Corona in Lateinamerika: Gewinner und Verlierer | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 04.04.2020
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COVID-19 und die Folgen

Corona in Lateinamerika: Gewinner und Verlierer

Die Corona-Krise verändert Lateinamerika. Politiker mit klaren Strategien gewinnen an Popularität, Leugner verlieren an Rückhalt. Das größte Problem kommt aber noch: sozialer Abstieg durch die wirtschaftliche Krise.

Vor einem Monat hat der Coronavirus Lateinamerika als eine der letzten Regionen weltweit erreicht - und schon jetzt seine Spuren in den politischen Systemen hinterlassen. Überraschend schnell können Präsidenten ihre Popularität steigern, wenn sie mit klaren Strategien gegen die Ausbreitung der Krankheit vorgehen. Das zeigt sich in Peru, Chile und Argentinien.

Macher sind Gewinner

In Peru etwa hat Präsident Martín Vizcarra sofort nach den ersten Infektionen Mitte März das Land geschlossen und einen radikalen Lockdown verhängt. Vizcarras Popularität ist seitdem von 52 auf 87 Prozent gestiegen.

In Chile hat der unbeliebte konservative Präsident Sebastián Piñera schrittweise eine soziale Isolation eingeführt, die inzwischen das öffentliche Leben stark einschränkt. Gleichzeitig hat er früh Hilfsmaßnahmen des Staates verordnet. Inzwischen konnte Piñera, der durch Demonstrationen gegen seine Regierung und für eine neue Verfassung massiv geschwächt war, seine Popularitätsrate fast verdoppeln - auf 21 Prozent.

Coronakrise Chile (picture-alliance/AP Photo/E. Felix)

Leerer U-Bahn-Wagen: Vorsichtsmaßnahmen in Santiago de Chile

Auch in Argentinien schärft Alberto Fernández sein Profil als sozialer Macher mit einer klaren Quarantäne-Politik. Über 80 Prozent der Bevölkerung stehen hinter ihm. Seine Wahl gewann er vor fünf Monaten noch mit rund 50 Prozent der Stimmen.

Corona-Leugner sind Verlierer

Umgekehrt gilt: Wenn Präsidenten die Krise leugnen, schönreden oder zögerlich reagieren, dann verlieren sie rasant an Rückhalt in der Bevölkerung. Das gilt - unabhängig von der politischen Ausrichtung - für die Populisten Jair Bolsonaro in Brasilien und Andrés Manuel López Obrador in Mexiko.

Brasilien Corona-Pandemie | Jair Bolsonaro (Reuters/A. Machado)

Bad in der Menge: Jair Bolsonaro gibt sich unverwundbar

Der rechtspopulistische Bolsonaro hält die Brasilianer gegen den Rat seiner Minister und Experten weiterhin dazu an, zur Arbeit zu gehen. Der Virus sei nicht viel schlimmer als eine Grippe, behauptet er und zeigt sich ungeschützt unter seinen Fans. Inzwischen haben fast alle brasilianischen Gouverneure das öffentliche Leben einschränkt. Jeden Abend kommt es zu lautstarkem Protest-Topfschlagen gegen den Präsidenten - auch in Wohngegenden, in denen die Mehrheit für den ehemaligen Militär gestimmt haben. Die Popularität Bolsonaros ist mit 30 Prozent auf den niedrigsten Stand seit seinem Amtsantritt Anfang 2019 gefallen.

Der linkspopulistische López Obrador hat bis vor wenigen Tagen die Mexikaner aufgefordert, in Restaurants zu gehen und sich möglichst viel zu umarmen. Doch inzwischen scheint er den Ernst der Lage erkannt zu haben. Am letzten Märztag hat er abrupt den nationalen Notstand ausgerufen. Seine Beliebtheit ist seit Anfang letzten Jahres von 78 auf jetzt 59 Prozent gesunken.

Der Absturz unter die Armutsgrenze

Die größte Herausforderung kommt aber noch auf die Regierungen zu. Denn Corona trifft auf einen wirtschaftlich geschwächten Kontinent. Die Pro-Kopf-Einkommen in der Region sinken seit 2014. Anders als während der Weltfinanzkrise 2009 haben die Staaten hohe Schulden angehäuft, ihre Währungen sind geschwächt, und die Exporte sind durch die stagnierende Weltkonjunktur rückläufig.

Armut in Argentinien | Obdachloser (picture-alliance/dpa/R. Hirschberger)

Absturz ins soziale Nichts: Obdachloser in Buenos Aires (Archivbild)

Die wirtschaftliche Krise wird sich durch die Folgen der Corona-Pandemie weltweit noch deutlich verschärfen: Die UN-Wirtschaftskommission rechnet damit, dass rund ein Drittel der 650 Millionen Lateinamerikaner unter die Armutsgrenze fallen werden. Die Zahl der extrem Armen wird den Berechnungen der UN zufolge von 68 auf 90 Millionen steigen. Weil rund 40 Prozent der Lateinamerikaner im informellen Sektor arbeiten, fällt es den Regierungen schwer, sie mit Hilfsprogrammen zu erreichen. Den meisten Regierungen wird kaum ein anderer Ausweg bleiben, als Geld zu drucken, um Verteilungsprogramme zu finanzieren.

Mit ihren beherzten Quarantäne-Aktionen können die Regierungen in Lateinamerika eine Ausbreitung des Virus und damit viele Tote verhindern. Das Imperial College in London schätzt, dass Lateinamerika mit konsequenter sozialer Isolation 2,5 Millionen Todesfälle vermeiden könnte. Das Problem ist aber – so kommentiert die Zeitschrift The Economist: Die Regierungen müssen einen Weg finden, ihre neugewonnene Popularität auch dann zu halten, wenn die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zunehmen.

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