Larisch: ″Ich lasse mich nicht mundtot machen″ | Deutschland | DW | 18.10.2015
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Deutschland

Larisch: "Ich lasse mich nicht mundtot machen"

Fälle rechter Gewalt sind gestiegen. Karen Larisch setzt sich in Mecklenburg-Vorpommern gegen Rechtsextremismus und für Flüchtlinge ein - und muss um ihr Leben fürchten. Doch sie will sich nicht einschüchtern lassen.

DW: Sie setzen sich mit ihrem Projekt Villa Kunterbündnis für ein weltoffenes Güstrow ein. Das Zentrum für interkulturelle Begegnungen wurde schon häufig von rechten Gruppen angegriffen. Können Sie die Attacken überhaupt noch mitzählen?

Karen Larisch: Kaum. Ich habe mehr als 120 Anzeigen gemacht. Alle Taten zeige ich aber nicht an, weil es bei einigen keine Aussicht auf Erfolg gibt. In der Villa Kunterbündis haben sie schon öfter die Tür gesprengt, sind eingestiegen und haben alles verwüstet. Manchmal stehen sie einfach vor der Tür und pöbeln herum. Und dann gibt es auch direkte Angriffe auf mich. Das fängt bei Morddrohungen an und geht bis zu Mordaufrufen - teilweise werden sogar Belohnungen auf meinen Kopf ausgesetzt! Es gab auch einen Einbruch in meiner Wohnung, ich wurde körperlich attackiert und eines meiner Kinder wurde bedroht.

Warum machen die das?

Das ist Strategie. Ich bin auch noch Stadtvertreterin und Kreistagsabgeordnete. Ich sitze im Sozialausschuss der Stadt und bin Sprecherin eines Demokratiebündnisses, das sich gegen Nazis und Rechtsextremismus einsetzt. Ich glaube, das politische Engagement ist eher der Grund. Die suchen sich ganz strategisch eine Person raus - und in Güstrow bin ich das. Die attackieren so heftig, dass das auch Einfluss auf andere Menschen hat. Wir haben hier viele Bürger, die sich sehr engagieren, aber das nicht mehr öffentlich tun möchten. Da schwingt mittlerweile einfach Angst mit. Das ist eine Einschüchterungsstrategie. Sie wollen sagen: 'Halt deine Klappe, sonst bist du der Nächste!'

Wie weit geht diese Einschüchterung?

Sie haben hier im Landkreis auch schon versucht, einem Bürgermeister eines kleinen Dorfes Angst einzujagen. Der hat sich das nicht bieten lassen. Aber es hat natürlich direkten Einfluss auf die Bewohner. Und genauso ist das auch hier in Güstrow. Die Menschen sagen am Ende: 'Toll, dass ihr euch engagiert, aber wir wollen eigentlich nichts abbekommen.'

Das heißt, die Strategie der Rechten geht auf?

Wir hatten eine Zeit, da waren alle Fenster in Güstrow mit bunten Fahnen behängt, wenn die Rechten aufmarschiert sind. Da waren noch bestimmt 400 Menschen auf der Straße. Aber mittlerweile werden es immer weniger. Da ist wirklich ein Klima der Angst entstanden. Die Szene hier in Güstrow ist sehr gewaltbereit. Das geht von Überfällen auf Jugendklubs, wo Kinder mit heißem Teer übergossen werden, bis zu Angriffen auf Behinderte. Das schüchtert alle massiv ein.

Eine Demonstration gegen rechte Gewalt vor der Villa Kunterbündnis in Güstrow (Foto: Bernd Wüstneck /dpa)

Demonstration gegen Rechtsextremismus im April 2015 vor der Villa Kunterbündnis in Güstrow

Hat sich die Gewaltbereitschaft der rechten Szene in diesem Jahr noch verstärkt?

Ja, ich nenne es mittlerweile 'rechten Terror'. In der Stadt Güstrow selbst hat es zwar noch nicht gebrannt, aber im Landkreis standen schon Flüchtlingsunterkünfte in Flammen. Es wird vor den Unterkünften regelmäßig gefilmt, jedes Wochenende gibt es rechte Mahnwachen. Sie kommen auch in die Stadtvertretersitzung, setzen sich hinten ins Publikum und schauen diejenigen starr an, die ihnen nicht passen. Dann hält man lieber den Mund, weil man nicht weiß, was danach auf dem Heimweg passieren kann. Es spitzt sich wirklich zu.

Warum unternimmt die Polizei den nichts gegen diese Gewalttäter?

Ich glaube, die Polizei ist komplett überfordert. Wir haben seit kurzem ein Erstaufnahmelager, 20 Kilometer entfernt. Dort sind mittlerweile 1000 Flüchtlinge unterbracht. Das ist alles sehr schnell vonstattengegangen. Andererseits hat man jahrelang die rechten Gruppen für Spinner gehalten. Niemand hat wirklich daran und mit denen gearbeitet. Und deshalb ist auch die Gewaltbereitschaft weiter gestiegen - niemand hat sie wirklich gebremst. Und mit der Flüchtlingssituation sind nun einfach alle hier überfordert. Trotzdem gibt es immer noch viele, die anpacken und helfen.

Glauben sie, dass die Demokratie von den rechten Bewegungen ausgehebelt wird?

Das glaube ich schon. Ich stehe unter offenem Polizeischutz. Das heißt, die Polizei sagt mir, dass ich nach 17 Uhr nicht aus dem Haus gehen darf. Oder, dass ich nicht an bestimmte Orte darf. Meine Lebensführung ist komplett eingeschränkt. Die, die mir das antun, können aber frei herumlaufen. Das ärgert mich - das ist nicht demokratisch. Genauso im Projekt: Wir arbeiten in Schichten, von morgens vier Uhr bis abends 22 Uhr. Jetzt wird uns gesagt, dass wir die Arbeitszeiten einschränken sollen. Wir sollen um neun Uhr öffnen und um 17 Uhr schließen. So können wir aber nicht arbeiten.

Sie wollen damit sagen, die Polizei hat Angst, das eigentliche Problem anzugehen?

Ja, das ist mein Gefühl.

Warum machen Sie nach so vielen Übergriffen auf ihre Person weiter mit dem Projekt Villa Kunterbündis und ihrer eigenen Arbeit?

Wenn ich mich jetzt mundtot machen lasse, dann haben die gewonnen. Das kommt überhaupt nicht in Frage - dazu bin ich zu ehrgeizig. Aber dass ich weiter mache, ist auch ein Signal an die anderen Menschen, die sich hinstellen und sagen: 'Schön, dass es dich gibt!' Und ich möchte ein Beispiel für meine Kinder sein, dass man kämpfen und für seine Überzeugung eintreten muss. Und manchmal wird man auch bestätigt. Wir haben aktuell durch die vielen Angriffe auf die Villa und die dadurch entstandenen Schäden mehr als 40.000 Euro Schulden. Das ist zu dem Schauspieler Til Schweiger durchgesickert, der uns nun gerade 20.000 Euro gespendet hat. Das rettet uns zwar nicht ganz, aber es hilft.

Karin Larisch ist Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin der Villa Kunterbündnis. Dort befindet sich eine Raum für interkulturelle Begegnungen. Die Villa bietet auch Betreungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung, Senioren, Flüchtlinge und Kinder an. Karin Larisch ist für die Partei Die Linke Stadtvertreterin und Kreistagsabgeordnete.

Das Interview führte Nicolas Martin

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