Lateinamerika zwischen Corona und Dengue | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 29.04.2020
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Pandemie

Lateinamerika zwischen Corona und Dengue

Mit rasender Geschwindigkeit breitet sich das Coronavirus zwischen Tijuana und Feuerland aus. Lateinamerika kämpft somit gleich mit zwei Pandemien, denn es gibt auch einen alarmierenden Anstieg an Dengue-Neuinfektionen.

Dengue-Mücke Aedes Aegypti (Imago Images/Fotoarena)

Kleiner als eine Münze: die Dengue-Mücke Aedes Aegypti

In manchen Ländern gibt es wegen des Virus einen Gesundheitsnotstand. Wie bei Corona. Die Zahlen der Infizierten und Toten steigen rasant an. Wie bei Corona. Und es gibt keinen Impfstoff. Wie bei Corona.

Der Unterschied: Während das Coronavirus unsichtbar übertragen wird, ist für die andere Pandemie eine winzige Mücke verantwortlich, die bequem Platz auf einer 1-Cent-Münze hätte: die Gelbfiebermücke. Sie überträgt das Dengue-Fieber, und Lateinamerika muss damit gleich an zwei Fronten kämpfen.

Die Panamerikanische Organisation für Gesundheit, kurz OPS, vermeldete Ende März schockierende Zahlen: Allein in den ersten zwei Monaten diese Jahres gab es über 560.000 Neuinfektionen und 118 Todesfälle. Tendenz steigend. Vor allem in Paraguay, aber auch in der bolivianischen Metropole Santa Cruz und im Nordosten Argentiniens grassiert Dengue.

Schon 2019 hatte die Pandemie einen neuen traurigen Rekord in Lateinamerika gebrochen: drei Millionen Infizierte, so viele wie in keinem Jahr zuvor. Und dass es dabei lediglich zu 1530 Toten kam, liegt vor allem daran, dass sich die lateinamerikanischen Gesundheitsexperten schon besser auf das Dengue-Virus eingestellt haben. Weil sie es, im Gegensatz zum Coronaerreger, einfach schon besser kennen.

Argentiniens Kampf gegen die Gelbfiebermücke

So wie Laura López, die vor knapp 20 Jahren in einem kleinen Labor in Córdoba anfing, an Tollwut zu forschen. Seit 2009, als Dengue zum ersten Mal heftig in Argentinien ausbrach, ist sie in der Provinz verantwortlich für alles, was mit Dengue zu tun hat. Nur wenige in Argentinien kennen die Aedes-Mücke so gut wie sie.

Heute ist die Direktorin des Programms "Zoonosis" im Gesundheitsamt der Provinz Córdoba und sagt: "Wir haben das Denguefieber wegen Corona keinesfalls vergessen. Der Vorteil bei Dengue ist ja: Wir kennen das Virus in- und auswendig. Das Coronavirus dagegen ist neu und unbekannt und wir waren auf die Anforderungen in den Krankenhäusern schlichtweg nicht vorbereitet."


Laura Lopez - Direktorin des Zoonosis-Programms im Gesundheitsministeriums Córdoba (Privat)

Laura López: "Ich hoffe nicht, dass die Wirtschaftskrise durch Corona Strukturen im Gesundheitswesen zerstört“

Und so sind die spezifischen Corona-Abteilungen in den Krankenhäusern in Argentinien dazugekommen, während die Ärzte weiterhin versuchen, dass kein Patient wegen des Dengue-Hämorrhagischen Fiebers (kurz DHF) oder des Dengue-Schock-Syndroms (DSS) sterben muss. Eine enorme Herausforderung, den Ausbruch von zwei Pandemien gleichzeitig in den Griff zu bekommen.

"Im Moment haben wir in Argentinien mehr als 12.000 registrierte Fälle, so viele wie nie in unserer Geschichte. Natürlich wird diese Zahl noch enorm zunehmen, weil wir mit den Registrierungen hinterherhinken", erklärt López. Sie wisse von manchen Regionen, dass dort Dengue ausgebrochen sei, aber noch niemand registriert wurde.

"Auch Brasilien, Bolivien und Paraguay verzeichnen historische Rekordwerte bei Dengue", erklärt die Epidemiologin. Ein transnationales Problem also. Und ein typischer Anstieg für diese Jahreszeit. Die Mücke liebt das warme Wetter in den Sommermonaten Südamerikas. Durch den Klimawandel und den damit einhergehenden Anstieg der Temperaturen hat sie seit einiger Zeit noch leichteres Spiel.

Virus vorerst nur mit Verhaltensänderung bezwingbar

"Wir reden hier von einer Mücke, die quasi zum Inventar im Haus gehört", sagt Laura López. "Zum Beispiel im Garten und überall dort, wo die Menschen kleine Gefäße mit Wasser achtlos stehen lassen." Die Moskitoweibchen legen dann in das durch die Sonne gewärmte Wasser ihre Eier ab und die Larven können dort wachsen. Bevorzugtes Opfer sind später die Menschen, die sich nicht mit Insektenschutzmittel einreiben.

Wie beim Coronavirus, wo die Menschen Masken tragen und Abstand halten sollen, funktioniert die Eindämmung des Dengue-Virus nur mit einer Verhaltensänderung der Bevölkerung, so López' Erfahrung: "Und das ist verdammt schwierig und funktioniert aus meiner Erfahrung eigentlich nur mit fortlaufenden Kampagnen und wenn wir die Menschen ständig für die Thematik sensibilisieren. Davon hängt es größtenteils ab, ob wir Dengue wirklich in den Griff bekommen."

Video ansehen 02:41

Corona verschärft Krise in Argentinien

Laura López betont, dass in ihrem Programm kein einziger Peso für die Corona-Bekämpfung abgezwackt wurde, über die finanziellen Ressourcen will sie sich nicht beschweren. Langfristig setzt die Epidemiologin auf die Wissenschaft: "Wie auch bei Corona wäre bei Dengue natürlich eine Impfung die Lösung schlechthin."

Bislang seien die Impfstoffe jedoch nicht effizient genug und minimierten lediglich die Komplikationen der Krankheit, ohne den Ausbruch zu verhindern.. "Aber es sind jetzt Impfungen in der Forschung, die vielversprechend sind und Dengue viel besser kontrollieren könnten", so López.

Vom Umgang mit dem Coronavirus für die Dengue-Bekämpfung lernen

Josefina Edelstein - argentinische Journalistin (DW/O. Pieper)

Wird Corona zur Gefahr für die Dengue-Bekämfpung? Journalistin Josefina Edelstein fürchtet das.

So lange wie Laura López über Pandemien wie Dengue forscht, schreibt die Journalistin Josefina Edelstein über diese Seuchen. In Córdobas größter Tageszeitung La Voz del Interior oder auch in "La Nación", eines, wenn nicht das bedeutendste Blatt Argentiniens.

Sieht die Journalistin die Gefahr, dass die Bekämpfung des Dengue-Virus durch Corona aus dem Blickfeld gerät? "Vor den ersten Corona-Infektionen hat unser Gesundheitsminister González García noch beteuert, dass Dengue viel gefährlicher als Covid-19 sei. Aber mittlerweile hat man schon das Gefühl, dass die ganze Aufmerksamkeit dem Coronavirus gilt und alle finanziellen Mittel dorthin fließen."

Am 20. März verhängte der argentinische Präsident Alberto Fernández eine landesweite rigorose Ausgangssperre, bis zum 10. Mai dürfen die Argentinier ihre Wohnung nicht verlassen. Wegen Corona. "Dengue dagegen ist nicht neu, und obwohl wir uns auch damit in einer epidemischen Situation befinden, glaubt die Bevölkerung nicht, dass ihr diese Krankheit etwas anhaben kann", berichtet Edelstein.

Argentinien Buenos Aires | Alberto Fernandez bei Pressekonferenz (picture-alliance/dpa/R. Ferrari)

Verhängte am 20. März eine Ausgangssperre für das Land: Staatspräsident Alberto Fernandez

Dabei breitet sich das Denguefieber rasend schnell von Provinz zu Provinz aus: Córdoba. Jujuy. Buenos Aires. Tucumán. Die Journalistin überrascht der Ausbruch nicht: "In punkto Prävention wird hier in Argentinien auch seit dem letzten großen Ausbruch in 2016 viel zu wenig gemacht. Und dann kommen kulturelle Aspekte hinzu wie den Müll einfach nicht wegzuwerfen."

Josefina Edelstein ist wenig optimistisch, dass Argentinien das Dengue-Virus in den Griff bekommt. Ihre einzige Hoffnung ist, dass das Land von der Erfahrung mit dem Coronavirus lernt: "Wenn wir sehen, wie Argentinien mit der Ausgangssperre, den gesundheitlichen Empfehlungen und der gesamten Kommunikation über die Medien auf das Coronavirus reagiert hat, wäre das eine Blaupause, wie wir in Zukunft mit dem Dengue-Virus umgehen sollten."

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