Kunsthistorikerin Ulli Seegers zum Einbruch ins Grüne Gewölbe: ″Für Museen bleibt immer ein Restrisiko″ | Kunst | DW | 29.11.2019
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Geraubter Juwelenschatz

Kunsthistorikerin Ulli Seegers zum Einbruch ins Grüne Gewölbe: "Für Museen bleibt immer ein Restrisiko"

Das Thema Kunstraub ist ihr nicht fremd: Die Düsseldorfer Professorin Ulli Seegers hat früher das deutsche Register für vermisste Kunst geleitet. Wie schätzt sie die Chancen ein, den Dresdner Schatz wiederzubeschaffen?

Deutsche Welle: Bei dem Einbruch in Dresdens berühmte Schatzkammer Grünes Gewölbe wurden Schätze unermesslichen Ausmaßes gestohlen. Eine persönliche Frage: Was haben Sie als Kunstexpertin zunächst gedacht oder auch gefühlt, als sie von dem Raub hörten?

Ulli Seegers: Ich konnte es erst kaum glauben, weil das Grüne Gewölbe vor noch nicht allzu langer Zeit mit großem Aufwand wunderschön wieder hergerichtet worden ist. Das war eine Perle, eine Schatzkammer des Weltkulturerbes. Ich habe es selber erst noch vor wenigen Monaten gesehen. Ich bin Kunsthistorikerin, und, ja, dann blutet einem das Herz. Das ist wirklich ein immenser Schaden, ein Schatz, der wahrscheinlich unwiederbringlich verloren ist.

Glauben Sie, dass das Grüne Gewölbe zu wenig geschützt war?

Das ist für mich als Kunsthistorikerin schwer zu beurteilen. Trotzdem bin ich sicher, dass diese Schatzkammer gerade aufgrund der erwähnten Restaurierung den internationalen Sicherheitsstandards entsprochen hat. Tatsache ist gleichzeitig, dass dieser Standard nicht ausgereicht hat, sonst wäre es nicht zu diesem Einbruchdiebstahl gekommen.

Man darf nicht vergessen, dass Museen eben keine Hochsicherheitstrakte sind. Museen und auch Schatzkammern wie das Grüne Gewölbe sind dafür da, dass man Menschen den kulturellen Schatz eines Landes, einer Kultur oder der Menschheit zeigt. Menschen haben ein Interesse daran, möglichst nah an diese Schätze heranzutreten. Das heißt, man muss ziemlich genau abwägen, was das Interesse der Öffentlichkeit ist und wie man diese Schätze von unwiederbringlichem, vor allen Dingen kulturellem Wert maximal schützen kann. Da müssen Kompromisse gefunden werden. Wo man Menschen hinein und die Öffentlichkeit partizipieren lässt, bleibt immer ein Restrisiko.

 Ulli Seegers | Kunsthistorikerin (picture-alliance/dpa/H. Ossinger)

Ulli Seegers lehrt am Kunsthistorischen Institut in Düsseldorf mit dem Spezialgebiet Kunstvermittlung und Kunsthandel

Jetzt soll eine hohe Belohnung von 500.000 Euro helfen, die Täter oder die kostbare Beute zu finden. Können solche Anreize nützen, den Schatz wiederzubeschaffen?

Der Druck, der auf den zunächst erfolgreichen Tätern lastet, ist immens hoch, weil sie jetzt natürlich das Risiko laufen, über ihre wertvolle Beute rasch identifiziert zu werden. Solche Anreize und eine halbe Million Euro sind, denke ich, Anreiz genug für den einen oder anderen Mitwisser. Wir wissen ja immer noch nicht, wie weit diese Kreise vernetzt sind und wie strukturiert sie agieren. Es steht zu hoffen, dass es da vielleicht den einen oder anderen gibt, der sich über diese Summe auch als Kronzeuge zur Verfügung stellt.

Der gestohlene Schatz ist inzwischen extrem bekannt. Warum sind denn überhaupt Kunst und Kulturgüter ein so begehrtes Diebesgut?

In diesem speziellen Fall müssen wir unterscheiden: Wir haben es hier mit historischen Juwelengarnituren zu tun. Diamanten, die mit einem besonderen Schliff aus dem 18. Jahrhundert versehen sind. Schon der Materialwert von solchen Juwelen ist enorm hoch. Das ist bei Gemälden beispielsweise völlig anders. Da ist ein bisschen Leinwand, ein bisschen Farbe, aber der Wert definiert sich allein über die kulturelle und künstlerische Zuschreibung.

In den letzten Jahren beobachten wir eine zunehmende Tendenz, dass sich international vernetzte Banden häufig auf Objekte konzentrieren, die einen hohen Materialwert haben. Denken Sie an den Einbruch ins Bode-Museum 2017, als diese große Goldmünze gestohlen worden ist. Die hatte einen fast hundertprozentigen Reinheitswert, über 100 Kilo reines Gold sind damals abtransportiert worden. Das gleiche gilt jetzt für diesen Juwelenschatz, bei dem nun tatsächlich zu befürchten steht, dass die Gangster diesen einmaligen Kulturschatz zerstören und in Einzelteile zerlegen werden.

Sie gehen davon aus, dass sich die gestohlenen Juwelen in ihrer jetzigen Form nicht verkaufen lassen und die Diebe sie wahrscheinlich neu schleifen lassen wollen?

Ja, ganz klar. Diese Objekte sind in verschiedenen zentralen Registern detailliert erfasst und fotografisch dokumentiert. Das heißt, kein Juwelier weltweit, der nicht selber kriminell agiert, würde diese Objekte nicht sofort erkennen können. Einfach aufgrund ihres historischen Schliffes unterscheiden sie sich ja von gängiger Markenware. Insofern sind die Objekte, so wie sie sind, sicherlich nicht frei verkäuflich, ohne dass die Täter sofort gefasst werden könnten.

Dresden | Grünes Gewoelbe (Getty Images/S. Gallup)

2006 wurde das Grüne Gewölbe nach vierjähriger Restaurierung wiedereröffnet

Es wird ja auch immer wieder von Liebhabern gemunkelt, die einen Kunstschatz einfach nur besitzen wollen. Halten Sie das für eine realistische Perspektive?

Das sind Geschichten, die wir aus Hollywood-Filmen kennen. Da ist dann der Unbekannte im Hintergrund, der aufgrund seiner unendlichen Liebe zur Kunst und Kultur den Auftrag erteilt, um sich dann in seinen persönlichen Gemächern an der Beute zu ergötzen.

Sie selber waren von 2001 bis 2008 Geschäftsführerin der deutschen Sparte des Art Loss Register. Wozu dient ein solches Register?

Das Art Loss Register hat wie andere Datenbanken eine ganz wichtige Funktion: Es sammelt weltweit zentral Meldungen über vermisste Kunst. Das Verschwinden von Kunst kann durch Diebstahl, durch Raub, aber auch durch Konfiskation eintreten – denken Sie an die NS-Raubkunst. Das heißt, überall dort, wo Kunst vermisst wird, wird sie in diese zentralen Register aufgenommen. Das hat auf der einen Seite etwas damit zu tun, dass Anfragen, sei es von polizeilicher Seite oder vom Markt heraus, schon schnell Aufschluss über die Provenienz und über den Status eines Objektes geben können. Auf der anderen Seite ist natürlich damit eine wichtige Möglichkeit gegeben, die internationale Handelsware mit dem Bestand der Verlustdatenbank kontinuierlich abzugleichen. Die Mitarbeiter des Registers sind beispielsweise Tag für Tag damit beschäftigt, Auktionskataloge durchzuschauen oder auf Kunstmessen in die einzelnen Auslagen und an die Stände zu gehen, um die verlorenen Objekte, die registriert sind, mit der aktuellen Handelsware abzugleichen. Da werden regelmäßig auch sogenannte Matches getätigt.

Wie oft werden Kunstdiebstähle aufgeklärt?

Man muss ganz klar unterscheiden zwischen den einzelnen Sparten. Mit Abstand am besten zu identifizieren sind Gemälde, einfach dadurch, dass sie häufig durch Fotografien oder durch gute Beschreibungen hervorragend dokumentiert sind. Sie sind definitionsgemäß, meistens jedenfalls, Unikate. Es gibt nur ein Original, und da kann man sehr schnell erkennen, ja, es ist das gesuchte Werk. Aber auch bei Gemälden liegt die Aufklärungsquote im kleinen zweistelligen Bereich. Als ich noch Geschäftsführerin des deutschsprachigen Registers in Köln war, waren wir bei elf bis zwölf Prozent. Das ist eine doch eher erschreckend geringe Quote. Bei Juwelen ist die Aufklärungsquote leider noch geringer.

Bildkombo Gestohlene Exponate aus dem Grünen Gewölbe in Dresden

Die Sorge ist groß, dass die Juwelen nicht in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben könnten

Wie viel Hoffnung können Sie den Dresdnern trotz allem noch machen, dass ihre Juwelen wieder auftauchen?

Ich würde natürlich sehr gerne auch den Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die eine ganz vorzügliche Arbeit leisten, Hoffnung machen. Aber aufgrund meiner Erfahrung im internationalen Kunstmarkt im Bereich der Kunstkriminalität ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Juwelengarnituren, so wie sie sind, irgendwann wieder auftauchen, eher gering.

Ulli Seegers ist Professorin für Kunstvermittlung und Kunstmanagement an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, einem in Deutschland einzigartigen Studiengang. Sie publizierte neben anderem zur "Ethik im Kunstmarkt" und zur Kunst des 20. Jahrhunderts. 2001 bis 2008 war sie Geschäftsführerin des deutschen Zweigs des Registers für gestohlene oder vermisste Kunst, International Art and Antique Loss Register Limited.

Das Gespräch führte Sabine Peschel

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