Hilferuf: ″Die Taliban werden die Kunst verbieten″ | Kultur | DW | 16.08.2021
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Afghanistan

Hilferuf: "Die Taliban werden die Kunst verbieten"

Afghanistan ist wieder in der Hand der Taliban, der Traum von Freiheit ist ausgeträumt. Filmemacherin Sahraa Karimi schickte einen Hilferuf an die Welt.

Regisseurin Sahraa Karimi

Regisseurin Sahraa Karimi fürchtet das Regime der Taliban

Ein schockierendes Handyvideo auf Twitter zeigt den Ernst der Lage: Während ein Transporter der US-Army über das Flugfeld rollt, hängen sich Menschen in Trauben an das abhebende Flugzeug. 

Die Vereinigten Staaten evakuieren Botschaftsangehörige und afghanisches Personal. Alle anderen müssen im Land bleiben, darunter Künstler, Filmemacher, Autoren, Musiker. Was sie erwartet? Nichts Gutes.

Es ist ein Drama, das sich in Echtzeit vor den Augen der Weltöffentlichkeit abspielt: "Ich schreibe Ihnen mit gebrochenem Herzen und in der tiefen Hoffnung, dass Sie helfen, mein wunderbares Volk und insbesondere die Filmemacher vor den Taliban zu schützen", meldete sich die afghanische Regisseurin Sahraa Karimi am 13. August per Twitter zu Wort. Auf ihrem Eroberungszug in den letzten Wochen hätten die Taliban "das Volk massakriert, viele Kinder entführt, Mädchen als Kinderbräute an ihre Kämpfer verkauft, eine Frau wegen ihrer Kleidung ermordet, einer anderen die Augen ausgestochen, einen unserer geliebten Komiker gefoltert und ermordet, einen unserer historischen Dichter ermordet, den Leiter der Kultur- und Medienabteilung der Regierung ermordet, regierungstreue Menschen ermordet, Männer öffentlich gehängt. Sie haben Hunderttausende von Familien vertrieben."

"Sie werden jegliche Kunst verbieten"

Die Filmemacherin Sahraa Karimi ist die erste und einzige Frau Afghanistans mit Doktortitel in Filmregie und Drehbuch. Ihr Film "Hava, Maryam, Ayesha", gedreht am Hindukusch, war 2019 bei den Filmfestspielen in Venedig zu sehen und erzählt die Geschichte von drei afghanischen Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft zwischen Tradition und Moderne. Für ihren Film hatte Karimi noch vor der Premiere eine prominente Unterstützerin gefunden - Angelina Jolie. "Jeder Film, der in Afghanistan entsteht, ist ein Triumph", betonte die US-Schauspielerin damals. "In Zeiten, in denen die Zukunft des Landes in der Schwebe ist, erinnert uns dieser Film daran, was für Millionen afghanischer Frauen auf dem Spiel steht, die die Freiheit, Unabhängigkeit und Sicherheit verdienen, ihre eigenen Entscheidungen über ihr Leben zu fällen."

Bis zuletzt leitete Karimi das Filminstitut Afghan Film in Kabul. Für den überstürzten Truppenabzug der Amerikaner hat sie kein Verständnis. "Alles, was ich als Filmemacherin in meinem Land so hart aufgebaut habe, ist in Gefahr unterzugehen", schrieb sie in ihrem dramatischen Hilferuf, "wenn die Taliban die Macht übernehmen, werden sie jegliche Kunst verbieten!" 

Am 15. August twitterte sie verzweifelt: "Die Taliban haben Kabul umzingelt, ich wollte Geld von der Bank holen, aber sie wurde geschlossen und evakuiert. Ich kann immer noch nicht glauben, was passiert. Bitte, betet für uns. Ich rufe noch mal: Leute dieser großen weiten Welt, bitte, schweigt nicht; sie kommen, um uns zu töten."

Mittlerweile ist Sahraa Karimi selbst auf der Flucht: Bei Facebook und Instagram postete sie mehrere Videos, die sie auf ihrem Weg zum Flughafen in Kabul zeigen - gemeinsam mit unzähligen anderen Afghanen, die hier ihre letzte Chance sehen, dem langen Arm der Taliban zu entkommen. Am Dienstagmorgen deutscher Zeit dann die erlösende Nachricht via Twitter: "I am alive and safe" ("Ich lebe und bin in Sicherheit").

Ein Foto zeigt sie mit ernstem Gesicht. Mittlerweile konnte sie außer Landes fliehen, berichtetet sie der DW. Sie hält sich derzeit in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, auf.

Angst vor der Rache der Taliban

"Die Taliban gehen völlig willkürlich mit Künstlern um", erklärten auch die Mitglieder einer bekannten afghanischen Musikband, die schon virale Hits im Internet gelandet hat, produziert in einem eigenen Studio in Kabul. In ihren Texten haben sie die Freiheit verteidigt. Noch vor wenigen Tagen träumten die jungen Männer von Konzerten im Westen. Nun möchten sie ihre Namen nicht einmal mehr in den Medien genannt wissen, so groß ist die Angst vor der Rache der Taliban. Stattdessen baten sie die Deutsche Welle um Hilfe beim Verlassen des Landes. Ihr frischer Sound eines freien Afghanistan: Er dürfte verstummen.

Kabuler Künstler malen gemeinsam an einem Wandbild

Gemeinschaftsbild von Kabuler Künstlern

Um ihre Leben nicht zu gefährden, wollen auch die Mitglieder eines Künstlerkollektivs in Kabul nicht mehr mit Namen genannt werden. Die Gruppe kümmert sich um junge Malerinnen und Maler, verschafft ihnen Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten. Was wird aus ihnen? "Wir gehören dann den Taliban", sagt einer im Fernsehbeitrag eines westlichen Senders, "wir können nichts tun. Sie sind gegen Kunst." Eine Malerin erklärt: "Alles was wir malen, alles, was wir bis jetzt gemacht haben, ist Blasphemie für die Taliban - weil wir Gesichter malen, weil wir Botschaften an die Bevölkerung übermitteln." Am Montag war die Homepage des Kollektivs noch online. "Wir wollen Kabul zur Welthauptstadt der Straßenkunst machen", stand dort. Auch so ein Traum, den der Sieg der Taliban nun platzen lässt.

Visa-Notprogramm gefordert

Die Geschehnisse am Hindukusch haben weltweites Entsetzen hervorgerufen.Khaled Hosseini ist US-amerikanischer Schriftsteller afghanischer Abstammung und Arzt. Sein erster Roman ″The Kite Runner" (deutscher Titel: "Drachenläufer") erschien 2003 und wurde 2007 verfilmt. Wie auch in Hosseinis zweitem Buch ″Tausend strahlende Sonnen" (2007) spielt die Handlung in Afghanistan. Der Autor meldete sich auf Twitter mit einem klaren Statement: "Die Menschen in Afghanistan haben das nicht verdient!"

Khaled Hosseini

Khaled Hosseinis Bücher sind weltweit erfolgreich

Unterdessen forderten deutsche Medien von der Bundesregierung ein Visa-Notprogramm für afghanische Mitarbeitende deutscher Medienhäuser. In einem offenen Brief, den unter anderem das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", die "Süddeutsche Zeitung", der TV-Sender Arte, der Deutschlandfunk und die DW veröffentlichten, war von der "Sorge vor Racheakten gegenüber den Mitarbeitenden" die Rede.

 

Die jetzige Situation sei abzusehen gewesen, seit die USA im Februar 2020 einen Friedensvertrag mit den Taliban ausgehandelt hätten, so Karimi. Die Zusage der US-Regierung unter Trump, die amerikanischen Truppen innerhalb von 14 Monaten abzuziehen, habe im Land für wachsende Unruhe gesorgt -  jetzt hätten die Taliban endgültig die Macht übernommen. "Wendet euch nicht von uns ab", schrieb Karimi in ihrem offenen Brief an die Weltgemeinschaft. "Wir brauchen eure Hilfe und eure Stimme, um für die afghanischen Frauen, Kindern, Künstler und Filmemacher zu sprechen."