Kurioser Streit um zerstörtes Holocaust-Mahnmal in Marokko | Afrika | DW | 29.08.2019
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Gedenken

Kurioser Streit um zerstörtes Holocaust-Mahnmal in Marokko

In Marokko wurde ein neu errichtetes Holocaust-Mahnmal abgerissen. Ein Fall von Behördenwillkür oder gar Antisemitismus? Nicht unbedingt. Marokkos jüdische Gemeinde ist mit dem Vorgehen der Behörden einverstanden.

Marokko NGO PixelHELPER (PixelHELPER.org)

Hier hätte das erste Holocaust-Mahnmal in Nordafrika stehen sollen

Jüdisches Leben ist seit Jahrhunderten Teil der marokkanischen Gesellschaft. Die Wurzeln reichen bis in die frühe Römerzeit zurück. Heute gehört der nordafrikanische Staat zu den wenigen arabischen Ländern, in denen jüdische Kultur weitgehend akzeptiert ist.

Auch in Marokkos Geschichte wird deutlich, dass Juden in Marokko eine Heimat haben. König Mohammed V. stand in der Nazi-Zeit im Ruf, Juden zu schützen. 1956 - nach Erringung der Unabhängigkeit von Frankreich - sagte er zudem: "Alle Juden sind meine Kinder", und erkannte sie damit einerseits offiziell an, während er andererseits auch versuchte, damit ihre Ausreise nach Israel zu verhindern.

In dem nordafrikanischen Land lebte einst die größte jüdische Gemeinde der arabischen Welt - bis in die 1950er Jahre sollen es nach unterschiedlichen Quellen rund 270.000 Menschen gewesen sein. Heute ist die Gemeinde massiv zusammengeschrumpft, auf schätzungsweise rund 2000 Gemeindemitglieder, die besonders in größeren Städten wie Fés und Casablanca religiös durchaus aktiv sind. Einmalig in der arabischen Welt ist auch das Museum für die Kultur jüdischer Marokkaner, das sich in Casablanca befindet.

Jüdisches Kulturerbe in Marokko (DW/B. Elasraoui)

Marokkanische Juden vor dem alten Tor "Bab Elmellah" in Fés

Zwar gab es auch in der Geschichte Marokkos anti-jüdische Pogrome und eine massive Auswanderungswelle nach der Gründung Israels. Doch anders als in vielen Ländern gab es in Marokko unter dem amtierenden König Mohamed VI. sogar bereits Versuche, das Wissen über Holocaust und Antisemitismus im Erziehungssystem zu verankern, wenngleich die Umsetzung auf sich warten lässt. Mohamed VI. hat mit André Azoulay auch einen prominenten jüdischen Spitzen-Berater, der solche Ideen unterstützt.

"Von Idealen der Freimaurer inspiriert"

Und ausgerechnet in Marokko sorgt nun ein Holocaust-Mahnmal für Schlagzeilen, das vor Kurzem einfach abgerissen wurde. Wie konnte es dazu kommen?

Hinter dem Projekt steckt eine in Deutschland gemeldete, aber hierzulande wenig bekannte Initiative namens "Pixelhelper", die sich als Menschenrechts-Organisation versteht und bislang unter anderem durch Lichtinstallationen für Aufsehen sorgte, beispielsweise, als sie ein Dia an die Front der amerikanischen Botschaft in Berlin projizierte und damit die Spitzelei des US-Geheimdienstes NSA kritisierte. 

Pixelhelper-NSA Protest ( pixelhelper.org)

2014 versuchte Pixelhelper mit einer Lichtprojektion auf die US-Botschaft in Berlin die Medien auf die Spionageprogramme der USA aufmerksam zu machen

Das demolierte Mahnmal in Marokko sei für "die ermordeten Juden in Europa & gegen die Verfolgung von Minderheiten wie Sinti & Roma, muslimische Uiguren und Schwule", steht auf der Internetseite der Organisation, die laut eigenen Angaben "von den Idealen der Freimaurer inspiriert" ist. Gründer Oliver Bienkowski plante ein pompöses Monument in der Ortschaft Ait Faska bei Marrakesch, das dem berühmten Holocaust-Mahnmal in Berlin ähnelt, allerdings fünf Mal so groß werden sollte wie das in der deutschen Hauptstadt.

Oliver Bienkowski Porträt Pixelhelper (pixelhelper.org)

"Von den Freimaurern inspiriert": Der deutsche Lichtkünstler und Aktivist Oliver Bienkowski vor der Baustelle in Marokko

Doch die 10.000 geplanten Stelen werden nun nicht in Marokko an den Holocaust erinnern. Denn trotz des hehren Ansatzes ist das Mahnmal abgerissen worden - aufgrund einer fehlenden Baugenehmigung, wie es aus dem Innenministerium in Rabat heißt.

Eine Aussage, die bei Erbauer Bienkowski auf Unverständnis trifft: "Die marokkanischen Behörden und Botschaften waren zu jedem Zeitpunkt über unsere Pläne informiert. Leider wurde von Anfang an jede Zusammenarbeit von den Behörden verweigert und im ersten Jahr alle Termine vom Bürgermeister abgelehnt", teilt er auf DW-Anfrage mit. Nun verlangen er und seine Organisation eine Wiedergutmachung und eine Entschädigung von rund 100.000 Euro.

Marokko NGO PixelHELPER (PixelHELPER.org)

Nach dem Vorbild des Holocaust-Mahnmals in Berlin hätte hier eine fünfmal so große Gedenkstätte errichtet werden sollen

Das Kunstwerk sei geschändet und seine eigene Ausrüstung zerstört worden, so der in Marokko lebende deutsche Aktivist. Auf die Frage, ob sein Projekt eine Baugenehmigung hatte, antwortet Bienkowski: "Wir haben alle Anträge gestellt. Für unser Projekt wurde aber nichts davon bearbeitet." Seine Pläne waren freilich nicht gerade bescheiden: Ziel von "Pixelhelper" sei, der "größte Arbeitgeber im marokkanischen Ort Ait Faska zu werden und von hier Probleme in ganz Afrika zu lösen", so Bienkowski. Andere namhafte Menschenrechtsorganisationen, wie Human Rights Watch (HRW) in Berlin, äußern sich bisher nicht zu dem Vorgang. "Ich kenne diese Initiative nicht und habe keine Ahnung, welche Aktivitäten diese unternimmt", so ein HRW-Sprecher anonym gegenüber der DW.

Erregte Debatte über Mahnmal und Israel

Jüdische Gemeinde in Marokko (DW/H. Driouich)

Jacky Kadush von der jüdischen Gemeinde in Marrakesch

Vor dem Abriss des Mahnmals hatte es in Marokko eine erregte Debatte in Medien und auf Socialmedia-Plattformen gegeben, die von dort aus auch schnell ihren Weg in die israelische Presse fand. Direkte anti-jüdische Töne waren dabei von bekannten Persönlichkeiten zwar nicht zu vernehmen. Doch viele Kritiker stellten einen Zusammenhang zu Israels Politik gegenüber den Palästinensern her. So zitierten marokkanische Medien einen bekannten Salafisten:"Wie könnte der Staat so etwas erlauben, wo wir noch nicht einmal ein Mahnmal für die Palästinenser und zur Erinnerung an die Gräueltaten des zionistischen Staates gebaut haben?!" Und die pan-arabische Zeitung "Alsharq Al-Awsat" zitierte den marokkanischen Menschenrechtler Abdel Hamid Amin mit den Worten, der Holocaust sei doch "in Deutschland und anderen Ländern" passiert. Marokko hingegen habe "keine gewalttätigen Konflikte zwischen Muslimen und Juden erlebt", argumentierte er gegenüber dem Blatt. Die Initiative ziele seiner Meinung nach vielmehr darauf ab, den Boden für eine politische Normalisierung der Beziehungen zwischen Marokko und Israel zu ebnen. 

Eine solche Normalisierung ist bisher an einer einvernehmlichen Lösung des Nahost-Konflikts gescheitert. Doch es gilt seit vielen Jahren als offenes Geheimnis, dass Marokko und Israel unter anderem wirtschaftliche Kontakte auf informeller Ebene unterhalten. Dies gefällt nicht jedem in Marokko - viele einfache Bürger in dem Land fühlen sich vor allem mit den Palästinensern solidarisch.    

Sogar Vertreter der marokkanischen Juden äußerten Kritik an dem Holocaust-Projekt und zeigten Verständnis für das Vorgehen der Behörden. Jacky Kadush, offizieller Vertreter der jüdischen Gemeinde in Marrakesch, gegenüber der DW: "Wir wurden diesbezüglich nicht kontaktiert. Außerdem kennen wir weder diesen Künstler noch seine Absicht." Marokko habe einen König, der sich für die Juden einsetze und ihre Rechte garantiere, betont Kadush - und demonstriert damit ausdrücklich seine Loyalität zur marokkanischen Staatsführung, auf dessen Schutz die jüdische Minderheit in dem mehrheitlich muslimischen Land vertraut und auf den sie im Falle eines tatsächlichen Konflikts auch angewiesen wäre.  

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