Regisseurin Karimi: ″Den Taliban ist Kunst egal″ | Kultur | DW | 16.10.2021
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Kunstfreiheit in Afghanistan

Regisseurin Karimi: "Den Taliban ist Kunst egal"

Um den Konflikt in Afghanistan zu lösen, dürfe nicht mit den Taliban verhandelt werden, so die afghanische Regisseurin Sahraa Karimi.

Sahraa Karimi steht vor eine blauen Wand bei den Internationale Filmfestspiele von Venedig 2021.

Sahraa Karimi bei den Filmfestspiele von Venedig 2021

Seit sich ihr dramatischer Appell an die internationale Gemeinschaft, die afghanische Kunst- und Kultur-Community zu retten, im Internet verbreitete, ist die afghanische Filmemacherin Sahraa Karimi zu einem Sprachrohr ihrer Landsleute geworden. 

Die jüngste Botschaft der Regisseurin an die Welt ist kurz und bündig: "Verhandelt nicht mit den Taliban!"

"Wir wissen, dass die Taliban nach Anerkennung suchen, aber jetzt scheint es, als ob ausländische Mächte die Anerkennung der Taliban anstreben. Das ist so absurd und so schmerzhaft", sagte Karimi der DW, am Rande der Podiumsdiskussion "Last Flight Kabul: Perspektiven für Kunst und Kultur in Afghanistan", die am 12. Oktober in der Bundeskunsthalle Bonn stattfand. 

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Die Berichte über Treffen deutscher Vertreter mit den Taliban bezeichnete sie als "eine Schande" und appellierte: "Ich bitte Deutschland und andere Staaten, kein falsches Bild von den Taliban zu zeichnen im Glauben, diese hätten sich gewandelt. Sie haben sich nicht verändert."

Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit aufrechterhalten

Die 1985 in Teheran geborene Karimi ist die erste Frau an der Spitze der "Afghan Film Organization" (AFO). Ihr Film "Hava, Maryam, Ayesha" wurde 2019 bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt.

Nachdem mehrere Familienmitglieder von den Taliban getötet worden waren, floh die 36-Jährige am 15. August 2021 zusammen mit ihren Geschwistern und Nichten aus Kabul. Derzeit lebt sie als Flüchtling in der Ukraine und arbeitet an einem Film, der ihre Flucht dokumentiert.

Bei verschiedenen Veranstaltungen hat Karimi seither ihre Stimme erhoben, um sicherzustellen, dass die Notlage ihrer afghanischen Landsleute nicht vom Nachrichtenradar verschwindet. 

"Indem wir einen Dialog schaffen und darüber reden, halten wir das Thema am Leben. Denn es wird immer neue Schlagzeilen geben, und die Menschen werden Afghanistan vergessen", sagte sie und fügte hinzu, dass es wichtig sei, jetzt über die Taliban zu sprechen, weil sie wüssten, dass sie ohne mediale Aufmerksamkeit radikale Veränderungen im Land vornehmen könnten.

Kultur und Rechte der Frauen bewahren

Auf die Frage, welche originären afghanischen Kunstformen oder kulturellen Errungenschaften durch die jüngsten Veränderungen verloren gehen könnten, nannte Karimi "Mode, Kino und Musik".

Sie beschrieb, wie die traditionelle afghanische Kleidung nach Jahren des pakistanischen, indischen und iranischen Einflusses wieder an Popularität gewann. "Sie wurde Teil unseres Stils, und wir hatten viele gute Boutiquen und Modedesigner, und die meisten von ihnen waren Frauen."

Nun zielten die Taliban auch direkt auf die Mode ab. Indem sie Frauen verbieten, zur Arbeit zu gehen ihr Gesicht oder ihre Kleidung zu zeigen, so Karimi weiter. 

Mitte September beteiligten sich afghanische Frauen auf der ganzen Welt an einer Kampagne in den sozialen Medien, um gegen den von den Taliban verhängten schwarzen Dresscode für Studentinnen zu protestieren. Sie teilten Fotos von sich in farbenfrohen traditionellen afghanischen Kleidern unter den Hashtags #DoNotTouchMyClothes und #AfghanistanCulture.

Karimi verwies außerdem darauf, dass die meisten prominenten afghanischen Filmregisseure heute weiblich seien. "Wir wollten das Narrativ über Afghanistan ändern und neue Geschichten zum Leben erwecken", sagte sie. Doch wie sie sind auch viele ihrer Kolleginnen aus dem Land geflohen.

Freiheit ohne Angst

Kamiri stimmte zwar zu, dass nicht alle Afghanen die "kulturelle Renaissance" mitmachten, die während der 20-jährigen Präsenz internationaler Streitkräfte in Afghanistan stattfand, doch in der Zeit mussten diejenigen, die sich der Tradition widersetzten nicht mit drastischen Konsequenzen rechnen.

"Sie töteten dich nicht, wenn du kein Kopftuch trugst oder Aktbilder gemalt hast. Das Schlimmste war, dass sie dich falsch interpretieren oder verurteilen konnten. Aber sie haben dir nicht wehgetan und dich ins Gefängnis gesteckt. Wir waren ziemlich frei, aber wir hatten kaum finanzielle Unterstützung für Kunst- und Kulturaktivitäten", sagte Kamiri der DW und fügte hinzu, dass diese Bereiche damals auch keine Priorität  für das Land hatten.

Problematisch sei indes gewesen, sagte Karimi während der Podiumsdiskussion, dass internationale Geldmittel manchmal nicht die jüngeren, unabhängigen afghanischen Filmemacher und Filmemacherinnen erreicht hätten, sondern diejenigen, die eher Klischees über das Land und seine Menschen aufrechterhielten. 

Zugleich unterstrich Sahraa Karimi, dass die afghanische Kunst und Kultur nur durch die Kreativität und das Engagement der afghanischen Menschen selbst gerettet und erhalten werden könne.

Karimi: Deutschland muss Druck machen

Abgesehen von der wiederholten Aufforderung an die internationale Gemeinschaft, nicht mit den Taliban zu verhandeln, räumte Karimi ein, dass ihr keine andere Lösung für die derzeitige Pattsituation einfalle, als dafür zu sorgen, dass Afghanistan im kollektiven Gewissen der internationalen Gemeinschaft präsent bleibe.

Laut Karimi gibt es eine Überlebenschance für die kulturellen Freiheiten und die Zivilgesellschaft in Afghanistan - wenn Deutschland als wichtiger Player in Europa Druck auf die Taliban ausübt, die Menschenrechte, die Teilhabe der Frauen und die demokratischen Werte im Allgemeinen zu wahren.

Übersetzung aus dem Englischen von Sven Töniges. 

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