfalls würde "noch nicht alle Alarmglocken läuten".

Wachsamkeit als Gebot der Stunde

Das würde auch Christina Otte von Germany Trade and Invest nicht tun. Allerdings empfiehlt sie deutschen Unternehmen eine "erhöhte Aufmerksamkeit". Und die beobachtet sie bei vielen Firmen bereits: Die seien inzwischen "ein bisschen vorsichtiger in ihren Investitionsabsichten."

Video ansehen 04:29

Turbulenzen an Chinas Aktienmarkt (04.08.2015)

Vor allem legt sie auf die Feststellung Wert, dass die Konjunktureintrübung im Reich der Mitte kein Grund zur Panik sei. In vielen Medienberichten würde die aktuelle Situation schwärzer dargestellt, als sie es verdiene: "Das ist jetzt auch nicht ganz so dramatisch", meint Christina Otte.

Immer noch enormes Potential

Ganz ähnlich sieht das der HSBC-Analyst Bernhard Esser. China habe viele Baustellen zu bearbeiten: das Einkommensgefälle zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung etwa oder die Probleme, die eine immer stärker alternde Bevölkerungsstruktur schafft. Dafür müsse Peking schon große Anstrengungen unternehmen, und das alles sei mit nur "sieben Prozent Wachstum schwieriger als mit zehn Prozent Plus."

Dennoch bleibt Esser optimistisch. Er hält die chinesische Wirtschaft für robust genug, die derzeitige Wachstumsdelle zu überstehen: "Ich denke, dass die Nachfrage im Reich der Mitte doch sehr groß ist und dass es dort ein enormes Potential gibt, um auf der Industrialisierungsleiter weiter nach oben zu steigen."

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